Feldgruppe
Ein Haar in der Bibel gegen Covid-19? Mythen und Aufklärung in Zeiten des Coronavirus

Als Gesundheitsberater kennt Tumaini Kombe die Bedürfnisse und Sorgen der Menschen, mit denen er zusammenarbeitet. Im Camp Nduta im Nordwesten Tansanias, wo er für uns im Einsatz ist, leben mehr als 75.000 burundische Geflüchtete. Ärzte ohne Grenzen ist dort alleiniger medizinischer Versorger. Tumaini ist für die Präventionsmaßnahmen gegen einen Covid-19-Ausbruch zuständig und berichtet uns von seinem Alltag und seinen Eindrücken.

Jeden Morgen reihen wir uns auf dem Weg aus roter, feuchter Erde vor den stählernen Sicherheitstoren ein, hinter denen sich das riesige Lager erstreckt: ein Meer aus Notunterkünften, provisorisch errichtet aus Plastikplanen und Lehmziegeln, ringsherum ragen Baumkronen in die Höhe. 

Am Eingang wird unsere Temperatur gemessen, wir waschen uns die Hände und machen uns auf den Weg zum Krankenhaus. Auf der Durchfahrt scheint die Sonne durch die Baumwipfel am Wegesrand. In weiter Ferne, hinter den Bergen, liegt Burundi. Wir steigen aus dem Bus aus und betreten das Krankenhaus. 

Angesichts der raschen Ausbreitung des Coronavirus in Tansania und in ganz Afrika konzentriert sich ein Teil meiner Arbeit als Gesundheitsberater darauf, die Menschen auf einen Ausbruch im Lager vorzubereiten.

Dabei geht es darum, die mehr als 75.000 Menschen aus Burundi für das Thema zu sensibilisieren. Von der Behandlung von Durchfall und Malaria bis hin zur Schwangerschaftsvorsorge und HIV beraten wir die Menschen bereits zu zahlreichen Themen. In Hinblick auf den möglichen Ausbruch von Covid-19 haben wir nun damit begonnen, über Hygiene- und andere Präventionsmaßnahmen aufzuklären, um die Verbreitung des Virus zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

Ein Haar in der Bibel gegen Covid-19

Die Aufklärung und Sensibilisierung der Menschen hier ist wirklich wichtig, da im Lager viele Gerüchte kursieren. Beispielsweise waren die Menschen hier vor Kurzem ziemlich damit beschäftigt, ein menschliches Haar in ihren Bibeln zu suchen, nachdem ein prominenter religiöser Führer behauptet hatte, dass dadurch Covid-19 geheilt werden könne. Gerüchten zufolge muss man, um von dem Virus geheilt zu werden, das Haar in einen Becher mit Wasser geben und ihn trinken. Eine unserer Aufgaben ist es, solchen Mythen über Covid-19 mit Aufklärung entgegenzuwirken. Wir sensibilisieren die Menschen für wirksame Präventionsmaßnahmen und gute Hygiene.

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Hände waschen im Nduta-Camp
Eine von wenigen Wasserstellen im Nduta-Camp: Etwa 2000 Menschen teilen sich dort einen Wasserhahn.

Allerdings gibt es Präventionsmaßnahmen, die die Menschen hier einfach unmöglich umsetzen können. So ist beispielsweise der in vielen Gesellschaften gesetzlich verordnete Mindestabstand zu Anderen im Nduta-Camp einfach nicht einzuhalten. Im Durchschnitt teilen sich fünf bis sieben Menschen eine kleine Unterkunft aus Lehmziegeln mit einem Metall- oder Plastikdach. Wenn Betroffene Symptome zeigen, wie sollen sie sich da isolieren? Oder den Rat, sich möglichst oft die Hände zu waschen, können die Menschen nicht befolgen, da es an Seife mangelt, es nur eine Wasserstelle für bis zu 300 Unterkünfte und nur drei Lebensmittelausgabestellen für das ganze Camp gibt. 

Geflüchtete brauchen unsere Unterstützung

Noch beunruhigender ist die Tatsache, dass viele unserer Patient*innen aufgrund von Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, HIV oder Diabetes zur Risikogruppe gehören. Darüber hinaus mangelt es an Isolationsmöglichkeiten sowie Test- und Behandlungskapazitäten. Zudem gehört die Region zu den ärmsten in Tansania.

Ein Ausbruch von Covid-19 könnte unser Krankenhaus überwältigen und für die Menschen verheerend sein. 

Wenn wir uns am Ende des Tages in den Bus setzen, um das Lager zu verlassen, winken uns Dutzende von barfüßigen Kindern mit einem breiten Lächeln zum Abschied. Die Sonne verschwindet hinter den mächtigen Bergen, die die Menschen in den Notunterkünften von ihrer Heimat trennen. Ich bin jeden Tag aufs Neue inspiriert und davon überzeugt, die Menschen im Lager zu unterstützen.

Doch wenn ich sehe, wie sich das Coronavirus in meinem Land ausbreitet und immer näher an das Lager herankommt, mache ich mir Sorgen. Unsere Teams arbeiten unermüdlich daran, sich auf einen möglichen Ausbruch vorzubereiten, doch unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Wir brauchen dringend mehr Unterstützung für die Geflüchteten und die tansanische Gesellschaft.