Fieldset
Eine Zaubermaschine

Die meisten Säuglinge, die mit Verdacht auf Tuberkulose (TB) ins das Krankenhaus kommen, sind leider nicht so proper und agil wie die kleine Shirinmoh (Name geändert). Neun Monate ist sie alt, seit Montag aufgenommen, auf den ersten Blick sieht man ihr nichts an.

Die meisten Säuglinge, die mit Verdacht auf Tuberkulose (TB) ins das Krankenhaus kommen, sind leider nicht so proper und agil wie die kleine Shirinmoh (Name geändert). Neun Monate ist sie alt, seit Montag aufgenommen, auf den ersten Blick sieht man ihr nichts an. Das Gewicht stimmt, sie wirkt aufgeweckt, und laut der Mutter krabbelt sie auch schon fleißig. Alles keine Selbstverständlichkeiten hier.

Christoph Höhn und die Krankenschwester Gulru Nobodieva untersuchen das neunmonatige Baby, Copyright Foto: Christoph Höhn

Christoph Höhn und die Krankenschwester Gulru Nobodieva untersuchen das neunmonatige Baby, Copyright Foto: Christoph Höhn

Bei der Untersuchung fällt dann jedoch auf, dass mit der Lunge einiges nicht in Ordnung ist. Die Atmung ist etwas angestrengt und beschleunigt, beim Abhören rasselt es deutlich auf beiden Seiten. Die Mutter verneint jeden Kontakt der kleinen Patientin zu einem an Tuberkulose Erkrankten in der Familie oder Nachbarschaft. Und nein, es fällt ihr auch niemand mit den typischen Symptomen ein, der vielleicht gar nichts von seiner Erkrankung weiß. Meine Dolmetscherin zählt sie schon von alleine auf: Fieber, Husten, Gewichtsverlust, Nachtschweiß? Niemand? Wirklich niemand?
Die Fragerei ist so mühsam wie wichtig. Falls es einen engen Kontakt gibt und dieser Patient an einer resistenten Form der Tuberkulose erkrankt ist, dann sollte Shirinmoh auch darauf behandelt werden. Die Chance, dass ihre Bakterien noch sensibel auf die üblichen Tuberkulose-Medikamente reagieren und für sie somit eine normale, weit weniger aufwändige Behandlung als die für multiresistente TB ausreichen würde, wäre zwar nicht null, aber extrem gering. Leider ist bei Kindern generell auch die Chance, die Bakterien der Tuberkulose direkt nachzuweisen, ziemlich gering - somit auch für sie Wenn das bei ihr aber gelingen sollte, wüsste man auch, ob ihre Tuberkulose resistent ist oder sensibel für die üblichen TB-Medikamente. Aber zum Glück ist die Chance auf einen direkten Nachweis auch nicht null.

Seit einer Woche läuft in unserem Labor nämlich eine wahre Zaubermaschine. Im Studium durfte ich noch lernen, dass Tuberkulose-Bakterien sehr langsam wachsen. Sehr sehr langsam. Es können bis zu sechs Wochen vergehen, bevor man auf der Kulturplatte etwas sieht. Bei den meisten anderen Bakterien sind es ein paar Tage. Will man dann wissen, ob die Bakterien resistent sind, geht das Warten wieder von vorne los. Ziemlich mühsam, ziemlich schlecht für die Patienten. Möglicherweise müssen sie über Wochen und Monate Medikamente einnehmen, die sich im Nachhinein als wirkungslos herausstellen.

Die Zaubermaschine heißt GenXpert® und liefert uns in zwei Stunden die Informationen, auf die man früher teilweise Monate warten musste. Shirinmoh hat Glück im Unglück. Am nächsten Tag wird mir von den tadschikischen Ärzten mitgeteilt, dass mittels GenXpert® in ihrem Sputum multiresistente Tuberkulose-Bakterien nachgewiesen wurden. So traurig das ist, Shirinmoh bleibt so zumindest das wochenlange Warten auf die richtige Diagnose und bis dahin eine wirkungslose Therapie erspart.

GenXpert® liefert in zwei Stunden die Informationen, auf die man früher Monate warten musste.

GenXpert® liefert in zwei Stunden die Informationen, auf die man früher Monate warten musste.

Stattdessen geht es nun darum, die Ärzte hier in Tadschikistan davon zu überzeugen, einen 8 kg schweren Säugling mit sechs verschiedenen Antibiotika über zwei Jahre zu behandeln. Shirinmoh wäre die bisher jüngste Patientin in Tadschikistan.