Feldgruppe
Einsatz vor der Haustür: Arbeit mit indigenen Gemeinschaften im Südwesten der USA 

Besondere Zeiten bedeuten für uns besondere Einsätze: Ruth Kauffman aus El Paso, Texas, hat nach Projekten weltweit zum ersten Mal für uns in ihrem Heimatland gearbeitet. In den südwestlichen US-amerikanischen Bundesstaaten New Mexico und Arizona half ihr Team der indigenen Navajo-Nation und den Pueblo-Gemeinden bei der Infektionsprävention und -kontrolle in verschiedenen Einrichtungen.

Normalerweise ist Ärzte ohne Grenzen als humanitäre Hilfsorganisation nicht in den USA aktiv, aber im April wurde deutlich, dass die Zahl der Covid-19-Infektionen in einigen indigenen Pueblo-Gemeinschaften in New Mexico sprunghaft ansteigen würde. Schon damals war klar, dass Covid-19 kleine ländliche indigene Gemeinschaften schwer treffen würde, wenn es nicht schnell kontrolliert würde.

Wir kontaktierten Pueblo-Gemeinden in New Mexico und trafen uns mit Gemeindevorsteher*innen, Politiker*innen, medizinischen Fachleuten und Aktivist*innen sowohl aus den Pueblos als auch aus der Navajo-Nation, und schon bald wurden wir eingeladen in einigen der am stärksten betroffenen Gemeinden mit der Arbeit zu beginnen.

Bedrohung durch Krankheitsausbrüche ist enorm

In New Mexico gibt es 19 Pueblo-Gemeinschaften mit jeweils eigenen Regierungen, aber mit einer gemeinsamen Geschichte und Kultur. Jede Gemeinschaft hat ihren eigenen Gouverneur und ist in vielerlei Hinsicht unabhängig. Diese Gemeinschaften unterstehen nicht der Landesregierung und wurden im ersten Entwurf des Gesetzes über Coronavirus-Hilfen von der Finanzierung ausgeschlossen. In der Folge hatten sie Probleme, Covid-19-Tests, medizinische Ausrüstung und Zubehör zu beschaffen und Isolations-, Quarantäne- und Kontaktverfolgungsmaßnahmen einzurichten.

Diese kleinen, unabhängigen Gemeinschaften haben Völkermord und Infektionskrankheiten überlebt, die von Kolonisator*innen eingeführt wurden, und sind sich der Bedrohung durch Krankheitsausbrüche besonders bewusst.

Bei Covid-19 fürchteten sie, einen großen Teil der Bevölkerung zu verlieren, wie es bei früheren Ausbrüchen etwa der Pocken und der Spanischen Grippe passiert ist. Außerdem hatten die Pueblos Angst, Stammesälteste und damit kulturelles Wissen zu verlieren.

Übertragungsrisiko in Haushalten am höchsten

So reagierten die Pueblos wie fast alle Nationen auf die Bedrohung durch Covid-19, indem sie ihre Grenzen schlossen und von den Menschen verlangten, zu Hause zu bleiben. Jede Gemeinschaft reagierte etwas anders und organisierte schnell eigene Notfallzentren und Hilfsdienste, in der Hoffnung, dass Quarantäne und Isolation die Übertragung stoppen würden. 

Obwohl diese Bemühungen halfen, die Verbreitung von Covid-19 zu einem gewissen Grad einzudämmen, wurde schnell klar, dass die Übertragung in Haushalten der größte Risikofaktor war. Die Gemeinschaften leben traditionell in Mehrgenerationen-Haushalten, so wohnen oft viele Menschen auf engem Raum zusammen, was die Einhaltung von Social Distancing erschwert. Gleichzeitig standen die meisten Menschen anfangs der Idee, ihr Zuhause für Isolation oder Quarantäne zu verlassen, wenn sie krank wurden, ablehnend gegenüber. 

Kombination unterschiedlicher Maßnahmen

Wir helfen den indigenen Gemeinschaften, indem wir Schulungen zur Infektionsprävention und -kontrolle anbieten, um die Übertragung in Haushalten sowie Gemeinde- und Gesundheitseinrichtungen zu verringern. Wir haben auch logistischen Support bei der Umsetzung der Empfehlungen und medizinisch-technische Unterstützung für Gesundheitseinrichtungen und Isolationszentren geleistet. Wir schulen und unterstützen Hygiene- und Gesundheitsförderungsteams, die in den Gemeinden von Tür zu Tür gehen, um die Familien über die Präventionsmaßnahmen im Haushalt aufzuklären und ihnen Hygienesets, Stoffmasken und Informationsmaterialien zur Verfügung zu stellen.

In der Navajo-Nation unterstützten wir zudem Haftanstalten, da in diesen Einrichtungen hohe Infektionsraten möglich sind. In einer Einrichtung wurden 31 Prozent des Personals positiv auf Covid-19 getestet. Hier war es besonders wichtig, praktische Unterstützung zu leisten, um dem Personal zu helfen, die Verfahren zu verbessern und die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Ähnlich wichtig war es, die Aufmerksamkeit auf die nötige Infektionsprävention in Gemeindeunterkünften zu lenken, darunter Pflegeheime und Heime für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Menschen weltweit reagieren sehr ähnlich auf unbekannte Ausbrüche

Mir hat besonders geholfen, dass ich schon Erfahrungen aus meinem Einsatz beim Ebola-Ausbruch in Sierra Leone hatte.

Es ist interessant zu sehen, dass Gemeinschaften auf der ganzen Welt sehr ähnlich auf unbekannte Ausbrüche reagieren.

Dazu kann die Angst vor der Krankheit selbst gehören, aber auch die Angst vor „Außenstehenden“, die die Krankheit in die Gemeinschaft einschleppen könnten, das Stigma, die Krankheit zu haben, und die Scham, die Krankheit in eine Familie oder Gemeinschaft einzuschleppen. Menschen und Gemeinschaften können sich während eines Ausbruchs allein und isoliert fühlen, daher ist die Auseinandersetzung mit diesen Problemen entscheidend. 

Wir haben auch gelernt, dass die Bekämpfung des Ausbruchs auf Gemeindeebene essenziell ist. In den USA lag das Hauptaugenmerk des Gesundheitssystems zu Beginn des Covid-19-Ausbruchs, wie vielerorts, auf der Vorbereitung auf eine mögliche Überlastung der Krankenhäuser und der Sicherstellung der Verfügbarkeit von Betten und Beatmungsgeräten.

Aber in dem Gebiet hier wird die große Mehrheit der Patient*innen in der Gemeinde betreut und nicht stationär in Krankenhäusern.

Deshalb konzentrierten wir uns auf die Reaktion der Gemeinden und, wenn erforderlich, die Anbindung der Gemeinden an Krankenhäuser. Das ist das Gleiche, was Ärzte ohne Grenzen in anderen Ländern erlebt hat, in denen die sekundäre Gesundheitsversorgung nicht allgemein verfügbar ist.

Aktuell beobachten wir die Entwicklungen und erste Lockerungsmaßnahmen mit Sorge. Wie überall sind neue Ausbrüche oder besonders hohe Infektionszahlen die größten Risikofaktoren bei fortschreitender Wiedereröffnung. Es macht keinen Sinn zu erwarten, dass alle Gebiete nach dem gleichen Zeitplan wieder öffnen, aber in der Navajo-Nation waren die Infektionszahlen Mitte Mai, als der Bundesstaat Arizona langsam wieder geöffnet wurde, immer noch hoch. Es war absurd zu sehen, wie mitten im Covid-Ausbruch Tourist*innen durch die Navajo-Nation fuhren. Unabhängig vom Grad der Öffnung der Gemeinschaften müssen wir vernünftig sein, denn das Infektionsrisiko ist heute genauso hoch oder höher als noch vor einem Monat. 

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Helfer*innen mit Schutzausrüstung
Mit Mundschutz und Plastikhandschuhen schützen Ruth Kauffman und ihr Team sich und Andere im Südwesten der USA.