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Kadija

Anfangs ist allein schon eine Latrine eine echte Umstellung. Wir trinken aus Blechtassen und Mikrowelle, Fernseher, Mobilnetz sind hier völlig undenkbar. Täglich gegen 6:00 höre ich die sanften unbeschlagenen Pferdehufe, wenn wir unser Wasser auf dem Pferdekarren geliefert bekommen.

Anfangs ist allein schon eine Latrine eine echte Umstellung. Wir trinken aus Blechtassen und Mikrowelle, Fernseher, Mobilnetz sind hier völlig undenkbar. Täglich gegen 6:00 höre ich die sanften unbeschlagenen Pferdehufe, wenn wir unser Wasser auf dem Pferdekarren geliefert bekommen. Eine Oberfläche ohne eine mehr oder weniger dünne Sandschicht gibt es kaum. Wir haben neuerdings fließendes Wasser, ein Maßstab für Fortschritt und schierer Luxus hier.

Überhaupt scheint alles hier nach völlig anderen Prinzipien zu funktionieren. Was hier schnell zu verstehen ist, sind die vielen Probleme, die zumeist aus dem täglichen Leben in Armut heraus entstehen.  Auf dem täglichen Weg zum Gesundheitszentrum treffen wir hauptsächlich Kinder, von denen fast jedes abgewetzte Kleidung (wenn überhaupt) und nur wenige Schuhe tragen. Die Frauen, die uns unterwegs begegnen, balancieren gekonnt ein Tablett mit Verkaufsware oder einen Wassereimer auf ihren Köpfen, als hätten sie das mit den ersten Laufschritten gelernt. Die farbenfrohen Gewänder der Frauen bringen leuchtende Farben in das zumeist sandfarbene Umfeld. Und wenn man dann noch genauer hinsieht, dann ist hinten unter der obersten Schicht Stoff eine winzige Silhouette von Kind zu sehen, dass um die Taille gebunden ist, außerdem Frauen, Männer und Kinder jeder Altersgruppe, die auf bepackten Eseln oder Kamelen an uns vorbeiziehen.

Und dann sehe ich zum ersten mal in meinem Leben ein Kind, Kadija, sterben. Für die Antibiotikatherapie, die wir nach der Visite beginnen wollten da dieses schwer mangelernährte Mädchen auch noch Durchfall hatte, war es schon zu spät.

Selbst wenn man glaubt, man käme damit zurecht, dass Patienten sterben, so ist es doch etwas völlig anderes und gemäß unserem Verständnis wider die Natur, wenn es ein Kind ist, das noch ein ganzes Leben vor sich haben könnte. Am gleichen Morgen berichtet der Nachtdienst von der Ankunft einer Familie am Abend zuvor, die zu dritt aus einem entfernter gelegenen Dorf auf dem Motorrad angereist kam. Als die Mutter das Kind aus dem Tuch hob, das um ihren Rücken gebunden war, kam jede Hilfe zu spät. Das Kind war bereits unterwegs auf dem Rücken seiner Mutter gestorben.

Warten im Gesundheitszentrum

Wartende im Gesundheitszentrum

Auf dem Rückweg vom Gesundheitszentrum winken mir wie gewohnt Kinder mit strahlendem Lächeln auf den kleinen Gesichtern und rufen mir „Salamaleikum, ca va?“ zu. An dem Tag fiel es mir ungewohnt schwer, ein ebenso unbeschwertes Lächeln zu entgegnen. Das war bisher einer der schwierigsten Tage seit meiner Ankunft im Tschad.

Eine schwere Geburt

Drei Wochen später, an einem Wochenende, warte ich um 13:30 verzweifelt auf eine Ambulanz aus Goz Beida. Eine 17 jährige Nomadin ist am Mittag mit Wehen zur Klinik gekommen. Sie erwartet ihr erstes Kind und hat bereits seit sechs Tagen Wehen. Der Muttermund ist seit 11:30 auf vier Zentimeter eröffnet und die Geburt geht nicht weiter voran. Zusätzlich zum Geburtsstillstand entwickelt die Frau Fieber und die Herzfrequenz des Kindes ist deutlich beschleunigt, was auf eine Infektion des Kindes deutet.

Normalerweise erwarten wir die Ambulanz je nach Straßensituation innerhalb von 40-60 Minuten, eine Zeitspanne, die ein hohes Risiko für Mutter und Kind bergen kann. Nach unzähligen Kontakten nach Goz Beida mit erheblichen Kommunikationsproblemen erfahren wir, dass die Ambulanz auf halber Strecke einen Unfall gesehen hat und umkehrt ist, um die verunglückte Person zurück ins Krankenhaus zu bringen. In der Zwischenzeit versuchen wir so gut es geht, die Frau, die von den Wehen schon völlig erschöpft ist, mit Medikamenten zu unterstützen. Glücklicherweise sind die Herztöne des Kindes stets hörbar.  Durch die schlechten Straßenbedingungen verlieren wir weiterhin kostbare Zeit, während die junge Frau tapfer mit ihren Wehen kämpft. Um 18:00 bekommen wir nach beharrlichen Nachfragen endlich die Bestätigung, die Ambulanz sei auf dem Weg. Wahrscheinlich wäre die Patientin letztendlich schneller auf dem Kamel gewesen, denke ich sarkastisch. So hatte sie nämlich  mit ihrer Familie bereits die beschwerliche Strecke zu unserem Gesundheitszentrum zurückgelegt.

Diese Situation ist ein für mich völlig neues Gefühl der Hilflosigkeit. Am liebsten hätte ich den Kaiserschnitt schon vor vier Stunden selbst gemacht, aber dafür haben wir in dem auf medizinische Grundversorgung ausgerichteten Gesundheitszentrum nicht die Mittel. So hoffe ich, erstens, dass die Ambulanz es nach Kerfi schafft, zweitens, dass sie das Flussbett passieren kann, drittens, dass die Frau durchhalten möge und, wenn ich noch einen Wunsch offen haben möge, dass das Kind das Ganze überlebt!

Und dann lösen sich plötzlich alle Probleme auf wundersame Weise, als am nächsten Morgen um 7:43 ein gesunder Junge zur Welt kommt. Die Ambulanz hatte übrigens eine Panne, wie wir später erfahren, und es so nie nach Kerfi geschafft.