Feldgruppe
Ich will, dass sie überlebt

Langsam ändern sich die Dinge. Jeden Tag, wenn ich in unser Büro oder unsere Krankenhäuser komme, gibt es kleine spürbare Veränderungen, das Lager füllt sich endlich mit den benötigten Materialien, es gibt mehr Ordnung in dem Wahnsinn. Das Programm von Ärzte ohne Grenzen entwickelt sich weiter.

Langsam ändern sich die Dinge. Jeden Tag, wenn ich in unser Büro oder unsere Krankenhäuser komme, gibt es kleine spürbare Veränderungen, das Lager füllt sich endlich mit den benötigten Materialien, es gibt mehr Ordnung in dem Wahnsinn. Das Programm von Ärzte ohne Grenzen entwickelt sich weiter. Ein Psychologe hat mir erklärt, dass es in diesem Stadium der psychologischen Hilfe erst einmal vor allem darum geht, Informationen zu vermitteln: sicherzustellen, dass die Menschen wissen, wo sie medizinische Hilfe erhalten können, zu erklären, was Erdbeben sind usw. Erst wenn die Menschen so weit sind, werden sie anfangen über ihre Erlebnisse zu sprechen. Die meisten haben die Auswirkungen dessen, was sie erlebt haben, noch nicht wirklich begriffen. Dies mag in einigen Tagen geschehen oder in einigen Wochen, wenn sie begreifen, was es bedeutet, sein Heim zu verlieren, seine Familienmitglieder, seinen Besitz, seine Arbeit, oder alle Erinnerungen an das alte Leben.

Auch medizinisch gesehen kommen wir in eine neue Phase. Diejenigen unter den Verletzten, die noch immer nicht versorgt wurden, sind in einem kritischen Stadium, in dem sie Blutvergiftungen bekommen können. Diejenigen, die behandelt wurden, brauchen neue Verbände. Die Teams arbeiten noch immer hart, um so viele wie möglich zu behandeln, so viele Körperteile der Verletzten wie möglich zu retten. Eine Amputation ist immer eine schwere Entscheidung. Unsere Ärzte versuchen, Gliedmaßen zu erhalten, wann immer es geht, und behandeln die Patienten zunächst darauf hin. Aber Wundbrand gefährdet das Leben des Patienten, wenn die Infektion sich im Rest des Körpers ausbreitet. Amputationen können einen Schock für unsere Patienten bedeuten. Die Entscheidung, so schwierig sie auch ist, fällt immer mit der Absicht, das Leben des Patienten zu retten. Eine Ärztin erzählte mir gestern, dass sie bei einem Buben den Fuß amputieren musste. Trotzdem bedankte er sich nachher bei ihr dafür, dass sie ihm geholfen hatte.

Zum Glück starten immer mehr Organisationen Aktivitäten, vor allem im Südwesten Haitis um das Epizentrum herum. Es mag für Verwirrung sorgen, wenn zwei oder drei Krankenhäusern in der gleichen kleinen Gemeinde errichtet werden, aber letztendlich ist alles was zählt, dass die Menschen die benötigte Hilfe unmittelbar erhalten können.

Ich habe heute eine phänomenale Einrichtung besucht: das aufblasbare Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen, aufgebaut auf einem Fußballfeld hinter einer Schule im Stadtzentrum von Port-au-Prince. Es ist ideal in einem Umfeld, wo die Menschen Angst haben, in Gebäuden zu arbeiten. Es gibt eine Apotheke, zwei OP-Säle, eine ambulante und eine stationäre Abteilung und vieles mehr. Das Krankenhaus ist so neu, es riecht genau wie ein neues Schlauchboot. In diesem 100-Betten-Krankenhaus werden wir mehr Patienten schneller behandeln können, ohne befürchten zu müssen, dass Wände oder Dachteile auf unsere Patienten fallen. Unsere haitianischen Mitarbeiter kommen ebenfalls wieder zur Arbeit. Auch sie werden sich in so einer Struktur sicherer fühlen, nach der furchtbaren Erfahrung, dass das Trinité-Krankenhauses von Ärzte ohne Grenzen über ihren Köpfen zusammengebrochen war.

Das Baby Gabrielle

Das Baby Gabrielle

Ich habe das kleine Mädchen wiedergesehen, das ich vor einigen Tagen nach der Operation seines Armes in unserem Krankenhaus getroffen hatte, und das wie durch ein Wunder überlebt hat. Weil wir ihren Namen nicht kennen, hat ein Arzt das Baby Gabrielle genannt, nach seiner eigenen Tochter. Es stellte sich heraus, dass beide Eltern bei dem Erdbeben umgekommen sind, niemand sonst aus der Familie hat bisher nach ihr gefragt. Sie hat nicht nur ihren Arm verloren, sondern auch ein schweres Schädeltrauma erlitten, so dass sie nochmals operiert werden musste. Ich bin sehr beunruhigt, als ich abends vom Arzt erfahre, dass sie nun Fieber bekommen hat. Das ist kein gutes Zeichen für ein Baby mit so schweren Verletzungen. Ich will, dass sie überlebt, sie hat schon so viel überstanden. In einigen Monaten, wenn ihr Zustand nicht mehr so kritisch ist, wird das Team nach einer Organisation suchen, die sich um sie kümmert.

Die Nachbeben halten an. Nach dem großen Schrecken am Dienstag früh gab es drei weitere, kleinere. Um mir sicher zu sein, dass ich mir nichts einbilde, habe ich eine halb leere Wasserflasche neben mir auf den Schreibtisch gestellt. Wenn das Wasser in der Flasche schwappt, weiß ich, dass die Erde bebt und ich mir das nicht nur einbilde.

Heute Nacht gab es ein großes Feuer im Stadtzentrum. Es gibt Gerüchte über Plünderungen und Brandstiftung. Die Menschen fragen nach Arbeit und haben Hunger. Das Welternährungsprogramm hat in der Nähe unseres Krankenhauses Nahrungsmittel verteilt. Hunderte müssen sich dort zusammengedrängt haben und dem Lastwagen hintergelaufen sein, als er davonfuhr. In der Straße gibt es Bettlaken, auf die Leute Nachrichten wie „SOS“ und „Wir brauchen Nahrungsmittel und Wasser“ geschrieben haben.

Alle schlafen noch immer draußen, sie waschen sich auf der Straße, in den Parks oder wo immer sie sich einigermaßen wohl fühlen. Das Trauma nach dem Erdbeben sitzt tief. Die Menschen sprechen nicht unbedingt darüber, aber ihr Verhalten spricht eine deutlichere Sprache als alle Worte.