Feldgruppe
Für mich beginnt Corona jetzt

Sabine Kroh hätte schon Ende März im Südsudan sein sollen. Immer wieder wurde ihre Ausreise verschoben, es fühlt sich für sie an wie "eine Berg- und Talfahrt der Aufregung". Nach neun Wochen hat das Warten ein Ende.

Sabines Ziel: unser Projekt in Bentiu

Es mag naiv klingen, aber nun bekommt Covid-19 für mich ein anderes Gesicht. Bisher saß ich brav auf meinem Balkon mit allen Annehmlichkeiten der wohlhabenden Gesellschaft: Ein prall gefüllter Kühlschrank, eine heiße Dusche und der Möglichkeit eines Spazierganges im Park. Während der Arbeit im Krankenhaus in Berlin war das Virus präsent, aber nie bedrohlich für mich. Aber im Kopf war ich auch schon oft im Südsudan. Mein erster Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen sollte Ende März starten, aber dann kam die Coronavirus-Pandemie. Mein Koffer war gepackt, ich war bestens vorbereitet. Es konnte losgehen. Noch eine Woche. Durch Zufall lernte ich einen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen kennen, der gerade nach 6 Monaten aus dem Projekt im Südsudan zurückkam, in das ich bald abreisen sollte. Dankbar nahm ich Alles zum Projekt auf und mein Koffer füllte sich mit praktischen Dingen, die mir das Leben im Zelt angenehmer machen sollten. 

Vier Abschiede und sehr viel Schokolade

Im Supermarkt schaut mich die Verkäuferin etwas fragend an, als ich sehr sehr viel Schokolade kaufe - für das Team vor Ort. Der erste WhatsApp Kontakt zum Team besteht. Eine Bestellung von Kontaktlinsen und Kosmetika aus dem Lager im Südsudan erreicht mich keine 2 Tag später und die Lieferung der sehnlich erwünschten Dinge erfolgt in Berlin. Wie durch Zufall wohnt der Zulieferer bei mir im Haus, obwohl Berlin knapp 4 Millionen Einwohner hat. Zufälle gibt’s, die gibt es gar nicht. Meine Tochter kommt aus Wien, um mir bei den letzten Vorbereitungen zu helfen, denn 9 Monate sein gewohntes Leben, und in diesem Falle seine Komfortzone zu verlassen, bedeutet eine Meisterleistung an Organisation.

Meine Wohnung wird für einen Mieter fein gemacht. Aber Corona ist zu verdanken, dass eine Untervermietung fast unmöglich ist. Die mit AirbnB Wohnungen überschwemmte Stadt hat nun viele freie Wohnungen zur Verfügung, denn Airbnb wird reihenweise storniert. Eine kleine Abschiedsrunde mit Freunden ist geplant. Es sollte nicht die letzte sein, denn ich schaffe es auf glatte vier Abschiede, da meine Ausreise sich immer wieder verschob.

Bevor die ersten Fälle bekannt waren oder auch nur irgendein Infektionsanstieg kommen konnte, hatte Afrika schon die Tore zugemacht. Mit den Erfahrungen von Ebola, HIV, Cholera gab es hier kein Zögern. 

Gut, dass meine Wohnung nicht vermietet ist, denn sonst müsste ich mir in meiner eigenen Stadt eine Bleibe mit meinem Koffer suchen, für wie lange ist nicht klar. Die Klinik, in der ich mich bereits abgemeldet hatte, freut sich, dass ich doch noch ein paar Dienste übernehmen kann. Für mich eine willkommene Ablenkung.

„Und, bist du weg?“

Eine Berg– und Talfahrt der Aufregung und der Enttäuschung folgte für ganze 8 Wochen. „Und, bist du weg?“ Die meist geschriebene Nachricht auf meinem Handy in den letzten Wochen. Meine Enttäuschung verbot ich mir selbst, denn ich war sicher und trocken auf meinem Balkon. 

Ein Mann in der Nachbarschaft im bekannten weißen Shirt von MSF erzählt mir von ähnlichen Erfahrungen. Seine Freundin sitzt in Paris am Flughafen fest, ohne ein Weiter – und Rauskommen. Kommt sie zurück nach Deutschland wartet eine Quarantäne auf sie. Falls es einen Flug in ihren Einsatz geben würde in dieser Zeit, dann ohne sie. Ach, ich bin froh nur auf meinem Balkon warten zu müssen.

Was passiert, wenn die Grenzen geschlossen sind und kein Flug mehr geht, Medikamente fehlen, kein Personal mehr einreisen kann und so viele Dinge, die dringend gebraucht werden, nicht transportiert werden können?

Steuern wir Afrika in eine humanitäre Katastrophe, wenn die NGOs nicht mehr arbeiten können?

Endlich geschafft

Nach 9 Wochen habe ich es geschafft!  Was für ein Ritt. Das Team vor Ort kann es nicht glauben, als wir wirklich aus dem Flugzeug in Juba steigen. Mein Team in Berlin sagte: „Ihr werdet empfangen wie Rockstars“. Ein bisschen fühlt es sich so an. Die Einreise gleicht einer Grunddesinfektion von mir und meinem Gepäck. Der negative COVID-19-Test, den wir vorlegen müssen, darf keine 48 Stunden alt sein. Das war jetzt aber ganz knapp. Nun folgen 14 Tage Quarantäne. Nach den ersten Informationsgesprächen hier ahne ich, dass hier mit COVID-19 Alles anders sein wird, als ich dachte.