Feldgruppe
Langsam und doch viel zu schnell

Nach meinen sechs Monaten hier in der Zentralafrikanischen Republik kann ich nur sagen: Es ist eine Wahnsinns-Erfahrung! Man lernt so viel. Ich bin mir sicher: Ein Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen lässt keinen unverändert nach Hause zurückkehren.

Sylvia Schaber ist Internistin und war sechs Monate lang für uns in Bossangoa in der Zentralafrikanischen Republik. Am Ende ihres Einsatzes blickt sie ein wenig wehmütig, aber voller Dankbarkeit auf die Arbeit in einem internationalen Team zurück.

Schon am Monatsende verlasse ich Bossangoa. Ich habe die Leute, das Projekt und das Leben hier sehr lieben gelernt und gehe schweren Herzens. Was mir an Weihnachten und Sylvester allerdings noch so weit weg schien, wird langsam wieder mehr und mehr vorstellbar – das Leben in Deutschland: Richtig guten Käse frühstücken, die Stille in meiner wunderschönen Wohnung geniessen, in Winterstiefeln spazieren gehen und einen richtig guten Espresso in einem Café trinken. Es sind die kleinen Sachen, auf die ich mich freue, jetzt, wo die Rückreise näher rückt.

Weihnachten mit DJ Wilfried 

Doch bevor ich in Wehmut verfalle, erzähle ich euch lieber noch von meinem Weihnachten hier. Es waren besondere Feiertage, denn, wie man sich denken kann, war alles komplett anders als sonst. Es fing schon bei den Vorbereitungen an: Während meines letzten Rest-and-retreat-Wochenendes in Bangui hatte ich einen Weihnachtsbaum – eine 1,20 m hohe Schönheit aus Plastik – sowie eine Lichterkette und eine Krippe ergattert. Dank der lieben Kollegen in Bangui kam der Baum ein paar Tage nach mir mit dem Flugzeug in Bossangoa an. Zusammen mit der Krippe haben wir ihn in unserem Wohnzimmer aufgestellt. Trotz alledem, muss ich gestehen, wollte sich keine echte Weihnachtsstimmung einstellen.

Am Morgen des 24. Dezember, der im Krankenhaus ein ganz normaler Arbeitstag war, haben wir zur Einstimmung Weihnachtslieder beim Frühstück gehört und Eline, unsere Kollegin aus Schweden, hat Pepperkakor, schwedische Weihnachtsplätzchen, angeboten. Heiligabend gab es dann ein gemeinsames Festmahl mit Spiessen vom Grill, Pasta mit Ragu (eine Art Bolognese aus dem Ofen) und selbstgemachtem Pesto aus selbstgezogenem Basilikum mit echten Pinienkernen aus Bangui. Ausklingen liessen wir den Abend auf unserer „Skybar“ mit Musik von DJ Wilfried :-) –  einem tollen Kollegen von der Elfenbeinküste. 

Die traurige Realität

Nur das Chirurgie-/Anästhesieteam musste arbeiten. Sie waren zu einem Kaiserschnitt ins Krankenhaus gerufen worden, um einem Kind auf die Welt zu helfen. Das Kind kam jedoch tot zur Welt. Leider sind solche Vorfälle hier traurige Realität: Die langen Wege zum Krankenhaus, eine unzureichende Schwangerschaftsvorsorge und, wie ich bereits in einem früheren Post geschrieben habe, die Unkenntnis bzw. Unbestimmbarkeit des Geburtstermins erhöhen das Risiko von Komplikationen bei der Geburt.

Bereits am 25.12. hatte auch ich wieder normalen Dienst im Krankenhaus. Den Vormittag habe ich mit Visite und der Aufnahme neuer Patienten in der Notaufnahme verbracht. Es war wie immer ein Tag, der viele Fälle bot, die man in Deutschland nicht oder nur selten sieht: Ein Kind mit Malaria litt unter schwerer Blutarmut (dies ist eine Folge von Malaria), in unserer Blutbank war zum Glück das passende Blut für das Kind verfügbar. Ein anderer Patient litt unter Gastroenteritis, einem Magen-Darm-Infekt mit schwerer Dehydratation, die ein getrübtes Bewusstsein zur Folge hatte. Zum Glück konnten wir allen, die eingeliefert wurden, tatsächlich helfen und der Tag blieb im Anschluss an die Visite ruhig.

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Auch am Ende meines Einsatzes habe ich noch einiges zu tun: Die letzten Fortbildungen und Ultraschallkurse stehen an und ein guter Handover-Report will auch noch geschrieben werden.

 

Die schöne Realität

Ich konnte sogar früher Feierabend machen. Wieder zurück in unserer Unterkunft warteten meine Kollegen mit einem wundervoll vorbereiteten Weihnachtsessen auf mich! Was für ein schönes Gefühl, als ich ankam: Alle sassen auf der Veranda und freuten sich über meine frühe Rückkehr. Und schon werde ich wieder ganz traurig, wenn ich daran denke, dass unsere gemeinsame Zeit bald endet.

Doch noch haben wir ja einige Tage zusammen. Und in denen gibt es noch Einiges zu tun und zu erleben. Es stehen noch die letzten Fortbildungen aus meiner Fortbildungsreihe an. Ebenso sind die letzten Ultraschallkurse für die Kolleginnen und Kollegen geplant. Ein guter Handover-Report ist ebenfalls schon fertig, damit der Kollege oder die Kollegin, der/die mich ersetzen wird, genau dort anknüpfen kann, wo ich aufgehört habe. 

„Ich kehre nicht als die gleiche Person zurück, die ich war, als ich hier ankam.“ 

Und dann bleibt noch die Verabschiedung. Im Krankenhaus wird mein Abschied, inklusive Party, bereits geplant. Wie ich schon einige Male miterleben durfte, sind Abschiede hier ein grosser Festakt mit offiziellen Reden, Sitzordnung und viel lauter Musik. Es hat etwas sehr Würdevolles und Feierliches – ich bin gespannt. Spätestens wenn der Tanzteil beginnt, wird die Stimmung bestimmt lockerer. Ich freue mich schon jetzt darauf. (Obwohl man sich als Europäerin hier meist unglaublich unmusikalisch und unbeweglich fühlt. :-) ) 

Nach meinen sechs Monaten hier in der Zentralafrikanischen Republik verstehe ich nun jedenfalls viel besser, warum Leute immer wieder mit Ärzte ohne Grenzen in die verschiedenen Projekte gehen. Es ist eine Wahnsinns-Erfahrung! Man lernt so viel. Ich bin mir sicher: Ein Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen lässt keinen unverändert nach Hause zurückkehren.