Feldgruppe
“Wie ein Puzzle mit einer unbekannten Anzahl an Teilen“

Endlich bekommt der Bezirk Kenema in Sierra Leone ein neues Krankenhaus! Es ist eine Gegend, in der die Kindersterblichkeit sehr hoch ist. So bedeutet die neue Einrichtung für viele Kinder in Kenema echte Hoffnung. 

Sierra Leone Kinderkrankenhaus

Jenny ist Kinderärztin aus Hamburg. Seit 2011 arbeitet sie immer wieder mit Ärzte ohne Grenzen in verschiedenen Ländern: Äthiopien, Südsudan, Afghanistan und anderen. In Sierra Leone ist es ihr zweiter Einsatz - einer, auf den sie sich ganz besonders freut. 

Am 6. März haben wir den ersten Trakt des Hangha Kinderkrankenhauses von Ärzte ohne Grenzen in Kenema eröffnet. Nach langer Vorbreitung erwarten wir mit voller Vorfreude unsere ersten PatientInnen. Meine Rolle hier ist die medizinische Teamleitung, das heisst: Ich bin verantwortlich für die korrekte und effiziente Behandlung der PatientInnen. Außerdem leite ich das Team der ÄrztInnen und der sogenannten Community Health Officers (CHO). 

Allein die Anzahl der Entscheidungen, die ich zu treffen habe, lässt meine Gedanken schwirren. Wie organisieren wir den Patientenfluss vom Eingang bis zur Notaufnahme? Wieviel Personal brauchen wir zu welcher Tageszeit auf welcher Station? Wie organisieren wir die Blutspenden? Wie statten wir unsere Krankenwagen aus? Und wie lösen wir das Problem, dass ein Teil der Ausstattung und Medikamente noch nicht im Land eingetroffen ist? Doch drehen wir die Zeit etwas zurück und beginnen von vorn.

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Das Hangha Kinderkrankenhaus im Bezirk Kenema ist aus vorgefertigten Teilen gebaut.

 

Warum dieses Krankenhaus?

Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen hat in Sierra Leone eine lange Geschichte. Im Bürgerkrieg, der bis 2002 andauerte, stellten wir zunächst Basisgesundheitsversorgung für die Bevölkerung bereit. In den folgenden Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Gesundheitsversorgung von schwangeren Frauen und Kindern. Zwischen 2014 und 2016 litt das Land unter der bis heute grössten Ebola-Epidemie, mit bis heute sichtbaren Spuren. 

Der Bezirk Kenema war während des Ebola-Ausbruchs am schlimmsten betroffen:  Mehr als 200 Gesundheitskräfte starben. Zählten die Raten von Mütter- und Kindersterblichkeit bereits vor dem Ebola-Ausbruch zu den höchsten weltweit, haben sie sich seither weiter verschlimmert. Laut UNICEF stirbt jedes fünfte Kind, das im Bezirk Kenema geboren wird, vor seinem fünften Geburtstag. Die Gründe dafür sind vielfältig: ein hohes Vorkommen von Infektionskrankheiten wie Malaria, begrenzter Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen... Das nationale Gesundheitssystem schafft es nicht, diese Probleme allein zu bewältigen. Oftmals sind die Gesundheitszentren, die als primäre Anlaufstelle dienen sollen, unterbesetzt oder es fehlen essentielle Medikamente. Für viele Familien sind die Behandlungen kaum zu bezahlen.

Wie bildet man ein Team? Man formt das grosse Ganze aus vielen Teilen!

In unserem Krankenhaus werden wir kostenlos schwerkranke Kinder behandeln und damit zur Senkung der Kindersterblichkeit im Bezirk Kenema beitragen. Darum werden wir ebenso lokales Gesundheitspersonal weiterbilden. 50 KrankenpflegehelferInnen haben ein Stipendium für ein zweijähriges Ausbildungsprogramm in Ghana erhalten: 25 von ihnen werden zu Krankenschwestern und Krankenpflegern, 25 weitere zu Hebammen weitergebildet. Es ist geplant, diese Gruppe qualifizierter MedizinerInnen anschliessend in der Abteilung für Geburtshilfe einzusetzen.  

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Glückliche Gesichter in Kenema: Krankenpflegepersonal und Hebammen, die nach einer zweijährigen Ausbildung ihr Zertifikat halten.

Das gesamte medizinische Personal für das Krankenhaus wurde zudem mehrere Wochen lang in der Behandlung schwer erkrankter Kinder geschult. Wir haben viele Themen bezüglich Kindergesundheit besprochen: Wie stellen wir bei der Ankunft der Kinder sicher, dass die dringlichsten Fälle zuerst behandelt werden? Wie führen wir die Ernährungstherapie für mangelernährte Kinder durch? 

Wir möchten, dass unser Krankenhaus eine freundliche und sichere Umgebung für die Kinder und ihre Familien ist. Im Fokus der Personalschulungen stand daher auch das Üben einer guten und empathischen Kommunikation. Eine so lange Ausbildungseinheit vor dem Start eines Projekts ist auch für Ärzte ohne Grenzen neu. Wir haben während dieser Wochen viel lernen und anpassen müssen – es war aber eine wunderbare Möglichkeit, als Team zusammenzuwachsen.

Der Feinschliff und die Vorfreude

Ein grosses Team ist derzeit noch mit Bauarbeiten und logistischen Vorbereitungen beschäftigt. Das Krankenhaus wurde aus Fertigbauteilen konstruiert, letzte Arbeiten stellen die Versorgung des Gebäudes mit Wasser und Strom sicher. Weitere Teammitglieder kümmern sich um finanzielle und administrative Vorbereitungen. Nicht-medizinisches Personal wie Reinigungskräfte und Köche werden ebenfalls ausgebildet.

Es fühlt sich wie ein Puzzle an, dessen Teile wir nach und nach zusammensetzen. Ich bin gleichermassen nervös und voller Vorfreude. Dieser Einsatz in Sierra Leone ist mir persönlich sehr wichtig: Ich habe 2014 in dem früheren Kinder- und geburtshilflichen Krankenhaus in Bo gearbeitet, das während des Ebola-Ausbruchs wegen Mangels an erfahrenem Personal und wegen des hohen Infektionsrisikos geschlossen werden musste. Ich bin glücklich und dankbar, zu dem Team zu gehören, das ein neues Krankenhaus mit solch hochgesteckten Zielen eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem nationalen Gesundheitssystem fügen wir die Teile so zusammen, dass zukünftig weniger Kinder in Sierra Leone sterben müssen.