Fieldset
Von der Bank aufs Feld

Im Januar bin ich nach Kamerun gereist, um einen Film über Gesundheitserziehung zu drehen. Im Mittelpunkt des Films stand Sylvestre, ein Patient, der andere Betroffene dazu motiviert, sich behandeln zu lassen.

Im Januar bin ich nach Kamerun gereist, um einen Film über Gesundheitserziehung zu drehen. Im Mittelpunkt des Films stand Sylvestre, ein Patient, der andere Betroffene dazu motiviert, sich behandeln zu lassen. Sylvestre ist ein sanftmütiger Mann in den 30ern, der im Krankenhaus von Akonolinga, einer Stadt im Osten Kameruns, Chef des Fernsehsets ist - besonders, wenn Fußball auf dem Programm steht. Während meines Aufenthalts war er daher ein sehr wichtiger Mann: Die Nationalmannschaft von Kamerun nahm nämlich am Africa Cup of Nations in Angola teil.

Kamerun: Patienten der Station von Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus in Akonolinga schauen ein Spiel ihrer Fußball-Nationalmannschaft beim Africa Cup im Januar 2010. Copyright: Ärzte ohne Grenzen

Kamerun: Patienten der Station von Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus in Akonolinga schauen ein Spiel ihrer Fußball-Nationalmannschaft beim Africa Cup im Januar 2010. Copyright: Ärzte ohne Grenzen

Vor der von Ärzte ohne Grenzen erbauten Krankenstation drängten sich 50 Patienten, die an der seltenen Hautkrankheit Buruli Ulkus leiden, um Sylvestres Fernseher und verfolgten gebannt Kameruns Einsatz beim Afrika Cup. Bei jedem Torschuss gab es viel Geschrei und Tumult, doch die Hoffnung und der Einsatz der Fans wurden nicht belohnt. Kamerun verlor das Spiel.

Sylvestre ist ein leidenschaftlicher Fußballfan. Er liebt es, von seinem Helden, Roger Milla, der einst zum besten Spieler Afrikas gewählt wurde, zu erzählen. Es scheint so, als ob jedes Jahrzehnt für Kamerun eine große Herausforderung, aber auch einen möglichen Sieg bringt. Bei der FIFA Fußball Weltmeisterschaft 1990 überraschte die Nationalmannschaft die gesamte Fußballwelt, als der damals 38 jährige Milla vier großartige Tore schoss und Kamerun damit einen Platz im Viertelfinale sicherte. Niemals zuvor hatte ein afrikanisches Team bei einer Weltmeisterschaft besser gespielt. Vor der tollen Leistung von Milla und seinem Team in diesem Jahr nahmen Skeptiker afrikanische Mannschaften als WM Teilnehmer nicht ernst. "Keine Disziplin", meinten manche. "Keine Ausdauer", sagten andere.

Zehn Jahre später sah sich Kamerun mit einer viel größeren Herausforderung konfrontiert, einer Herausforderung mit geringen Erfolgschancen. Hier konnte Ärzte ohne Grenzen einen Beitrag leisten. Im Jahr 2000 startete Ärzte ohne Grenzen das erste Programm zur Behandlung von HIV in Kameruns Hauptstadt Yaounde und zeigte, was möglich ist: Diese ersten Patienten waren überglücklich über ihre Chance zu leben und widmeten sich mit Entschlossenheit ihrer Behandlung.

Es gab wieder Skeptiker, die meinten, dass Afrika kein Geld und keine medizinischen Einrichtungen habe und dachten, dass afrikanische Patienten nicht genug Disziplin aufbrächten, um die Therapie einzuhalten.

Heute, 2010, sind die "Lions Indomptables" ("die unbezähmbaren Löwen") und die Betroffenen von HIV/Aids in Kamerun mit neuen Herausforderungen konfrontiert, sowohl auf dem Fußballfeld als auch in den Kliniken.

Im Fußball haben die "Unbezähmbaren Löwen" die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Südafrika geschafft und gehören damit zu den Besten der Welt. Aber im Kampf gegen HIV/Aids ist der Weg für Kamerun noch weit. Im Moment erhält nur die Hälfte derjenigen, die antiretrovirale Medikamente bräuchten, die lebensrettende Therapie. Um es in einer Fußball-Metapher auszudrücken: Es gibt elf Spieler auf dem Platz, die HIV mit antiretroviralen Medikamenten bekämpfen, aber noch elf weitere auf der Bank, die verzweifelt auf Behandlung warten.

Dann entwickelt jedoch einer der elf Spieler, die Medikamente erhalten, Resistenzen. Patienten wie er sind mit der alten Barriere konfrontiert, dass Medikamente der zweiten Behandlungslinie zu teuer und zu komplex zu verabreichen sind. Erneut setzt sich Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium dafür ein, nicht nur für eine Behandlung zu sorgen, sondern zu beweisen, dass trotz Resistenzen eine Therapie erfolgreich sein kann.

So wie Kameruns Fußballfans sich darauf vorbereiten, ihr Team anzufeuern, so werden sich wieder viele Patienten in Akonolinga vor Sylvestres Fernseher versammeln. Und mit dem gemeinschaftlichen Jubel werden die "Unbezähmbaren Löwen" stürmen, für den Stolz und die Hoffnung ihres Landes und für die Menschen, die mit HIV/Aids leben.

Marcell Nimfuehr ist Communications Advisor (Pressereferent) für die Projekte von Ärzte ohne Grenzen in Kamerun.