Fieldset
Mit dem Esel zur Geburt

Mittlerweile ist das Gesundheitszentrum nach den Fluten wieder für die Mehrheit der Menschen hier zugänglich. Teilweise kommen Menschen von über 20 km Entfernung per Esel, was bedeutet, dass sie am Vortag bereits aufbrechen müssen.

Mittlerweile ist das Gesundheitszentrum nach den Fluten wieder für die Mehrheit der Menschen hier zugänglich. Teilweise kommen Menschen von über 20 km Entfernung per Esel, was bedeutet, dass sie am Vortag bereits aufbrechen müssen.

Mustafa habe ich in Absprache mit dem Chirurgen in unser Referenzkrankenhaus schicken können und ist, wie ich in Erfahrung bringen kann, gut in Goz Beida angekommen und auch behandelt worden. An dem Punkt habe ich die Luft angehalten bis der Chirurg mir die Auskunft gibt, dass er sein Bein vorerst behalten kann, wenngleich es auch kompliziert sein würde, bis die Heilung bei der jetzt noch größeren Wunde voranschreitet. Das bedeutet auch große Opfer für die Familie, da die Mutter weiterhin täglich mit Mustafa zum Verbandswechsel kommen muss. Da es sonst niemanden gibt, der diese Aufgabe übernehmen kann, ist für dieses Jahr eine wichtige Einnahmequelle der Familie durch das Fehlen der Mutter auf dem Feld verloren.
In dieser Woche bin ich abends ins Gesundheitszentrum gerufen worden. Eine Frau sei mit dem 8. Kind schwanger und hat seit drei Tagen Wehen. Erst jetzt ist sie zu uns zur Entbindung gekommen. Ich frage die notwendigen Fragen und stelle fest, dass die Situation wenig auf einen spontanen Geburtsverlauf hoffen lässt. Die Frau sei sehr erschöpft und der Muttermund kaum mehr als zwei cm geöffnet, nachdem die Fruchtblase bereits am morgen gesprungen sei. Die kindliche Herzfrequenz sei "zu schnell". Ich schnappe mein Funkgerät und mache mich mit zwei Nachtwächtern, wie es unsere Sicherheitsregeln vorschreiben, auf den Weg zum Gesundheutszentrum. Immer, wenn ich spät abends oder nachts ins Gesundheitszentrum gerufen werde und ich unsere Wohnanlage hinter mir lasse, muss ich kurz innehalten und ehrfürchtig in den immer aufs Neue atemberaubenden afrikanischen klaren Sternenhimmel schauen. Irgendwo schreit ein Kind, Grillen zirpen und vereinzelt kommen mir noch Menschen entgegen, teilweise noch vom Feld mit ihren Harken auf der Schulter.

Im Kreißsaal angekommen bahne ich mir meinen Weg durch die Großfamilie, die mich erwartungsvoll anschaut. Entgegen deren Erwartungen schicke ich erstmal alle hinaus. Ich stelle noch einige Fragen an die Patientin und bekomme übersetzt, sie habe sieben Kinder, davon sei eines gestorben. Eine hier sehr normale Antwort ist "ich habe sechs Kinder, davon leben vier". Darin sind Aborte meist nicht eingerechnet, die die Frauen hier oft gar nicht erst als solche wahrnehmen, da viele den Zeitpunkt der letzten Regel nicht kennen und oft glauben, es sei einfach eine verspätete Regelblutung. Nachdem ich die Patientin untersucht und mir ein Bild über die Lage verschafft habe entschließe ich mich für die Flucht nach vorne und gebe ein Wehenmittel. Eine Ewigkeit verschwindet die Patientin mit drei Begleiterinnen auf der Toilette. Die Frauen entbinden hier auf der Erde hockend, daher überrascht es nicht, dass die Frau wiederkommt und fragt, ob sie statt auf dem Entbindungsbett nicht auf den Boden Position beziehen dürfe. Nach etwas Räumerei (so groß ist der Raum nicht) machen wir es möglich und schieben noch eine kleine Bank hinter die Patientin, worauf sich eine der Begleiterinnen setzen soll, so dass sich die Patientin an sie anlehnen kann. Ich beziehe ebenfalls meinen Posten, vor der Schwangeren kniend, und versuche mit dem Hörrohr die kindlichen Herztöne unter den jetzt stärker werdenden Wehen zu verfolgen. Auch der Muttermund gehorcht und innerhalb kurzer Zeit können wir die letzte Phase der Geburt ansteuern. Ich bin beeindruckt, welche Kräfte diese Frau noch zu mobilisieren vermag, wenn man bedenkt, dass die Wehen bis zu diesem Moment bereits drei Tage angedauert haben, keine effektive Schmerzlinderung möglich ist und diese Frau dabei nicht einen Ton zum Ausdruck des Schmerzes herausbringt.

Es vergehen keine 10 Minuten und Kerfi bekommt einen weiteren Mitbürger.