Feldgruppe
Der Glaube an die Naturheilkräfte

Die traditionelle Medizin spielt in der Zentralafrikanischen Republik eine wichtige Rolle. Uns stellt dieser Glaube vor grosse Herausforderungen, da wir nur mit den Fällen zu tun haben, in denen die Naturheilverfahren unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen.

Es ist ihr insgesamt zweiter Auslandseinsatz, ihr erster mit Ärzte ohne Grenzen. Sylvia Schaber ist Internistin und für uns in Bossangoa in der Zentralafrikanischen Republik. In ihrem Blog berichtet die junge Ärztin von neuen Erfahrungen und begeisternden Menschen, aber auch von harter Realität und schwierigen Herausforderungen.

Die médicine traditionelle, also die Behandlung von gesundheitlichen Leiden mit natürlichen Rezepturen, spielt in der Zentralafrikanischen Republik eine wichtige Rolle. Das gilt auch hier in Bossangoa und wir sehen es regelmässig hier im Krankenhaus. Der Glaube an Naturheilkräfte ist stark und weit verbreitet. Sicherlich gibt es dafür viele gute Gründe. Und bestimmt haben die Menschen positive Erfahrungen damit gemacht. Aus der westlichen Medizin kommend, habe ich aber einen etwas kritischeren Blick auf das Thema. Zumal es uns im Krankenhaus an zwei ganz bestimmten Stellen begegnet: zum einen in der Notaufnahme, zum anderen bei der Entlassung gegen ärztlichen Rat. 

Wir sehen nur, wenn es nicht funktioniert

Wir haben also nur mit den komplizierten oder unerfreulichen Fällen zu tun, in denen die Naturheilverfahren unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen. Zum Beispiel hatte ich kürzlich einen ca. 13-jährigen Jungen mit einer ringförmigen Verbrennung um den Oberschenkel aufgenommen. Das selbe Bein war um den Knöchel und Unterschenkel geschwollen. Nach einer längeren Anamnese wurde klar: Man hatte einen Umschlag mit Pflanzen um den Oberschenkel gelegt, um die schon vorher bestehende Schwellung zu heilen. Nach dieser Behandlung hatte sich die schwere verbrennungsähnliche Wunde entwickelt. Nun hatte der Junge also zwei Probleme. 

Ein anderes Mal kam ein Mann mit akuten Bauchschmerzen. Er sagte mir, die Schmerzen seien am Morgen plötzlich aufgetreten, zusammen mit Durchfall und Erbrechen. Bei der Untersuchung zeigte sich ein sehr schmerzhafter Bauch, der ganz und gar nicht typisch für einen gewöhnlichen Magen-Darm-Infekt war. Also zog ich einen Chirurgen zurate. Mein zentralafrikanischer Kollege bekam in seiner Anamnese dann heraus, dass der Mann am Morgen eine traditionelle Medizin gegen sein Hepatitis-C-Leiden eingenommen hatte. Am nächsten Tag ging es dem Patienten glücklicherweise schon deutlich besser und er konnte entlassen werden. 

Ratlos zurückgelassen

Die traditionelle Medizin ist der häufigste Grund für eine Entlassung gegen ärztlichen Rat. Zumeist handelt es sich dabei um sehr schwere Fälle: Brüche des Oberschenkels, Blutvergiftung mit Koma, Hirnhautentzündungen u.ä. Für all diese Fälle haben wir von Ärzte ohne Grenzen gute Therapie-Möglichkeiten. Aber die Menschen vertrauen halt dem, was sie schon ihr Leben lang kennen… Gerade heute hat ein Patient mit Blutvergiftung, der im tiefen Koma liegt, unser Krankenhaus – trotz langer Überzeugungsversuche bei den Angehörigen – verlassen. Mich lassen solche Entscheidungen häufig ratlos zurück.