Feldgruppe
Ein makabrer Katalog beschämender Akte der Brutalität und Diskriminierung

Ilina Angelova arbeitete im August und September für Ärzte ohne Grenzen an Bord des Seenotrettungsschiffs Sea-Watch 4. Sie sprach mit zahlreichen Menschen an Bord – über ihre Erfahrungen in ihren Herkunftsländern, auf ihrem Weg durch die Sahara, in Libyen und auf See.

Patrick erzählte mir von seiner Zeit in Libyen und wie er dort in Gefangenschaft gehalten wurde. Eines Tages wurde er von seinen Entführern mitgenommen, um auf einem Gelände zu arbeiten, das dem Kommandeur einer bewaffneten Gruppe gehörte. Das Gelände befand sich in der Nähe einer großen Straße im Zentrum einer Stadt, es war hinter einer hohen Betonmauer versteckt, sodass niemand mitbekommen konnte, was dort vor sich ging. Patrick war – zusammen mit anderen Geflüchteten und Migranten – gezwungen, am Haus des Kommandanten zu arbeiten. Es gab eine Regel: Sie durften nicht sprechen, husten oder Lärm machen. Jeder, der gegen diese Regel verstieß, wurde erschossen.

Als Patrick mir seine Geschichte erzählte, habe ich verstanden, warum er mitten in der Nacht auf das Schlauchboot gestiegen war.

Alles, was er wollte, war fliehen – um jeden Preis und auf jede mögliche Weise, trotz der Wahrscheinlichkeit, zu kentern und zu ertrinken.

Das Schicksal von mehr als 473 Menschen, die in diesem Jahr im zentralen Mittelmeer ihr Leben verloren haben, reichte nicht aus, um ihn abzuschrecken. Genauso wenig hielt ihn die Tatsache ab, dass er nicht schwimmen kann. Von den vielen Berichten, die ich hörte, ist dies der, den ich am schwersten vergessen kann.

Fassungslose Stille

Die Stunden und Tage, die die 354 Menschen, die wir gerettet haben den Wellen ausgeliefert waren – in instabilen, überfüllten Booten, in der glühenden Hitze der Augustsonne und durch die kalten, dunklen Stunden der Nacht – haben viele an die Grenzen des Erträglichen gebracht. Viele hatten in einer Mischung aus Benzin und Salzwasser gesessen, die schwere und äußerst schmerzhafte Verätzungen auf ihrer Haut verursacht hatte.

Was sie durchgemacht hatten, war für mich sofort sichtbar. Die Menschen kamen an Deck – am Ende ihrer Kräfte. Sie bemühten sich, auf den Beinen zu bleiben oder ein paar kleine Schritte zu gehen. Seekrank und dehydriert, brachen einige sofort vor Erschöpfung zusammen und konnten mehrere Stunden lang nicht aufstehen oder auch nur einen Löffel Reis zum Mund führen.

Die meisten Menschen, mit denen ich in ihren ersten Minuten an Bord gesprochen habe, konnten sich nicht einmal an ihr Alter oder ihre Nationalität erinnern. Auf wiederholtes Fragen begegneten sie mir oftmals mit einem Blick voll fassungsloser Stille. Für mich drückte dies stärker ihr Trauma aus, als jedes Wort es je vermocht hätte.

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Rescued people on boar the Sea Watch 4

Eine beschämende Liste

Wenn die hektischen Stunden der Rettungsaktionen geschafft waren, kamen weitere dringende Aufgaben: die Verteilung von Lebensmitteln, Kleidung und Hygieneartikeln. Wir leisteten medizinische Versorgung für alle, die nicht ohnehin notfallbedingte Hilfe gebraucht hatten. Als die Menschen wieder zu Kräften gekommen waren und sich sicher genug fühlten, kamen viele zu mir und teilten ihre Erfahrungen:

Ich traf einen jungen Mann mit Granatsplittern in seinem Körper, die Folge einer Explosion in Tripolis, bei der sein Vater und seine jüngere Schwester getötet wurden. Ich sprach mit einem Teenager, dessen Fuß durch eine Schusswunde gezeichnet war. Er wurde von einem Scharfschützen angeschossen, als er Essen besorgen wollte. Im Krankenhaus lehnte man ab, ihn zu versorgen, weil er Schwarzafrikaner ist. Ich saß mit einer Mutter zusammen, die zu ängstlich war, ihr Kleinkind mehr als ein paar Meter entfernt herumlaufen zu lassen. Sie hatte mitansehen müssen, wie bewaffnete Männer die Babys anderer Frauen lebendig im Sand begruben. Ein weiterer Mann, John, erzählte mir, wie er bei Bauarbeiten an einem Haus versehentlich ein Fenster zerbrochen hatte. Da der Hausbesitzer keine Entschädigung von Johns Chef erhielt, veranlasste er, John drei Monate lang einzusperren, im Gefängnis wurde er gefoltert. Alles wegen eines zerbrochenen Fensters.

Diese Liste geht weiter. Und weiter. Nur dass es weniger eine Liste, als ein makabrer Katalog beschämender, unentschuldbarer Akte der Brutalität und Diskriminierung ist.

Jede Narbe, jeder Hundebiss, jedes entstellte und zerstörte Körperteil ist ein Beleg dafür, was den Menschen auf ihrer Flucht angetan wird – wie man die Menschlichkeit mit Füßen tritt.

Dies sind Geschichten darüber, wie das menschliche Leben völlig entwertet wird.

Das bedrückende Wartespiel

Elf Tage lang haben wir darauf gewartet, dass die Behörden der Sea-Watch 4 einen sicheren Hafen zuweisen. Es war schrecklich zu sehen, wie diese absichtliche Verzögerung zusätzliches Leid bei den Menschen verursachte, die wir gerettet hatten.

Nach einer Woche kam eine Frau zu mir, sie wirkte ganz verstört. Sie packte meine Hände und stellte mir mit flehender, panischer Stimme, ab dann jeden Tag mit wachsender Dringlichkeit und Besorgnis dieselbe Frage: „Sagen Sie mir. Sagen Sie mir! Werden Sie uns zurückbringen?"

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Souleman from Cameroon with his wife and child on the weather deck of the Sea-Watch 4

Einige der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen litten an Schlafstörungen, ausgelöst durch die Unruhe an Bord und die Aussichtslosigkeit ihrer Situation. Die Jüngsten verloren ihren Appetit und hörten auf zu essen, was für das medizinische Personal an Bord Anlass zur Sorge war. Die Verzögerung forderte ihren Tribut.

Kameradschaft und Solidarität

Lange Arbeitstage in sengender Hitze und anstrengende Nachtschichten zehrten auch an uns. Unsere Erschöpfung zu verbergen war selbst hinter den Schichten unserer Schutzausrüstung kaum möglich. Die geretteten Menschen an Bord boten uns immer wieder Hilfe bei unseren Aufgaben an. Bevor sie aßen, fragten sie, ob wir schon gegessen hätten und luden uns wiederholt ein, ihr Essen mit ihnen zu teilen.
Diese Momente der Kameradschaft und der menschlichen Solidarität halfen uns durch die schwierige Zeit. Die vielen rücksichtsvollen und selbstlosen Gesten, mit denen sich die geretteten Menschen umeinander und um uns kümmerten, stellten selbst in den trostlosesten Tagen ein Gefühl der Hoffnung an Bord wieder her.
Der langersehnte Hafen

Am elften Tag nach der ersten Rettung erhielten wir endlich die langersehnte Nachricht: Die Sea-Watch 4 durfte Palermo auf Sizilien anlaufen, wo die Geretteten auf ein Quarantäneschiff gebracht würden. Sie waren endlich in Europa angekommen.

Ich habe verstanden, welch unvorstellbar hohen Preis sie bezahlt haben, um bis hierhin zu kommen: Monate und Jahre der Ausbeutung; Eltern, Kinder und Verwandte, die sie auf dem Weg verloren haben; Freunde, die sie zurücklassen mussten oder die ertranken; und dunkelste Momente vollständiger Verlassenheit, ohne jegliches Mitgefühl oder Hilfe.

Ich erinnere mich an all die Momente mit den Geretteten, in denen ich mehr Dankbarkeit und Bewunderung für ihre Widerstandskraft, ihre Geduld und Freundlichkeit empfand, als ich jemals ausdrücken könnte.

Von den Behörden festgehalten

In den letzten Minuten, die wir zusammen verbrachten, fielen Worte der Dankbarkeit und der Aufmunterung. Einige baten uns, mit der Seenotrettung weiterzumachen, damit niemand im Stich gelassen wird. Wir hätten gerne gesagt, dass wir das tun würden, aber wir wussten, dass dies ein Versprechen gewesen wäre, dessen Einlösung nicht in unserer Hand liegt. Denn wir ahnten, dass man uns nicht erlauben würde, wieder auszulaufen. Wir hatten Recht: Fünfzehn Tage, nachdem die von uns geretteten Menschen unser Schiff verlassen hatten, wurde die Sea-Watch 4 von den Behörden unter erneut fadenscheinigen politisch motivierten Gründen festgesetzt.

Während ich nun hier festsitze, daran gehindert, meinen Job auf dem Mittelmeer zu machen,

denke ich an diejenigen, die wir nicht gerettet haben und nicht retten werden, weil man uns die Möglichkeit dazu genommen hat.

Ich denke darüber nach, was es bedeutet, sein Leben zu riskieren, für die Chance auf eine sichere, normale und würdevolle Existenz. Ich denke an diese Menschen, die ich wahrscheinlich nicht wiedersehen werde, und hoffe, dass sie den Hindernissen trotzen werden, die Europa zu ihrer Abwehr aufgebaut hat, und dass sie irgendwie einen sicheren Ort erreichen. Ich denke an all jene, die noch in Libyen festsitzen, gefangen hinter der hohen, unpassierbaren Mauer, zu der das Mittelmeer nun geworden ist. Außer Sichtweite gehalten und in völlige Stille gezwungen – ganz wie die Männer auf dem Grundstück, auf dem Patrick schuften musste – sind Zehntausende weiter jeden Tag unmenschlicher Brutalität, Grausamkeit und Ungerechtigkeit ausgesetzt, während Europa seine Augen schließt und weghört.

*Die Namen wurden geändert.