Feldgruppe
Acht freie Plätze

Unser Team im Krankenhauses in Lankien, Südsudan bereitete sich auf seine ersten Covid-19-Patient*innen vor, als ein gewaltsamer Angriff auf die Nachbarstadt eine ganz andere Krise auslöst. Die britische Ärztin Jennifer Hulse teilt einen bewegenden Augenzeugenbericht.

Entrance to the ICU at Lankien hospital

Eine Zeit lang war der Südsudan eines der wenigen Länder der Welt, in dem kein Fall von Covid-19 bekannt war. Bis in den April hinein verfolgte ich die Ausbreitung des Virus in den Nachrichten und konnte auf der Weltkarte beobachten, wie ein Nachbarland nach dem anderen rot eingefärbt wurde, bis wir quasi von der Pandemie umzingelt waren.

Schließlich, unausweichlich, erreichte das Virus auch uns. Oder zumindest erreichte es die Hauptstadt Juba. Unser Krankenhaus in Lankien befindet sich jedoch in ländlicher Abgeschiedenheit – ein Umstand, der uns einen gewissen Schutz bietet und gleichzeitig die Vorbereitungen auf einen Ausbruch erschwert.

Vorbereiten auf die Pandemie

Im Südsudan sind Epidemien von Infektionskrankheiten keine Seltenheit.

Unser Krankenhaus verfügt über eine Isolierstation, die wir dem Cholera-Ausbruch im letzten Jahr „verdanken“ und die wir schnell an die neuen Umstände anpassen konnten. Auch die Vorräte an Ebola-Schutzausrüstung fanden mit Blick auf das Coronavirus Widerverwendung.

Tatsächlich bin ich mir sicher, dass der Rest der Welt gerade jetzt viel von afrikanischen Gesundheitsfachkräften lernen könnte. 

Sie sind widerstandsfähig und erfinderisch, sie haben über die Jahrzehnte sehr viel Erfahrung im Umgang mit hochinfektiösen Krankheitserregern unter schwierigen Bedingungen gesammelt, ganz zu schweigen von den schmerzhaften Entscheidungen über die Zuteilung der begrenzten Ressourcen. 

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Jennifer und der Leiter der Intensivstation in Lankien
Jennifer und der Leiter der Intensivstation in Lankien

Schon vor dem ersten Fall von Covid-19 waren die Auswirkungen auf unser Krankenhaus gewaltig. Unsere ohnehin schon unsicheren Versorgungswege wurden plötzlich noch stärker gestört. Sendungen mit dringend benötigten Medikamenten erreichten uns nicht mehr. Die Flugbeschränkungen machten die An- und Ausreise von internationalem Personal unmöglich. Einheimische Mitarbeiter*innen sorgten sich um ihre im Ausland lebenden Familien, von denen viele während des jahrelang andauernden Binnenkonflikts in Nachbarländer geflüchtet waren.

Wie können wir "Ärzte ohne Grenzen" sein, wenn die Grenzen überall geschlossen werden?

Wir alle hatten Mühe, uns die Auswirkungen des Virus auf eine Dorfgemeinschaft vorzustellen, deren durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 58 Jahren liegt, und die bereits gegen Unterernährung, Malaria, Tuberkulose, Kala-Azar, HIV und andere tödliche Krankheiten kämpft.

Also begannen wir mit den Vorbereitungen. Wir bildeten Personal aus, schrieben Richtlinien, planten, bauten, klärten die Menschen auf und passten das, was wir haben, an.

Aber leider bleiben auch während einer Pandemie andere, vergessene Krisen bestehen…

Planen für viele Verletzte

In den frühen Morgenstunden des 16. Mai, ein Samstag, kurz nachdem der erste Covid-19-Fall an unserem Standort bestätigt worden war, kam es zu einem groß angelegten bewaffneten Angriff auf die Stadt Pieri.

Etwa 50 km von unserem Krankenhaus in Lankien entfernt befindet sich in Pieri eine kleine Klinik, in der Mediziner*innen, Pflegepersonal und Hebammen aus der Region arbeiten. Das dortige Team musste vor den schwer bewaffneten Angreifenden fliehen und sich in den umliegenden Wäldern verstecken.

Der Teamleiter war so geistesgegenwärtig, sich vor der Flucht das Satellitentelefon und das Solarladegerät zu schnappen, sodass wir etwas Kontakt aufrechterhalten konnten. Weder Lankien noch Pieri haben Handyempfang oder Elektrizität, abgesehen von dieselbetriebenen Generatoren.

Da wir kaum Informationen hatten, wussten wir nicht, was uns erwartete. Es gab Gerüchte über Hunderte von Toten oder Verletzten – viele würden eine Behandlung in unserem Krankenhaus benötigen. Wir hatten allerdings nur 80 Betten, von denen die meisten bereits belegt waren.

Lankien hat einen Einsatzplan für den Fall, dass viele Verletzte auf einmal versorgt werden müssen. Wir hatten mehrfach größere Zwischenfälle fingiert, um unsere Reaktionsprozesse zu üben. Es gab Schränke voller Notfallvorräte, die überprüft, beschriftet und einsatzbereit waren. Allen Mitarbeitenden war eine Rolle zugewiesen, jede Triage-Kategorie hatte ihren  Bereich.

Natürlich ist ein Ereignis mit vielen Verletzten hier eine allgegenwärtige Möglichkeit, aber ich hatte in der vergangenen Zeit nicht viel darüber nachgedacht.

Wir hatten uns so sehr auf die Vorbereitung der Pandemie konzentriert. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass das gerade jetzt passierte.

Wir waren alle erschüttert von der Nachricht unseres ersten positiven COVID-19- Ergebnisses vom Vortag. Irgendwie hatte ich nur eine Katastrophe auf einmal erwartet.

Wellen von Patient*innen

Pieri liegt zwar nicht weit entfernt, aber die Schotterstraßen sind in schlechtem Zustand. Es gibt nur wenige Fahrzeuge, und die Autos sind die meiste Zeit des Jahres nutzlos, weil ganze Straßenabschnitte unter Wasser stehen.

Da die Kämpfe noch immer andauerten und die Anreise beschwerlich war, erreichten uns die ersten Verletzten erst am Abend. Zunächst waren es etwa 20, aber das ganze Wochenende über kamen Menschen an, Tag und Nacht – und jedes Mal, wenn ein Lastwagen vor der Tür ankam, wurden wir über Funk in Alarmbereitschaft versetzt.

Bis Dienstag waren insgesamt 60 Personen mit Schussverletzungen eingeliefert worden. Alle wurden von unserem sehr erfahrenen und ausgezeichneten, aber kleinen medizinischen Team behandelt. Eine Kollegin war glücklicherweise auf Wundversorgung spezialisiert. Und natürlich brauchten, trotz all dem, auch die anderen Patient*innen des Krankenhauses unsere Aufmerksamkeit.

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Ein Zelt, das zur Erweiterung der Intensivstation errichtet wurde, bevor die Verwundeten ankamen.
Ein Zelt, das zur Erweiterung der Intensivstation errichtet wurde, bevor die Verwundeten ankamen.

Die 80 Betten, die uns offiziell zur Verfügung stehen, waren schnell gefüllt, woraufhin wir andere Bereiche des Krankenhauses zu nutzen begannen. Wir verlegten alle Kinder auf die therapeutische Ernährungsstation für mangelernährte Säuglinge und verwandelten die Kinderstation in eine Trauma-Abteilung. Auch die Entbindungsstation konnten wir räumen, aber auch die so frei gewordenen Betten waren rasch wieder belegt.

Als das gesamte Krankenhaus vollständig ausgelastet war, baute unser Logistikteam einfach eine zusätzliche Zeltstation im Freien auf. Mir wurde ganz anders bei dem Gedanken, Verletzte in einem Zelt unterzubringen, aber ich war ganz verblüfft, als ich sah, was die Logistiker*innen in nur wenigen Stunden aufgebaut hatten.

Verlust und Entschlossenheit

Im Laufe der Zeit wurde uns bewusst, dass einige Mitarbeiter*innen von Ärzte ohne Grenzen immer noch vermisst wurden. Schließlich erhielten wir die Bestätigung, dass eine Krankenschwester aus Pieri unter den Toten war. Zwei Mitarbeiter*innen aus Lankien wurden ebenfalls verletzt und mussten in ihr eigenes Krankenhaus eingeliefert werden. Es wird davon ausgegangen, dass bei dem Angriff insgesamt bis zu 300 Menschen starben.

Sobald die Kämpfe vorüber waren, kehrte das Team von Pieri trotz allem, was sie durchgemacht hatten, in die Klinik zurück, um die Schäden zu beurteilen. Obgleich des verheerenden Verlustes ihrer Kollegin, behandelten sie immer noch Verwundete, die dort gestrandet waren.

Ich habe das Team von Pieri nie persönlich getroffen, ich kannte sie nur aus unseren Gesprächen per Satellitentelefon, aber ihr außerordentliches Engagement und ihren Mut werde ich nie vergessen.

Die Suche nach einer Chirurg*in

Als sich die Dinge im Krankenhaus endlich beruhigt hatten, standen wir vor einem neuen Problem: Wir haben hier in Lankien keine Chirurg*in.

Viele der Patient*innen mit Schussverletzungen benötigten chirurgische Behandlungen. Einige von ihnen mussten dringend operiert werden oder sie würden sterben. Wir können Thoraxdrainagen legen, um punktierte Lungen zu stabilisieren, Wunden säubern und totes Fleisch entfernen, um Infektionen zu verhindern, eine Blutvergiftung mit Medikamenten behandeln, gebrochene Knochen richten, Bluttransfusionen geben und äußere Blutungen stoppen.

Für ein kleines Krankenhaus mit begrenzten Ressourcen können wir viel tun, aber unsere Patient*innen brauchten mehr.

Manchmal ist es möglich, Patient*innen mit solch schweren Verletzungen per Hubschrauber in ein chirurgisches Krankenhaus zu überführen, das von einer anderen medizinischen Organisation betrieben wird. Allerdings waren auch bei ihnen nicht nur bereits viele Verletzte angekommen, sondern sie waren aufgrund der Covid-19-Pandemie gezwungen, ihre Kapazitäten zu reduzieren. Darüber hinaus können Patient*innen derzeit kaum zwischen verschiedenen Regionen bewegt werden, aus Angst, das Coronavirus an neue Orte zu bringen.

Wir können Patient*innen auch an ein größeres Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Bentiu überweisen, aber auch dort gab es wegen der Reisebeschränkungen in der Pandemie seit Monaten keine Chirurg*in mehr.

Das Virus blockierte uns auf Schritt und Tritt.

Schließlich, sechs Tage nach dem Vorfall, erhielten wir nach intensiven Verhandlungen die Erlaubnis, acht Patient*innen in ein chirurgisches Krankenhaus in der Hauptstadt zu verlegen.

Die Liste

Es gab jedoch weitere Komplikationen beim Transport: Unser Flugzeug konnte acht Patient*innen aufnehmen, sofern alle sitzen, aber nur fünf, wenn die Pilot*innen die Sitze entfernen, um Tragen unterzubringen. Nun hieß es, auszuwählen, wer mitfliegen sollte.

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Ein Whiteboard mit einer Liste der Patient*innen auf der Intensivstation - alle mit Schussverletzungen.
Ein Whiteboard mit einer Liste der Patient*innen auf der Intensivstation - alle mit Schussverletzungen.

Ich überdachte unsere Möglichkeiten, während ich auf der Intensivstation umherwanderte.

Es gab diejenigen, deren Zustand offensichtlich kritisch war, die aber den Flug möglicherweise nicht überleben würden. Dann die, deren Verletzungen weniger ernst schienen, die aber, wie ich wusste, tickende Zeitbomben waren. Und diejenigen, die zwar litten, aber ohne Operation überleben würden oder auf einen Eingriff zu einem späteren Zeitpunkt warten konnten. Und schließlich die, denen wir nicht helfen konnten, mit oder ohne Verlegung.

Diese Entscheidung zu treffen, war eine der schwierigsten Situationen, mit denen ich je konfrontiert war. Es gab keine richtige Antwort.

Es blieb auch nicht viel Zeit, da wir erst am Abend erfuhren, dass das Flugzeug am nächsten Morgen kommen sollte.

Wir entschieden, dass alle Patient*innen die Reise im Sitzen machen sollten. Ich sprach mit ihnen, vor allem mit denen, die Unterleibsverletzungen oder schwere Wunden hatten und für die die Reise besonders beschwerlich werden würde. Sie waren sich einig es dennoch zu versuchen, wenn es bedeutete, dass mehr Menschen in das Flugzeug passen würden. Wir übten das aufrechte Sitzen im Bett, um zu prüfen, ob es möglich war.

Die Liste der acht Personen wurde fertiggestellt.

90 Minuten

Am nächsten Morgen, als wir in der Ferne die Motoren des Flugzeugs hörten, gaben wir den Verletzten eine Spritze Morphium und Medikamente gegen Übelkeit und stellten sie dann auf Bahren direkt vor den Toren des Krankenhauses auf. Die ganze Stadt hatte sich versammelt, um zuzuschauen, obwohl unser Wachschutz sich nach Kräften bemühte das Flugzeug abzuschirmen.

Das Team trug die Patient*innen auf die Landepiste, hob sie dann in das Flugzeug und manövrierte sie in die Sitze, einige waren unfähig sich aus eigener Kraft zu bewegen. Wir kämpften darum, ihre schweren Gliedmaßen und die Infusionsschläuche nicht zu verknoten und das auf einem winzigen Raum, der zu klein war, um darin zu stehen. Jede Patient*in wurde mit Decken abgestützt und dann festgeschnallt.

„Es sind nur 90 Minuten“, wiederholten wir ihnen und uns immer wieder beruhigend. Ich hatte Angst, dass es nicht funktionieren würde und wir Sitze entfernen müssten, um Bahren aufzustellen.

Irgendwie schafften sie es. Es war wahrscheinlich nicht die schlimmste Reise, die sie je gemacht hatten. Sie alle waren nach einer eintägigen Fahrt auf der Ladefläche eines Lastwagens bei uns im Krankenhaus angekommen; zusammengepackt mit anderen Verletzten, ohne Schmerzmittel und Wundverbände.

Ich war über die Maßen erleichtert, als das Flugzeug über die Piste rumpelte und verschwand. Das Schlimmste war überstanden.

Wochen später, während ich dies schreibe, weiß ich nun, dass sie alle am Leben sind und sich erholen.

Normal in diesen Zeiten

Das Krankenhaus war immer noch voll, und es gab mindestens zehn weitere Patient*innen, die operiert werden mussten, aber sie waren stabil und wir hatten Zeit, einen Plan für sie auszuarbeiten.

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Der Nachthimmel über den Tukul-Hütten, wo unser Team schläft.
Der Nachthimmel über den Tukul-Hütten, wo unser Team schläft.

Ich war so unglaublich stolz darauf, wie das Team den ganzen Vorfall bewältigt hatte. Wir konnten anfangen, die Scherben aufzusammeln und wieder zur Normalität zurückkehren, wie immer diese Normalität in diesen Zeiten auch aussehen mochte.

Genau eine Woche später saß ich von Fieber geschüttelt im selben Flugzeug und wurde mit dem Verdacht auf Covid-19 nach Juba evakuiert. Wie sich herausstellte, lag Normal noch in weiter Ferne.

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