Feldgruppe
Je tiefer die Nacht, desto näher der Tag

13.000 stationäre Aufnahmen im Jahr zählt die Klinik in Mweso in der D.R. Kongo. Wolfgang und sein Team kommen nicht selten an die Grenze der Erschöpfung.

Unsere Klinik in Mweso in der D.R. Kongo steht in ihrer Vielfalt meinem Amberger Krankenhaus kaum nach: Die meistbesuchten Abteilungen sind die Geburtshilfe und Familienplanung, die innere Medizin (hier wird sich auch um Infektionskrankheiten gekümmert) und die Pädiatrie mit dem traurigen Schwerpunkt Mangelernährung.

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Lange Wartezeiten sind bei der Anamnese oft vorprogrammiert...

Der „Bloc-OP“ nimmt sich aller Patient*innen an, die operativ versorgt werden müssen. Chirurgische Eingriffe sind oft nach häuslichen Unfällen (häufig Verbrennungen), nach Verkehrsunfällen oder in Folge von Gewalteinwirkung nötig. Besonders schnelles Handeln ist bei komplizierten Leistenbrüchen und Darmdurchbrüchen, vor allem bei Kindern (meist durch Typhus verursacht), erforderlich. Für deutsche Kolleg*innen mag es kaum vorstellbar sein, dass wir die Narkosen ohne Intubation und Muskelrelaxans vornehmen. Das Krankenhaus hat noch keine Ausrüstung zur Intubation und Beatmung, dem Team fehlt die praktische Erfahrung. Bei Narkosen wird stattdessen Ketamin erfolgreich eingesetzt.

In den meisten ländlichen kongolesischen Krankenhäusern ist dies der Standard der Patient*innenversorgung. Wir hoffen jedoch, nach Möglichkeit ein höheres Versorgungsniveau anbieten zu können. In einem stabileren Umfeld, wie in Mweso, wäre Intubation eine Option bei Narkosen. Darum gehört zu meinen Aufgaben hier auch, zu evaluieren, inwiefern die Vollnarkose mit zu den verfügbaren Anästhesie-Optionen aufgenommen werden kann. In jedem Fall sind wir alle erleichtert und glücklich, wenn die kleinen Sorgenkinder aufwachen und am nächsten oder übernächsten Tag wieder trinken und essen wollen.

Bis an die Grenzen der Erschöpfung

Zum Projekt in Mweso gehört darüber hinaus eine grosse Ambulanz mit über 100 Besucher*innen pro Tag und ein Netz aus vielen Gesundheitsstützpunkten im weitem Umkreis des Krankenhauses. Man kann sie sich als einfache Ambulatorien ohne Arzt vorstellen. Nach gut bewährten Standards werden dort von sehr engagierten lokalen „Infirmiér(e)s“, also von Pflegepersonal, fast 400.000 Menschen im Jahr behandelt. Schwer Erkrankte werden ins Krankenhaus eingewiesen. 

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Das Wohl der Patient*innen an erster Stelle - das kongolesische Pflegepersonal leistet grossartige Arbeit.

13.000 stationäre Aufnahmen im Jahr bringen das Team nicht selten an die Grenze der Erschöpfung. Die häufigste Diagnose ist eine komplizierte Form von Malaria. Tuberkulose, die leider eine typische Erkrankung von Menschen unter einfachsten Lebensverhältnissen ist, folgt auf dem zweiten Platz. Sie bereitet immer wieder diagnostische Probleme in ihrer Vielfältigkeit. Cholera ist zum Glück selten, ein Ausbruch lässt sich jedoch auf unzureichende Hygienestandards, schlechte (Trink)wasserqualität und Vertreibungen zurückführen. Da der Impfschutz gegen Masern auch hier aufgrund der schlecht funktionierenden öffentlichen Gesundheitssysteme häufig unvollständig ist, sehen wir leider immer wieder schwere Verläufe.

Never ending stories

Tja, soviel – oder so wenig – zur Arbeit, die unser Denken und unsere Gespräche bis abends beschäftigt. Umso wichtiger ist der Feierabend: Vereinbart haben wir vor allem ein Verbot, weiter über die Arbeit zu reden. Jede*r hat seine ganz eigene Strategie, zur Ruhe zu kommen: Für mich ist es mal eine Stunde Yoga, mal Saxophonspielen (ja, ich habe ein Altsax dabei! :)) und immer: Lesen. 

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Zur Ruhe kommen durch Yoga - besonders wichtig, um nach der Arbeit mal abschalten zu können.

Wichtig für die meisten hier ist die abendliche Geselligkeit: Wir essen zusammen, spielen Karten oder (Google-basiertes) Trivial Pursuit. Wir hören gemeinsam Musik und lauschen den Erzählungen aus den Leben der Anderen. Bei der typischen bunten Zusammensetzung der Ärzte ohne Grenzen-Familie sind das Never ending Stories!

Und so schön manchmal die Vorstellung einer unendlichen Geschichte auch ist - beim nächsten Mal berichte ich bereits vom Rückweg meiner spannenden Reise.

Euer Wolfgang