Feldgruppe
Covid-19 in Afghanistan: Die totale Überforderung

Patricia Neugebauer erlebte in Afghanistan Situationen, an die sie sich nie gewöhnen wird, aber irgendwie muss.

Morgens, wenn die Türen der Tages-Klinik öffnen, dann purzeln sie hinein. Jedes Mal kann ich mich aufs Neue darüber erfreuen, wie die Kleinkinder hineinstolpern, lachen, sich den Staub von der Kleidung klopfen (oder auch nicht) und dann wieder Schutz unter den langen Burkas ihrer Mütter suchen. 
Sie wissen nicht um die Sorgen ihrer Eltern. Sie sind zu klein. Das ist auch gut so, ihre Kindheit ist so schon schwer genug. Sie leben mit ihrer Familie in einem informellen Camp für Vertriebene in einem Vorort von Herat, im Westen des Landes. 
Ärzte ohne Grenzen ist hier die einzige Organisation, die den Menschen medizinische Versorgung anbietet. Sie kommen zum Impfen, zur Schwangerschaftsvor- und -nachsorge, wegen Erkrankungen oder Mangelernährung.

Das Virus kennt keine Grenzen

Der erste Weg nach dem Betreten der Klinik ist der zum Händewaschen. 

Neuerdings gibt es überall Handwaschstationen, denn Covid-19 hat Afghanistan und vor allem Herat längst erreicht.

Kurz nach Ausbruch der Pandemie, als der Iran einer der ersten Hotspots war, überquerte eine historische Zahl von Rückkehrer*innen die Grenze vom Iran nach Afghanistan. Herat lag dabei auf der Transitroute für viele Menschen, die in andere Provinzen weiterziehen wollten. Das Virus reiste mit – es kennt keine Grenzen. Und es hat das Land hart getroffen. Schon vorher konnte das Gesundheitssystem die Bedarfe nicht decken. Nun ist es völlig überfordert. Als Notfall-Team sind wir daher im April hierhergereist. 

Es sind mittlerweile 38 Grad im Schatten, doch auch die Sonne ist gerade nicht auf unserer Seite. Es gab eine leise Hoffnung, dass sich das Virus bei Hitze und Trockenheit nicht so ausbreiten wird, wie in Europa. Doch es blieb bei der Hoffnung.

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Patricia Neugebauer im Gespräch mit einem Kollegen.

Triage, Gesundheitsaufklärung und Behandlung

Wir versuchen unser Bestes das lokale Gesundheitssystem zu unterstützen. 
Unsere Covid-19-Hilfe besteht aus mehreren Projekten:

Wir leiten die Triage im größten Krankenhaus in Herat. Alle, die Covid-19-Symptome zeigen, kommen hier her. Sie werden von unserem Ärzt*innenteam untersucht und in milde, moderate, schwere und kritische Krankheitsverläufe unterteilt. 
Patient*innen mit schweren oder kritischen Krankheitsverläufen werden in die Covid-19-Krankenhäuser der Stadt verlegt. 
Im Mai sahen wir 2.500 Patient*innen wöchentlich in unserer Triage, manche kamen zu spät und wir konnten nicht mehr helfen. Inzwischen sind die Zahlen stark zurückgegangen, aus welchen Gründen ist unklar.

Gleichzeitig leisten wir Gesundheitsaufklärung an verschiedenen Orten in Herat, vor allem aber für die Camp-Bewohner*innen in der Tagesklinik, denn sie sind vom öffentlichen Informationsfluss ausgeschlossen. 

Unser eigenes Covid-19-Krankenhaus hat 32 Betten. Auch wir nehmen in unserem Krankenhaus nur noch die Patient*innen auf, die eine künstliche Sauerstoffversorgung benötigen. Ihr Sauerstoff-Gehalt im Blut, gemessen mit einem Pulsoxymeter, muss dafür unter 93% liegen, in Europa würden wir sie schon früher aufnehmen, aber hier fehlen uns die Kapazitäten dazu – sowohl Betten und Equipment, als auch Sauerstoff und medizinisches Personal. Alle anderen müssen wir nach Hause schicken, mit genauesten Anweisungen für häusliche Versorgung und Wiedervorstellung bei Verschlechterung – in der Hoffnung, dass sie es rechtzeitig zu uns schaffen werden.

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Fließendes Wasser hilft bei der Eindämmung der Pandemie.

Mit wenig so Vielen wie möglich helfen

Es ist schwierig nur anhand der Anamnese und körperlichen Untersuchung zu entscheiden, ob diese Patient*in zuhause in Gefahr gerät. Aber das völlig überlastete Gesundheitssystem lässt uns keine Wahl. Wir haben keine Möglichkeit Coronavirus-Tests durchzuführen.

Es ist eine dieser Situationen, an die man sich nie wirklich gewöhnen wird, aber irgendwie muss.

Die Ressourcen sind knapp, man versucht mit dem, was man hat, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Solche Entscheidungen kennt man von zuhause nicht, auch wenn Covid-19 solche Entscheidungen auch nach Europa mit seinen modernen und gut ausgestatteten Gesundheitssystemen gebracht hat. 

Manchmal schaue ich verlegen zu Boden, wenn wir mit Camp-Bewohner*innen über Covid-19 reden. Sie haben keinen Zugang zu fließendem Wasser. Sie müssen ihr Wasser weit schleppen. Sie haben kein „Zuhause“, in dem sie sich isolieren können. Sie wohnen mit mindestens acht Personen in einem Zelt, ohne Chance auf Social Distancing. Dennoch hören sie interessiert zu, was unsere Gesundheitsberater*innen empfehlen. Aber manche sagen danach höflich, dass das Virus das kleinere Problem ist, im Vergleich zu ihren alltäglichen.