Feldgruppe
Die Vierlinge

Die Vierlinge Bismillah, Rahmadullah, Rhiniullah und Rahima liegen alle vier zusammen in einem Brutkasten in unserer Neugeborenen-Intensivstation im Boost Hospital in der südlichen Provinz Helmand in Afghanistan. Die Mutter hatte die Kinder alle auf natürlichem Wege zur Welt gebracht.

Die Vierlinge Bismillah, Rahmadullah, Rhiniullah und Rahima liegen alle vier zusammen in einem Brutkasten in unserer Neugeborenen-Intensivstation im Boost Hospital in der südlichen Provinz Helmand in Afghanistan. Die Mutter hatte die Kinder alle auf natürlichem Wege zur Welt gebracht. Eigentlich geht es allen Vieren relativ gut, sie sind nur ein wenig zu früh zur Welt gekommen.

The quadruplets ©MSF
 
In Helmand bedeuten oft aber auch nur wenige Wochen zu früh geboren zu werden ein enormes Risiko. Viele Frühgeborene, die in Deutschland keine größeren Probleme zu fürchten hätten, überleben hier nicht. Aufgrund der Gesamtsituation mit Krieg, Armut und mangelnder Entwicklung in Afghanistan ist der medizinische Standard hier deutlich niedriger. Die technischen Möglichkeiten sind zu begrenzt, die Räume zu klein, die Betten zu überfüllt und die Mittel zu knapp. Zu wenig Personal ist da, um jedem Kind auf unseren Intensivstationen die perfekte Pflege und Behandlung zu bieten. Aber einfach jemanden einzustellen ist manchmal schwierig, wenn es einfach zu wenig gut ausgebildetes Personal in Afghanistan gibt. Außerdem ist die Bevölkerung zum Großteil arm, was sich oft an Mangelernährung, mangelnder Bildung und begrenzten Möglichkeiten, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen, bemerkbar macht.
 
Viele wohnen weit von einem Krankenhaus entfernt, oft führen die Straßen durch umkämpftes Gebiet, wo jede Fahrt riskant ist. Viele Patienten kommen erst in sehr kritischem Zustand zu uns, und einige davon kommen zu spät. Viele Frauen haben aber auch bereits mehrere Kinder und können sich gar nicht in dem Umfang um ein Frühgeborenes kümmern, wie es nötig wäre.
 
Nichts desto trotz, es gibt einige Patienten, denen wir helfen können. Da ist zum Beispiel das Neugeborene mit der schweren Hirnhautentzündung, was eines der Kinder ist, die sehr spät in schlechtem Zustand in die Notaufnahme gekommen sind. Anfangs sah es wirklich sehr schlecht für das Kind aus, aber letztendlich hat es doch überlebt. Es wird momentan noch ein bisschen aufgepäppelt, aber ist schon wieder relativ fit. Und unsere Vierlinge sind jetzt über eine Woche alt, und es geht ihnen gut. Wir werden alles tun, dass das so bleibt.
 
Im Ausland in der humanitären Hilfe zu arbeiten - viele im Medizinstudium hatten einmal den Gedanken. Ich hatte mir letztes Jahr zum Ziel gesetzt, genau das zu tun und habe mich kurzerhand bei Ärzte ohne Grenzen beworben. In Deutschland arbeitete ich bisher als Assistenzarzt in einer Freiburger Kinderklinik. Ich hatte mich entschlossen, Menschen in einer humanitären Notlage zu helfen. Gleichzeitig packte mich auch ein bisschen Abenteuerlust. Seit Oktober bin ich nun in Afghanistan und arbeite dort als Kinderarzt in einem relativ großen Krankenhaus.
 
Die Bevölkerung hier ist gezeichnet von dem noch immer andauernden Krieg, der nahezu ununterbrochen seit 1978 herrscht. Das trifft den ärmsten Teil der Bevölkerung am schlimmsten. Weil die Gesundheitsversorgung unter anderem wegen des Konflikts in der gesamten Region sehr schlecht ist, hatte Ärzte ohne Grenzen vor ca. fünf Jahren entschieden, ein Projekt in Helmand zu eröffnen, wo wir jetzt gemeinsam mit dem afghanischen Gesundheitsministerium arbeiten.
 
Ich bin als ärztlicher Supervisor für die Kinder-Intensiv- und Neugeborenen-Intensivstation zuständig. Konkret bedeutet das, dass ich den afghanischen Kinderärzten im Krankenhaus mit Know-How und Beratung zur Seite stehe, Fortbildungen veranstalte, Behandlungsprotokolle entwickle und für viele Management-Aufgaben in der Abteilung zuständig bin.
 
Die Zustände auf den Stationen sind bei weitem nicht das, was man von einem deutschen Krankenhaus kennt. Unsere Kinder-Intensivstation beispielsweise ist ständig überfüllt mit kritischen Patienten, manchmal bis zu drei in einem Bett. Wir können aber keinen Patienten abweisen, denn wir sind das einzige öffentliche Krankenhaus weit und breit. Vielen Patienten können wir nicht mehr helfen, da sie zu spät kommen oder uns die Möglichkeiten fehlen. Das ist oft frustrierend und nicht einfach, aber man kommt irgendwie damit zurecht. Die guten Momente sind, wenn man sieht, wie man ein Frühgeborenes, dessen Überleben vor zwei Wochen noch so ungewiss schien, gesund nach Hause entlassen kann.
 
Unser Bewegungsradius beschränkt sich wegen der Sicherheitslage nur auf unseren Wohnkomplex und das Krankenhaus. Am Wochenende (was hier Donnerstag und Freitag ist) nicht mal eben einen Spaziergang machen zu können, ist schon gewöhnungsbedürftig. So beschränkt sich unser Kontakt zur Bevölkerung leider auf das Krankenhaus und die paar Minuten Autofahrt dorthin und zurück jeden Morgen und Abend. Glücklicherweise habe ich ein echt gutes Team mit dem ich zusammen wohne, das macht es deutlich einfacher mit den Bewegungseinschränkungen klar zu kommen.