Feldgruppe
Vive la pédiatrie! Mein Einsatz in Niger

Kinderärztin Julia Rappenecker ist derzeit auf ihrem ersten Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen in Magaria. Im Einsatzblog erzählt die Schweizerin über ihre Eindrücke und die Herausforderungen, denen das Team bei der Versorgung mangelernährter Kinder gegenüber steht.

Früh am Morgen schließt sich die Tür unserer Wohnung hinter mir für sechs Monate. Vor mir in der kalten Winterluft liegt der Beginn meines ersten Einsatzes mit Ärzte ohne Grenzen als Kinderärztin in Magaria.

Der im Land der Uhren wie allermeistens pünktliche Zug fährt in den Morgen hinein nach Genf, wo zwei Tage  Briefing mich auf den Einsatz vorbereiteten. Beim Verlassen des Flugzeugs in Niamey flimmert der Tag in der Hitze. Nach zwei aufgrund von Sandstürmen kurzfristig abgesagten  Innlandflügen setzen wir uns morgens in einen Jeep um einmal quer durch das Land zu fahren, durch eine gelb-rote Landschaft voll Sand, Lehmhütten und bunten Kleidern der Frauen, viele mit Kindern auf dem Rücken. Nach einer Nacht in Maradi erreichten wir am Nachmittag des Folgetags Magaria, die 100.000 Einwohnerstadt im Süden des Landes, direkt an der Grenze zu Nigeria. Noch benommen von der Reise werde ich von einem herzlichen Empfang meiner neuen Kollegen überrascht. Mit einem Apero auf unserer Terrasse genießen wir die kühler werdende Luft des Abends.

Julia and the team in Magaria

Julia and the team in Magaria. Photo: MSF.

Am nächsten Morgen zeigt mir Patricia, die Kinderärztin, die ich ablöse, unseren Arbeitsplatz: Direkt am öffentlichen Krankenhaus gelangt man durch eine kleine Pforte auf einen großen Platz mit etlichen Zelten. Derzeit sind ca. 160 Betten belegt, in den Monaten Juli / August kann die Anzahl auf 600 steigen -  in der Zeit, in der die Unterernährung mit einer hohen Malariainzidenz kollidiert – dem sogenannten „Peak“. Jedes Zelt ist eine eigene Bettenstation: eines für die Neugeborenen, vier für die Betreuung der unterernährten Kinder mit medizinischen Komplikationen, eines für die Kleinchirurgie, eines für die reine Pädiatrie, zwei Intensivstationen in einem großen soliden Gebäude. Zudem ein Notfall-Zelt zur Triage und Erstversorgung. Die herzlich mich begrüßenden nationalen Ärzte lachen, als sie meine großen, beeindruckten Augen sahen: „Das ist noch gar nichts, Du wirst sehen im Peak ist hier alles, alles voller Zelte!“

Um 7:30 Uhr beginnt unser Alltag. Nach dem Morgenrapport verteilt sich das Team auf die verschiedenen Zelte und führt die Visiten durch. Mich beeindrucken jeden Tag die Mütter, die geduldig mit ihren kranken Kindern in den Zelten ausharren, teils nach langen Fußmärschen durch das Land. In den Zelten der Unterernährten begegnet mir die nackte Realität der Armut: Kinder mit der Hälfte des Gewichts ihrer Schweizer Altersgenossen. Teils apathisch, mit dünnem Haar und dünnen Extremitäten liegen sie in den bunten Tüchern ihrer Mütter, während die große Schwester das  jüngste Geschwisterchen auf dem Rücken trägt. Andere schauen uns durch die aufgrund von Wassereinlagerungen nur schwer zu öffnenden Augenlider an.  Bei meiner ersten Visite dort trafen mich ihre Blicke bis ins Mark. Durch ihre scheinbar unerschütterliche Lebensfreude brachten mich meiner nigrischen Kollegen dennoch immer wieder zum Lächeln.

In den Folgetagen durfte ich erleben, was regelmäßige Mahlzeiten und die simple Behandlung der medizinischen Komplikationen bewirken: vielen geht es nach 4 Tagen deutlich besser, die Wassereinlagerungen verschwinden langsam, unter der Antibiotikatherapie heilen die bakteriellen Infekte aus. Eine bessere Hygiene hilft gegen Hautläsionen. Derzeit kommt jedoch für ungefähr ein Kind pro Tag jede Hilfe zu spät. Vielen, vielen kann jedoch geholfen werden. Mit einer einfachen aber wirksamen Kinderheilkunde.

Vive la pédiatrie!