Feldgruppe
Wenn Menschen fliehen, um Schutz zu suchen

"Die Gründe für eine Flucht sind so zahlreich wie es Flüchtende gibt"

Refugee women in Ain Issa camp, Syria, September 2017

Südsudan. Guinea. Jemen. Jemen. Äthiopien. Jemen. Nigeria. Zentralafrikanische Republik. Demokratische Republik Kongo. Irak.

Das ist vermutlich eine der kürzesten Zusammenfassungen die ich über meine letzten vier Jahre im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen geben kann.

Dazwischen immer wieder Wien. Freunde, Familie sehen. Schlafen, essen, ein Glas Wein geniessen. Batterien auftanken für das nächste Projekt.

Man könnte glauben, allein die Auflistung dieser Länder sagt alles aus. Konflikte, Armut, Krankheit, Bürgerkrieg, Hungersnot.

Wirklich?

Wirklich? Denn wenn ich diese Namen betrachte, liegt so viel mehr dahinter. Ich erinnere mich an Gesichter, Geschichten, Namen von Kollegen und Patienten, oft auch an die umgebende Natur, an das landestypische Essen, die Musik.

Auch an tragische Momente, wenn wir einen Patienten verloren haben, wenn man das persönliche Schicksal der Kollegin hört, manchmal auch die Momente wo mir selbst alles zu viel wird. Doch nicht einen Einsatz davon möchte ich missen.

Die Freude der Patienten in Guinea, wenn sie es geschafft hatten und die das Ebola Behandlungszentrum als geheilt verlassen durften.

Das (unglaublich leckere) Fastenbrechen im Ramadan im Jemen gemeinsam mit den lokalen Mitarbeitern und unser kleiner Held, wie wir ihn liebevoll nannten – ein Neugeborenes das schon beinahe von uns aufgegeben, sich doch zurück ins Leben kämpfte.

Die Touren auf dem Motorrad durch den zentralafrikanischen Dschungel um auch im letzten Dorf noch die Kinder zu impfen und am Abend die gemeinsamen Stunden am Lagerfeuer.

Der zähe Wille der irakischen Mütter, die sich oft alleinstehend durch das schwere Leben im Camp kämpfen und meine Kollegen die harte Kriegsjahre hinter sich haben und doch ihr Lächeln nicht verlieren.

Aus der Ferne klingen diese Länder fremd und weit, nichts was uns hier angeht. Teils viele Flugstunden entfernt, von einigen hat man vielleicht mal in der Zeitung gelesen oder im Radio gehört. Andere klingen möglicherweise völlig unbekannt.

Wenn man nochmal darüber nachdenkt, fällt einem vielleicht ein, dass viele der Menschen, die versuchen über das Mittelmeer zu fliehen, aus einigen dieser Länder stammen.

Ich selbst habe zwar nie auf dem Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen gearbeitet – aber in einigen der Ländern aus denen diese Menschen fliehen.

Die Gründe

Die Gründe für eine Flucht, sind so zahlreich wie es Flüchtende gibt. Denn das hinter jedem einzelnen eine Geschichte steht, dass wird bei den genannten Zahlen oft vergessen.

Ein jeder hat Schwestern oder Brüder, Kinder oder Eltern, aber ganz sicher eine/n beste/n Freund/in zurückgelassen. Bei einem der letzten Bootsunglücke auf dem Mittelmeer in letzter Zeit sind allein 117 Menschen umgekommen. Diese Fluchtroute ist so gefährlich, dass die Entscheidung sie zu wagen, fast immer der letzte Ausweg ist.

Das weniger Menschen versuchen zu fliehen, nur weil es keine Rettungsschiffe mehr gibt, ist ein Trugschluss. Denn die Gründe für eine Flucht bleiben ja bestehen – und es liegt auch nicht an uns, diese zu bewerten.

Dass Libyen kein sicherer Herkunftsort ist, ist weit bekannt. Internierungslager in denen Folter und Vergewaltigungen an der Tagesordnung stehen, sind mehr als weit verbreitet. Zugang zu medizinischer Hilfe ist so gut wie nicht vorhanden.

Im Laufe meiner Jahre bei Ärzte ohne Grenzen, habe ich viele Geschichten gehört. Einige davon sind kaum zu ertragen. Die Stärke der Menschen vor Ort, weiterzumachen, die Hoffnung nicht aufzugeben, gehört zu den eindrucksvollsten Erinnerungen, die ich immer wieder mit heim nehme.

Etwas anderes ist die enorme Wertschätzung meiner eigenen Privilegien in denen ich aufgewachsen bin, der sichere Hafen in den ich nach jedem neuen Einsatz wieder zurückkehren darf. Und um wieviel reicher mein Leben, durch diese Erfahrungen und neugewonnene Freundschaften bereits geworden ist.

Mit Sorge jedoch betrachte ich auch bei jeder Rückkehr, wie hoch die Mauern in der Zwischenzeit gewachsen sind in Europa, in Österreich. Mauern die uns den Blick versperren auf Menschen in Not, Mauern die es verbieten, Menschenleben zu retten. Ein Beispiel nur ist der erzwungene Stopp des Rettungsschiffes von Ärzte ohne Grenzen auf dem Mittelmeer.  Es sterben nun nicht weniger Menschen, wir sehen sie bloss nicht mehr alle.

Auch wenn ich mich als Krankenschwester im humanitären Einsatz besonders betroffen fühle, so weiß ich doch, dass ich nicht die einzige bin, die sich sorgt, wenn öffentlich Menschenrechte angezweifelt werden.

Wir können es nur gemeinsam schaffen

Ich werde auch weiterhin für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz sein. Aus meinen Blogs werde ich euch auch weiterhin berichten, von der Hilfe vor Ort mit denen wir Menschenleben retten.

Ob dies nun grosse oder kleine Menschen, verwundete Soldaten oder Schwangere, diese in Afrika oder im Nahen Osten leben, ist dabei nicht von Bedeutung.

Und ihr? Verschliesst eure Augen nicht, lasst euch nicht täuschen von Mauern, auch wenn es welche aus Worten sind und lasst die Menschlichkeit nicht aus euren Herzen verschwinden.

Wir können es nur gemeinsam schaffen.