Groupe de champs
Schwierige Entscheidungen, schwerwiegende Konsequenzen

Leider helfen mir meine Französischkenntnisse nur selten in der Kommunikation mit Patienten. Anamnese und Visite sind meist nur mithilfe meiner zentralafrikanischen Kollegen möglich, die für mich übersetzen. 

Sylvia Schaber ist Internistin. Seit vier Monaten ist sie für uns in Bossangoa in der Zentralafrikanischen Republik. In ihrem Blog berichtet die junge Ärztin von neuen Erfahrungen und begeisternden Menschen, aber auch von harter Realität und schwierigen Herausforderungen.

Von einem früheren Auslandsaufenthalt spreche ich noch gut Französisch. Doch anders als gedacht, hilft mir das leider nur selten in der Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten. Die meisten Menschen, die aus den umliegenden Dörfern zu uns kommen, sprechen Sango – neben Französisch die zweite offizielle Amtssprache in der Zentralafrikanischen Republik. Nur selten, meistens wenn die Patienten aus der „Stadt“ Bossangoa kommen, helfen mir meine Französischkenntnisse weiter. Andernfalls sind Anamnese und Visite nur mithilfe der lieben Kolleginnen und Kollegen möglich, die dann übersetzen. 

„Woher weiss man, dass ein Baby länger auf sich warten lässt?“

Deshalb war ich anfangs auch verwundert, dass so vieles im medizinischen Alltag anders abläuft, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Zum Beispiel, wenn ich Patienten mit Fieber bei der Aufnahme frage, wie lange sie bereits darunter leiden. Eigentlich eine einfache Frage ... Aber hier führt sie meist zu einer ein- bis zweiminütigen Unterhaltung zwischen den übersetzenden Kollegen und Patient. Die folgende Antwort ist dann meist wage. Nur selten lässt sich ein genauer Tag bestimmen. 

Mittlerweile habe ich herausgefunden, was dahintersteckt: Die meisten Menschen hier haben nie gelernt, etwas in Tages-, Wochen- oder Monatsangaben zu messen. Längst nicht alle hatten das Glück, in die Schule gehen zu können. Besonders für meine Kolleginnen und Kollegen in der Geburtshilfe ist das eine grosse Herausforderung. Stellt euch vor, es geht um eine Schwangerschaft: Woher weiss man, dass ein Baby etwas länger auf sich warten lässt, wenn es unmöglich ist, den Geburtstermin zu errechnen? Und wie entscheidet man, ob und wann man eventuell eingreift? Eine eingeleitete Schwangerschaft gibt es hier in Bossangoa daher so gut wie nie. 

msf244195_medium.jpg

Die meisten Menschen, die nach Bossangoa kommen, sprechen Sango. Deshalb brauche ich Kollegen, die für mich übersetzen, um mit den Patienten zu kommunizieren.

Leben gerettet, Leben zerstört?

Am Beispiel der Gynäkologie kann man noch etwas anderes Interessantes festmachen: kultur-traditionelle Besonderheiten. Eine Frau ohne ihre Gebärmutter scheint in der lokalen Gesellschaft ihren Status zu verlieren. Aus westeuropäischer Perspektive ist diese Vorstellung nur schwer zu begreifen. Hier sind Traditionen jedoch tief in den Gemeinschaften verankert. Das stellt die operierenden Kollegen nicht selten vor schwierige Entscheidungen mit entsprechend schwerwiegenden Konsequenzen: Belässt man beispielsweise bei einer Frau, die bei einer komplizierten Geburt einen Gebärmutter-Riss erlitten hat, die Gebärmutter im Bauch? In einem deutschen Krankenhaus wäre die Entscheidung glasklar, hier ist sie das nicht. Für die Frau bedeutet das Nicht-Entfernen der verletzten Gebärmutter ein grösseres Risiko für Komplikationen im Heilungsprozess. Und vor allem bedeutet es ein grosses Risiko für einen erneuten Gebärmutter-Riss bei einer weiteren Schwangerschaft. Das wäre dann lebensbedrohlich für Mutter und Kind. Auf der anderen Seite: Entfernt man einer Frau die Gebärmutter, riskiert man, dass sie von ihrer Familie verstossen wird.

Besonders deutlich wurde dieses Dilemma bei einer Patientin um die 48 Jahre mit dem Verdacht auf einen bösartigen Tumor der Gebärmutter. Sie bat mich während der Untersuchung bei einer möglichen Therapie auf keinen Fall ihre Gebärmutter zu entfernen. Als ich sie fragte, ob sie denn noch den Wunsch nach weiteren Kindern verspüre, war ihre Antwort ein klares Nein. Ein Blick zu den Schwestern der Station genügte, um zu verstehen, dass die Patientin die Entfernung aus eben jenen sozialen Ängsten heraus ablehnte. Als Ärztin ist das für mich manchmal schwer anzunehmen. 

Zum Glück gibt es hier viele Kolleginnen und Kollegen, die, aus der Zentralafrikanischen Republik stammend, nicht müde werden mir diese ganzen Feinheiten und Traditionen zu erklären. So tauche ich immer tiefer in das Leben hier ein. Und ich habe das Gefühl, zumindest in Ansätzen zu verstehen, was den Menschen hier im Leben wichtig ist.