Feldgruppe
Jemen: “Die Menschen zahlen einen hohen Preis für diesen Krieg”

Shroq Saeed ist Koordniatorin für medizinische Aktivitäten im Jemen. Sie berichtet wie es ist, in einem Land zu leben, das seit Jahren von Gewalt betroffen ist.  

Als ich im Jahr 2015 mein Medizinstudium in Tais begann, hatte ich viele Träume und Pläne für mein Leben: Ich wollte Englisch lernen und einige Zeit im Ausland studieren, doch es kam alles ganz anders.  

An einem Nachmittag im März 2015 kamen plötzlich bewaffnete Menschen in die Stadt, die Luftangriffe setzten ein und die Straßen von Tais wurden bis zum Ende des Tages zu einem Gebiet voller Gewalt.

In dieser Nacht zerstörten Explosionen die Türen und Fenster meines Hauses und ich konnte nicht aufhören zu schreien und zu weinen.  

Wir haben uns tagelang in unserem Haus versteckt. Zu dieser Zeit war ich im achten Monat schwanger mit meinem ersten Kind. Ich erreichte den 10. Schwangerschaftsmonat, ohne dass die Wehen einsetzten. Die Gründe dafür, so vermutete mein Arzt, waren die Angst, das Trauma und der Stress, die ich durch die Konflikte erlebt habe.  

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Eine örtliche Schule wurde durch einen Luftangriff am 24. Juli 2015 in Taiz zerstört.
Eine örtliche Schule wurde durch einen Luftangriff am 24. Juli 2015 in Taiz zerstört.

Schüsse im Krankenhaus  

Ich brachte mein Baby schließlich nach 44 Schwangerschaftswochen per Kaiserschnitt zur Welt. Mittlerweile waren viele Ärzt*innen aus der Stadt geflohen und die meisten Krankenhäuser bereits geschlossen oder zerstört. Außerdem mangelte es an Sauerstoff und anderen medizinischen Materialien. 

Nach dem Kaiserschnitt schlugen Kugeln durch die Fenster meines Krankenhauszimmers. Meine Mutter versteckte sich mit meinem Neugeborenen auf der Toilette. Ich konnte mich wegen der Schmerzen nach der Operation keinen Zentimeter bewegen. Als ich die Augen öffnete, waren überall an den Wänden Einschusslöcher zu sehen. Zum Glück wurde ich nicht getroffen. 

Es muss weitergehen  

Es gab einen Vorfall, den ich nicht mehr vergessen kann: Ein mit Treibstoff gefüllter Lastwagen wurde in meiner Nachbarschaft geparkt und während des Konflikts in Brand gesetzt. Etwa 300 Menschen gerieten in das Feuer und viele von ihnen starben. Die schrecklichen Schreie der brennenden Menschen bekomme ich bis heute nicht aus meinem Kopf.  

Die heftigen Kämpfe in Tais gingen weiter und das Leben stand monatelang still. Im Mai 2016 zog ich in den Vorort Al-Huban von Tais, wo es relativ sicher war. Ich begann dort mit Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten und versuchte mein Leben weiterzuführen. Mein Kind blieb bei meiner Mutter und ich besuchte die beiden nur alle drei Monate, weil der Weg von Tais nach Al-Huban sehr gefährlich war.

Ich fühlte mich jedes Mal sehr hilflos und unglücklich wenn ich mich von meinem Sohn verabschiedete, doch es war wichtig, mein Medizinstudium fortzusetzen und Geld zu verdienen, um mein Auslandsstudium absolvieren zu können.

Landminen und Scharfschützen 

Tais ist jetzt geteilt:  Al-Huban wird von Ansar-Allah-Kräften kontrolliert, während Tais City unter der Kontrolle der international anerkannten Regierung des  Jemen steht. Die Menschen, die früher als Gemeinschaft zusammen lebten, sind jetzt getrennt voneinander. Einige von ihnen haben Verwandte auf der anderen Seite, aber Landminen und Scharfschützen machen es ihnen unmöglich ihr Viertel zu verlassen.  

Früher dauerte die Fahrt von Tais City nach Al-Huban etwa zehn Minuten - jetzt muss man einen Umweg nehmen - dieser dauert sechs Stunden über gefährliche holprige Bergstraßen.  

Heute arbeite ich bei Ärzte ohne Grenzen in Tais und lebe hier gemeinsam mit meinen beiden Kindern. Leider ist es in dieser Gegend sehr unsicher: Ich kann nicht mit meinen Kindern Spazierengehen oder sie zum Spielen im Park mitnehmen. Ich habe Angst, dass sie entführt oder von einer verirrten Kugel getroffen werden könnten, wenn ich sie auf die Straße lasse. 

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Dr. Shroq Saeed
Dr Shroq Saeed

Die Hoffnung nicht aufgeben  

Die Menschen in Tais zahlen einen hohen Preis für diesen Krieg. Die Inflation ist enorm: Für viele sind die lebensnotwendigen Dinge, wie Strom, Wasser und medizinische Versorgung nicht verfügbar. 

Die ständige Unsicherheit, die mangelnden wirtschaftlichen Möglichkeiten und die fehlende Hoffnung auf eine bessere Zukunft, bezahlen viele Menschen mit ihrer psychischen Gesundheit. Ein Ende des Konflikts ist in naher Zukunft nicht zu erwarten.  

Ich versuche die Hoffnung nicht zu verlieren, entschlossen und optimistisch zu bleiben und für meinen Erfolg und eine bessere Zukunft meiner Kinder zu kämpfen. Ich werde meine Träume weiterhin verfolgen. 

Das obere Bild zeigt die Hebamme Taqwa Abdulghani Hassan von Ärzte ohne Grenzen, die einer Mutter nach einem Kaiserschnitt im Al-Jamhouri-Krankenhaus in Taiz City, Jemen, beim Gehen hilft.

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