Feldgruppe
Work-Life-Balance zwischen Yoga und Schlangenbissen
Ein ganz besonderer Tag hier in Bossangoa ist immer der freie Sonntag. Für mich bildet Yoga einen Ausgleich zu Stress und Belastung durch die Arbeit. Denn es dauert nicht lange bis einen wieder der „ganz normale Wahnsinn“ erwartet.

Es ist ihr insgesamt zweiter Auslandseinsatz, ihr erster mit Ärzte ohne Grenzen. Sylvia Schaber ist Internistin und für uns in Bossangoa in der Zentralafrikanischen Republik. In ihrem Blog berichtet die junge Ärztin von neuen Erfahrungen und begeisternden Menschen, aber auch von harter Realität und schwierigen Herausforderungen.

Power Yoga auf Pappkarton

Ein ganz besonderer Tag hier in Bossangoa ist immer der Sonntag. Fast alle Kolleginnen und Kollegen versuchen an diesem Tag wirklich frei zu machen. Jeder geht auf dem Gelände – „dem Compound“ – seinen ganz eigenen Aktivitäten nach: Manche gucken Fussball, manche lesen, manche schlafen. Insgesamt herrscht eine sehr schöne, friedliche Stimmung. Ein besonderes Highlight ist es, wenn unser Apotheker Jean-Pierre, ein Kollege aus Ruanda, seine wunderbaren Fleischspiesse zubereitet. Wirklich alle freuen sich darauf!

Was mir persönlich hilft, ein Gegengewicht zu Stress und Belastung durch die Arbeit zu finden, ist Yoga. Es ist jedes Mal ein gutes Gefühl, wenn ich es sonntags schaffe, mit ein paar Kollegen in der strohgedeckten Hütte auf dem Compound 'Power Yoga' zu machen. Die Anleitungsvideos, die wir auf dem Tablet abspielen, habe ich von Zuhause mitgebracht. Wir haben nicht immer genug Yogamatten für alle. Als Alternativen halten Pappkartons und Plastikteppiche aus unseren Zimmern her.

„Der ganz normale Wahnsinn“ 

Das Krankenhausgelände hat sich in den wenigen Wochen, in denen ich hier bin, schon sehr verändert. Während dieser Zeit wurden drei Zelte für Patientinnen und Patienten errichtet, neue Latrinen gebaut und grosse Wäscheständer für die Kleidung und Stoffe der Patienten (die als Laken auf den Betten dienen) aufgestellt. Am meisten freuen mich die fertiggestellten Zelte, da wir nun mehr Möglichkeiten haben, die Kinder unterzubringen. Nun haben einige von ihnen auch ihr eigenes Bett. 

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Wäsche, Laken und Handtücher werden zum Trocknen in die Sonne gelegt.

Den Arbeitsalltag im Krankenhaus nenn ich gern „den ganz normalen Wahnsinn“: Der Patientenandrang, die grosse Mehrheit darunter Kinder, ist enorm. Auf der Station für mangelernährte Kinder betreuen wir fast 50 Prozent aller Patienten des gesamten Krankenhauses. Aus beruflicher Perspektive ist für mich der interessanteste Ort die Notaufnahme. Neben vielen Fällen von Malaria und Mangelernährung gibt es dort ein breites Spektrum an Diagnosen, die in Deutschland so nicht oder nur selten vorkommen. Das macht es für mich als Internistin wirklich spannend, aber natürlich auch zur Herausforderung. 

Zum Beispiel werden Patienten nach Motorradunfällen zu uns gebracht. Dabei hilft mir meine Erfahrung als Notärztin. Es kommen aber auch Patientinnen und Patienten mit anderen Problemen, wie eingeklemmten Leistenhernien, Pilzvergiftungen oder Schlangenbissen. Bei meinem ersten Schlangenbiss-Fall war ich ganz aufgeregt und wollte sofort das Gegengift verabreichen. Aber der Pfleger in der Ambulanz fragte mich (ungefähr so entspannt, wie ich aufgeregt war), ob der Patient denn Vergiftungszeichen hätte. Es gibt nämlich zahlreiche Schlangenarten, die kein Gift produzieren und trotzdem beissen. Selbst Giftschlagen verwenden in mehr als der Hälfte der Fälle kein Gift. Vor diesem Hintergrund wird hier erst nach gründlicher Untersuchung und einem Bluttest entscheiden, ob das wertvolle Gegengift überhaupt benötigt wird. In diesem Fall war kein Gegengift notwendig, und der Patient konnte nach 48 Stunden Überwachung und Schmerztherapie unser Krankenhaus wohlbehalten verlassen.