Feldgruppe
Kenia: Wettlauf gegen das Virus im größten Slum Nairobis

Lili-Marie Wangari ist Nothilfe-Koordinatorin in Kibera, der größten Armensiedlung in Kenias Hauptstadt Nairobi. Sie organisiert dort unsere Aktivitäten gegen das Coronavirus. Eine unglaubliche Herausforderung, denn in Kibera leben 200.000 Menschen auf engstem Raum und ohne Zugang zu fließendem Wasser. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. 

Momentan sind fast 400 Fälle von Covid-19-Erkrankungen in Kenia bekannt, die meisten in der Hauptstadt Nairobi. Als wir von den ersten Covid-19-Fällen hörten, haben wir uns gleich an das Gesundheitszentrum ´Kibera South` gewandt. Ärzte ohne Grenzen hat es vor vielen Jahren gebaut und lange betreut, bevor es Mitte 2017 an das Gesundheitsministerium übergeben wurde. 

Kibera ist eine Siedlung, die wir als Ärzte ohne Grenzen gut kennen: Wir haben hier mehr als 25 Jahre lang gearbeitet, um HIV/AIDS- Patient*innen zu versorgen. 

„Weil wir Kibera kennen, wissen wir, wie katastrophal ein Ausbruch in dieser Armensiedlung sein könnte.“ 

In Kibera ist es, wie in vielen Slums weltweit: Es ist fast unmöglich, physische Distanz zu halten. Die Menschen leben in winzigen, überfüllten Unterkünften mit wenigen Fenstern oder anderer Belüftung. Diese Bedingungen erleichtern es einer Krankheit wie Covid-19 sich auszubreiten. Sie erschweren es gleichzeitig den Menschen, sich länger zu Hause aufzuhalten. 

Der Zugang zu Wasser ist in Kibera stark eingeschränkt, da es nur 200 Wasserstellen für die rund 200.000 Menschen gibt. Regelmäßiges Händewaschen ist so unmöglich. In diesem Umfeld macht herkömmliche Gesundheitsvorsorge keinen Sinn. 

Schutzmaterial ist knapp

Meine größte Sorge ist, dass ein großer Teil der Menschen in Kibera unter Vorerkrankungen leidet, wie HIV, Tuberkulose oder chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes. Damit trügen sie ein erhöhtes Risiko, eine schwere Form von Covid-19 zu entwickeln. 

Es gibt zwar in Kibera eine allgemeine Gesundheitsversorgung, doch wir fürchten, dass sie durch den Ausbruch beeinträchtigt werden könnte, wenn medizinische Fachkräfte erkranken oder Lieferungen von Schutzmaterialien nicht ankommen würden. Schließlich brauchen alle Gesundheitsarbeiter*innen Schutzkleidung. Doch sie wird jeden Tag teurer und ist zudem weltweit – auch in Kenia - Mangelware. Selbst für Ärzte ohne Grenzen stellt das eine große Herausforderung dar. 

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Infektionskontrolle in Kenia
Unser Arzt misst ein Desinfektionsmittel ab, das bei der Reinigung eines Isolationsbereiches in Kenia genutzt werden soll. Wenn Pandemien grassieren, hilft Infektionskontrolle sie einzudämmen. (Archivbild)

Doch damit nicht genug: Auch soziale oder wirtschaftliche Faktoren gefährden die Menschen hier: Die meisten leben von der Hand in den Mund, Tag für Tag. Sie müssen täglich Geld verdienen, um sich Lebensmittel kaufen zu können. Also laufen und fahren sie durch die Stadt oder benutzen öffentliche Verkehrsmittel, wie die extrem überfüllten Züge, die durch den Slum fahren. 

„Mobilität erhöht das Risiko, mit dem Virus in Kontakt zu kommen.“ 

In den vergangenen zwei Wochen haben sieben Mitarbeiter*innen von Ärzte ohne Grenzen in unserer alten Klinik in `Kibera South´ gearbeitet. Sie haben ein Früherkennungssystem eingerichtet: Zwei Gesundheitshelfer*innen aus der Gemeinde messen in einem Zelt am Eingang der Klinik die Temperatur aller Patient*innen und kontrollieren, wie viele Personen in die Klinik kommen. Eine weitere Mitarbeiter*in und eine Krankenpfleger*in helfen beim Screening, um sicherzustellen, dass die Menschen Abstand halten.  Wenn jemand Fieber hat, führen unsere Krankenpfleger*innen einen eingehenderen Gesundheitscheck durch. 

Wir haben zudem einen Verantwortliche*n, der für Covid-19-Verdachtsfälle ein Isolierzimmer mit zwei Betten betreut. Hier warten die Menschen, bevor wir sie an das staatliche Krankenhaus überweisen. Dort werden sie getestet und gegebenenfalls behandelt. 

Hygiene spielt eine enorme Rolle

Unser Team bietet auch Schulungen an und unterstützt Maßnahmen zur Vorbeugung und Kontrolle von Infektionen. Wir stellen also sicher, dass das Personal die richtige Schutzausrüstung wie Masken und Handschuhe trägt oder genügend Wasser zum Händewaschen zur Verfügung steht. Besonders wichtig ist die Arbeit unserer Hygienebeauftragte*n, die dafür sorgen, dass die Hochrisikobereiche sauber werden. 

Mit diesen Aktivitäten wollen wir sowohl die Patient*innen in der Klinik als auch das Gesundheitspersonal schützen. Denn ohne medizinische Fachkräfte wird es keine Behandlung gegen Covid-19 geben. Wenn sie erkranken, könnte es eventuell auch mehr Todesfälle durch andere Krankheiten geben, die dann nicht mehr behandelt werden könnten. 

„Krankheiten warten nicht.“

Deshalb leisten wir auch Gesundheitsberatung und arbeiten mit anderen Gruppen in Kibera zusammen, um Wasserstellen einzurichten: Schließlich müssen sich die Menschen besser die Hände waschen können. 

Was die Angst vor dem Virus mit den Menschen macht

Die Menschen in Kibera erzählen uns nicht nur von den wirtschaftlichen Folgen, die der Ausbruch von Covid-19 für sie hat. Sie sprechen auch über ihre Angst. Wir haben bereits Berichte aus der Gemeinde gehört, dass Menschen zurückgewiesen wurden, weil sie angeblich Covid-19 hatten. Ich selbst habe Leute gehört, die `Corona´ hinter mir hergerufen haben, als ich mit dem Auto von Ärzte ohne Grenzen auf dem Weg zur Klinik war. Es gibt da draußen viele falsche Informationen, die wir in der kommenden Zeit korrigieren müssen. 

Lili-Marie Wangari arbeitet bereits seit 2010 in verschiedenen Projekten für Ärzte ohne Grenzen in Kenia.