Groupe de champs
Wunder

In einer Tragödie können auch Wunder geschehen. Heute erlebte ich einige solcher Momente.

In einer Tragödie können auch Wunder geschehen. Heute erlebte ich einige solcher Momente.

Der erste war ein ausführliches Gespräch mit dem jungen Mann, der als Fahrer für uns arbeitet. Wir waren die letzten beiden Tage in den nordöstlichen Teil des Landes unterwegs. Dort wollen wir klären, wie der Bedarf an medizinischer Hilfe bei den Haitianern aussieht, die in den Tagen nach dem Erdbeben zur Tausenden aus Port-au-Prince geflohen sind. Sie suchten medizinische Hilfe in den ländlichen Krankenhäusern, nachdem die Versorgung in der völlig überlasteten Hauptstadt nicht mehr ausreichend möglich war.

Unser Fahrer Christobal

Unser Fahrer Christobal

Unser Fahrer Christobal und ich hatten heute morgen etwas Zeit für ein kurzes Gespräch, bevor es wieder losging. Ich fragte ihn, wie er das Erdbeben erlebt habe – so, wie ich das alle Kollegen frage. Er erklärte, dass zwar sein Haus zerstört wurde, doch seine Frau und seine zwei kleinen Söhne überlebt haben, und dass sie jetzt wie alle anderen auch auf der Straße schlafen. Dann erzählte er mir noch eine unglaubliche Geschichte: Als er am Tag nach dem Erdbeben zum Büro von Ärzte ohne Grenzen kam, erfuhr er, dass eine unserer internationalen Kolleginnen verschüttet war, das Haus, in dem sie lebte, war eingestürzt. Einer der Kollegen hatte ihre gedämpften Rufe aus dem Untergeschoss gehört, darüber waren zwei Etagen eingebrochen. Christobal und drei weitere Mitarbeiter überzeugten den Landeskoordinator, mit bloßen Händen nach ihr zu graben. Die einzige Alternative wäre gewesen, auf einen Räumtrupp mit einem Kran und einem Laster zu warten. Aber so ein Trupp wäre frühestens in 48 Stunden verfügbar gewesen, wenn nicht erst in mehreren Tagen.

Sie wollten nicht warten, konnten sie doch ihre Ärmel hochkrempeln und ihr Bestes versuchen, um sie dort herauszuholen. Das Risiko, dass beim Wegräumen von Betonstücken die Reste des Gebäudes weiter destabilisiert würden und sie töten könnten, war hoch. Aber die Zeit drängte, und so begannen sie am 13. Januar um elf Uhr morgens – 15 Stunden nach dem Erdbeben – damit, Betonstücke, Metall und Schutt wegzuräumen. Es gelang ihnen, einen Tunnel freizumachen, durch den gerade mal eine Person zentimeterweise auf dem Bauch vorwärtskommen konnte. Während der Arbeiten befand sich gerade ein Mitarbeiter in diesem Tunnel, als ein Nachbeben das Gebäude erschütterte. Glücklicherweise bewegte sich nichts. Fünf Stunden, nachdem sie mit dem Graben begonnen hatten, konnten sie Kontakt zu der verschütteten Mitarbeiterin herstellen. Schließlich konnte sie sie langsam herausziehen. Sie kam mit Schnittwunden und Quetschungen davon und hatten glücklicherweise keine gebrochenen Gliedmaßen. Dass sie überlebt hat, ist ein Wunder. Der Mut von Christobal und seinen Kollegen, sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu retten, erfüllt einen mit Demut. Sie haben nicht gezögert, ihre Leben einzusetzen, um sie zu retten. Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, das gleiche zu tun. Christobal sagte heute Morgen zu mir: „Es gibt kein Morgen. Es gibt nur heute und das Leben im Hier und Jetzt. Denn wir wissen einfach nicht, was morgen geschehen kann.“

Das zweite Wunder erlebte ich am späteren Morgen. Ich war im Krankenhaus in Dajabon, einer an der Grenze zu Haiti gelegenen Stadt in der Dominikanischen Republik zehn Stunden Autofahrt von Port-au-Prince entfernt. Dort besuchte ich mit meinen Kollegen Krankenstationen besucht. Wir erkunden dort, welchen medizinischen Bedarf die Patienten haben, die nach dem Erdbeben in die Dominikanische Republik gekommen sind. Als wir in die Nachsorge-Station kamen, winkte mich eine kranke junge Frau herbei. Als ich bei ihr war, flüsterte sie etwas auf Spanisch, aber ich verstand schnell, dass sie Haitianerin war. „Ich bin Krankenschwester und habe für Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus in Port-au-Prince gearbeitet, als das Erdbeben passierte”, erzählte sie. Ich fragte sie: „Du hast in der Geburtsklinik gearbeitet?“, und sie erwiderte: „Ja, ich wurde während des Erdbebens verwundet, aber meine Familie fand mich und brachte mich hierher nach Dajabon.“
Am Morgen des gleichen Tages hatte Ärzte ohne Grenzen mit einer Schweigeminute derjenigen Mitarbeiter gedacht, die vermisst werden, seit das Erdbeben unsere Krankenhäuser zerstört hat. Die Chancen, dass ich bei meiner Fahrt in die Dominikanischen Republik einen vermissten Mitarbeiter oder eine vermisste Mitarbeiterin finden würde, waren sehr gering. So bin ich voller Dankbarkeit, dass ich diese Verbindung herstellen konnte. Und dass ich diese kleinen Wunder erleben durfte.