Feldgruppe
Covid-19 in Bangladesch: Stigmatisierung und Angst

Als bei Mohammad* Covid-19 disagnostiziert wurde, begannen die Nachbarn schlecht über seine Familie zu reden. Kurz darauf drohten sie, das Haus niederzubrennen. Mohammad berichtet von dem Stigma das in Bangladesch auf Menschen liegt, die mit dem Coronavirus infiziert sind. 

Mohammad sitzt mit dem Gesicht zur Wand

Ein Erfahrungsbericht

Nachdem mein Covid-19-Test positiv war, sagten mir die Ärzt*innen, dass ich zwei Wochen auf der Isolationsstation des Krankenhauses bleiben müsste. Danach müsste ich noch zwei weitere Tests machen und wenn diese negativ ausfielen, könne ich nach Hause zurückkehren. „Kein Problem“, dachte ich, „ich kann hierbleiben und meine Familie kann bei uns zu Hause die Quarantäne einhalten.“

Doch schon bald erhielt ich Anrufe von den Majis (Gemeindevorsteher*innen) des Camps, die darauf drängten, meine Familie in eine Quarantänestation zu schicken.

Bedrohung durch Nachbarschaft

Meine Familie rief mich an und sagte, dass alle in unserer Nachbarschaft anfingen, schlecht über sie zu reden. Die Leute sagten, ich sei Covid-19-positiv, weil ich ein schlechter Mensch sei. Sie schauten auf meine Familie herab. Es war so erniedrigend für sie. 

Wenig später umzingelten die Leute mit Stöcken in der Hand mein Haus. Sie brüllten meine Familie an. Viele andere Leute aus der Umgebung kamen dazu, um zuzuschauen, als ob sie bei einem Fußballspiel wären. Die Leute drohten damit, dass sie unser Haus niederbrennen würden, wenn meine Familie nicht woanders in Quarantäne ginge. 

Es war so beschämend für meine Familie. Sie waren extrem verängstigt. 

Aber ich sagte meiner Familie: "Ihr solltet nirgendwo hingehen."

Haus und Würde

Wenn meine Familie aus ihrem Haus vertrieben wird, wird ihnen ihre Würde genommen. Meine Töchter sagten mir, sie würden eher Suizid begehen, als von zu Hause vertrieben zu werden. Seit sie im Camp angekommen sind, haben sie keinen einzigen Fuß vor die Haustür gesetzt. Sie haben also keine Erfahrung damit, dort draußen zu sein. 

Ich werde verrückt vor Angst. 

Die Menschen aus Myanmar sind traumatisiert. Dort werden Familienmitglieder verschleppt und gefoltert. Wenn die Menschen also befürchten müssen, von ihren Familien getrennt zu werden, werden sie über ihre Covid-19-Symptome schweigen. Auch wenn sie sterben, ziehen es die Menschen eher vor, zu Hause zu sterben, als von ihren Familien getrennt zu werden.

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Mitarbeiter reinigen in Schutzkleidung Isolationszentrum
Covid-19-Isolationszentrum in Kutupalong

Ich habe vom Isolationszentrum aus mit Gemeindevorsteher*innen telefoniert, während ich an Covid-19 erkrankt war. Nach drei Tagen stimmten sie schließlich zu, dass es in Ordnung sei, wenn meine Familie in unserem Haus die Quarantäne einhält.

Wenn ich verhindern kann, dass diese schlimme Sache einer anderen Person passiert, so möchte ich es versuchen. Andere erleben vielleicht dasselbe, aber können ihre Stimme nicht erheben und leiden im Stillen.

Es sind Erfahrungen wie diese, die die Menschen entmutigen, in medizinische Einrichtungen zu kommen, wenn sie Covid-19-Symptome haben. Stattdessen verstecken sie sich in einem anderen Haus, wodurch sich das Virus nur noch schneller verbreiten kann und der Ausbruch verschlimmert wird.

Drei wichtige Botschaften

Deshalb möchte ich drei Botschaften weitergeben. 

Die Erste lautet: Wenn Menschen an Covid-19 erkranken, schaut nicht auf sie herab, fügt ihnen keinen Schaden zu und bedroht ihre Familien nicht. Es ist nicht ihre Schuld.

Die Zweite lautet: Besprecht die Quarantäneoptionen auf ruhige und angenehme Art und Weise mit den Familienmitgliedern. Fragt sie, welcher Quarantäneort für sie am besten geeignet ist. Die Menschen fürchten sich davor, ihr Haus zu verlassen, weil sie Angst haben, dass ihr Haus ausgeraubt wird. Schaut also, ob es für sie möglich ist, die Quarantäne zu Hause einzuhalten. Bringt die Gemeindevorsteher*innen dazu, in angemessener Form mit der Nachbarschaft zu diskutieren -  damit niemand Häuser mit Stöcken umzingelt und Menschen bedroht. 

Der dritte Punkt ist: Die Menschen haben Angst, also gehen sie lieber in die örtliche Apotheke statt in eine offizielle Gesundheitseinrichtung. Die Menschen wollen behandelt werden, aber sie haben Angst, in die Kliniken zu kommen. Einige Leute sagen, dass sie, wenn sie krank sind, lieber in der Nähe des Friedhofs sterben möchten, damit sie schnell beerdigt werden können. Wenn wir einen Weg finden können, die Angst der Menschen zu lindern, dann können wir sie ermutigen, in die Krankenhäuser zu kommen und so die Verbreitung des Virus zu stoppen. 

Auch wenn es nicht leicht ist, darüber zu sprechen, möchte ich meine Gemeinde schützen. Ich habe darunter gelitten und das alles durchgemacht. Deshalb möchte ich es mit allen teilen, damit wir mehr Menschen ermutigen können, in offizielle Gesundheitseinrichtungen zu kommen und sich behandeln zu lassen.

*Name geändert