Feldgruppe
Kein leichter Abschied

Drei Wochen sind nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti vergangen. Isabelle Jeanson hat während dieser Zeit den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen als Ansprechpartnerin für die Medien begleitet. Für sie ist es jetzt Zeit zu gehen - sie wird abgelöst.

Drei Wochen sind nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti vergangen. Isabelle Jeanson hat während dieser Zeit den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen als Ansprechpartnerin für die Medien begleitet. Für sie ist es jetzt Zeit zu gehen - sie wird abgelöst. Isabelle ist traurig, all die Patienten zurückzulassen, die sie getroffen hat. Die Würde und Solidarität, die die Haitianer angesichts dieser Katastrophe bewiesen haben, haben sie sehr berührt. Sie weiß aber auch, dass ihre Zeit in Haiti zwar zu Ende geht, die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen aber weiter im Einsatz sind und die dringend benötigte medizinische Versorgung für die Menschen fortführen.

Ich habe mich vor diesem Tag gefürchtet, denn es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen. Ich hab so viel Zuneigung und Respekt für die Haitianer entwickelt, die angesichts dieser enormen Not so viel Würde an den Tag legen.

Nächste Woche um die Zeit werde ich bereits wieder in meinem bequemen Büro sitzen und mir über die Menschen Gedanken machen, die ich getroffen habe und die mich zutiefst beeindruckt haben. Menschen wie zum Beispiel die kleine Gabrielle oder die süße, 19-jährige Sinthia, die fiebrig mit ihrem verwundeten Bein in unserem Krankenhausbett liegt. Sie hat am 4. Januar ein Baby zur Welt gebracht, aber das kleine Mädchen starb ein paar Tage nach dem Erdbeben, weil, wie sie mir sagt, sie frierend auf der Straße übernachten mussten. Ich werde auch an St. Amise und ihr vier Monate altes Baby denken. Auch sie wartet in ihrem Krankenhausbett, mit ihrem von einem Fixateur stabilisierten verletzten Bein. Währenddessen leben ihre anderen vier Kinder unter einem Leintuch auf der Straße. Ich kann Haiti verlassen, aber die Patienten, die ich getroffen hab, sind jeden Tag aufs Neue mit ihrer harten Realität konfrontiert.

Unsere Teams weiten unsere medizinischen Programme nun aus. Wir haben mehrere Standorte in Port-au-Prince, Leogane und Jacmel, wo wir nicht nur chirurgische Behandlungen für die Verletzten, sondern auch Rehabilitation, Hauttransplantationen (demnächst), therapeutische Ernährung für mangelnährte Kinder, Geburtshilfe, psychologische Beratung und Nachsorge für Hunderte unserer Patienten anbieten. Die körperlichen Wunden werden mit der Zeit verheilen, aber die Wunden in ihrer Seele werden auch eine spezielle Therapie benötigen. Viele Menschen erzählen mir, dass sie nicht darüber nachdenken wollen, was passiert ist, weil sie den Schrecken nicht noch einmal durchleben wollen. Ich habe heute mit Elisabeth, einer Patientin, gesprochen, die durch das Beben stark verletzt wurde, aber auch depressiv ist. Sie war ruhig und verschlossen, zeitweise hat sie geweint. Der Schock, in den sie ihr Zustand versetzt, die Tatsache, dass sie die wenigen Dinge, die sie besessen hat, und ihr Zuhause verloren hat, sind zu viel für sie. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Wo wird sie leben? Ich spüre die Grenzen der Unterstützung, die ich ihr bieten kann. Wenn bei den Menschen der körperliche Heilungsprozess eingesetzt hat, werden sie Jobs und ein Zuhause brauchen, um in Sicherheit leben zu können.

Die Erkundungsfahrt von letzter Woche führte uns vor Augen, dass es Hoffnung für jene Menschen gibt, die Port-au-Prince verlassen haben: Die Solidarität in den kleinen Städten ist beeindruckend. Es gibt kostenlose medizinische Hilfe für die Erdbebenopfer, sowohl in der Dominikanischen Republik als auch in Haiti. Ärzte stellen ihre Dienste kostenlos zur Verfügung, und Bürgermeister haben Busse organisiert, um Menschen aus Port-au-Prince abzuholen und nach Hause zu bringen. Das Schönste, das ich während dieser Katastrophe erlebt habe, ist die Solidarität zwischen den Menschen. Haitianer, die einander helfen, die ihr Leben riskieren, um Freunde oder Fremde aus den Trümmern zu bergen, die das wenige Essen teilen, das sie haben, die in Gebieten außerhalb der Stadt Dutzende obdachlos gewordene Menschen in ihren Häusern unterbringen, und die aufeinander aufpassen, wenn sie in den Straßen von Port-au-Prince übernachten. Außerdem gibt es Hoffnung in Form zahlreicher Organisationen, die helfen möchten, wo immer sie können. Bürgermeister haben hunderte Menschen angeheuert, um den Schutt aus den Straßen wegzubringen und um wieder ein bisschen Ordnung und Sauberkeit herzustellen. Und es gibt Menschen, die kleine Stände aufbauen, um Essen in den Notunterkünften der ganzen Stadt zu verkaufen. Das Leben muss weitergehen.

Mein letzter Wunsch ist, dass - lange nachdem die Kameras der Medien hier abgestellt sein werden – wir, die wir Glück haben, Elizabeth, Synthia, Ste-Amise und Gabrielle nicht vergessen. Denn sie haben weiterhin die Last dieser Katastrophe zu tragen. Der einzige Grund, warum ich akzeptieren kann, sie zurückzulassen, ist zu wissen, dass zumindest unsere medizinische Hilfe so lange weitergehen wird, wie die Menschen sie brauchen.