Feldgruppe
Wettlauf gegen die Zeit

Unsere erfahrene Krankenschwester Heidi Anguria ist nach Einsätzen u.a. im Südsudan und auf dem Mittelmeer nun in Bangladesch. Im Megacamp in Cox’s Bazar, Zufluchtsort für Hundertausende Rohingya, erwartet sie eine große Aufgabe ...

A man walks through the Kutupalong refugee camp

Nach der Arbeit …

Unglaublich wie schnell die Zeit vergeht! Inzwischen war Muttertag, wobei ich wenig Mutter war, aber viel Tag hatte. Und es war ein besonderer Tag: Es war der letzte Tag der Impfkampagne! Aber wie so oft, musste nachgearbeitet werden. Insgesamt waren weniger Teams im Einsatz, aber in allen Camps wurde versucht, die Ergebnisse zu verbessern und so wurden noch Tausende Menschen geimpft.

Mein Fazit: Auch wenn es sehr heiss war und man das Gefühl hatte zu verdursten (kaltes Wasser ist das tollste Getränk!), auch wenn man meint, alle Hügel schon hundertmal hinaufgeklettert zu sein und Millionen Stufen erklommen zu haben, auch wenn man versucht, alle seine Teams nur mit menschlichem GPS zu finden – es war grossartig! Und das Beste: Mit 900.000 geimpften Menschen wurde das Ziel der Kampagne erreicht! Ich glaube, alle Beteiligten können stolz sein! Die zweite Dosis des Impfstoffs wird im Juli verabreicht.

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Einige Orte im Lager sind nur über gefährliche Wegen erreichbar.
Einige Orte im Lager sind nur über gefährliche Wegen erreichbar.

Meinen tollen Teams habe ich gestern einen Tag frei gegeben. Heute ist ja „Sonntag“ und Beginn des Ramadans. Die nächsten vier Wochen werden also für alle, die in den Camps arbeiten und dort viel laufen müssen, hart. Deshalb haben wir entschieden, dass alle Mitarbeiter eine Stunde weniger pro Tag arbeiten dürfen.

… ist vor der Arbeit

Wir müssen uns jetzt wieder den Routinearbeiten widmen, aber da steht auch einiges an. Zudem wird weiterhin mit viel Einsatz daran gearbeitet, das Lager für die Monsunzeit so sicher wie möglich zu machen. Es regnet schon etwas mehr, aber es ist noch nicht Zeit für die Gummistiefel.

In einem Rennen gegen die Zeit wird täglich versucht, die Unterkünfte sicherer zu machen und genügend Wasserstellen und Latrinen zu bauen. Es gab schon über zehn Situationen, in denen Hänge ins Rutschen gekommen sind. Es gab Verletzte und leider auch Tote. Menschen, die in den am meisten gefährdeten Gebieten wohnen, sind umgesiedelt worden. Aber es fehlt an Land, das dann auch bewohnbar gemacht werden muss.

Mit der Regenzeit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Krankheitsausbrüchen wie schwerem Durchfall kommt. Wir haben dafür spezielle Behandlungszentren vorbereitet und letztlich soll natürlich auch die Cholera-Impfkampagne helfen. Bis jetzt ist noch alles unter Kontrolle.

[eine Woche später …]

Der nicht alltägliche Alltag

Momentan ist Ramadan. Das bedeutet, dass unsere Mitarbeiter nach einem späten Abendessen drei bis vier Stunden schlafen, gegen 3 Uhr frühstücken, nochmal kurz schlafen und dann geht es zur Arbeit. Sie sind dementsprechend etwas müde, geben aber trotzdem ihr Bestes. Ich habe zwei Tage mitgefastet, um ein Gefühl dafür zu bekommen: Das Essen fehlt mir nicht, aber nichts zu trinken ist wirklich hart. Nach den Jahren in Nigeria lerne ich auch hier wieder Neues über den Islam und finde es sehr interessant.

Weiterhin kümmere ich mich um die Impfungen der Mitarbeiter (mehrere Hundert!) und bin diese Woche auch in die Notfallübung involviert: Es geht um den Fall, dass viele Verletzte auf einmal in eine Gesundheitseinrichtung kommen. Das kann zum Beispiel ein Unfall mit einem Bus sein, ein Feuer im Camp oder eben das Abrutschen der Hänge.

Für diese Situation gibt es einen besonderen Plan. Die Theorie haben wir schon hinter uns. Es folgt die große praktische Übung. Daran werden 20 Freiwillige teilnehmen, die meine Schauspieler sein werden. Jeder hat eine Aufgabe bekommen: Von einfachen Verbrennungen am Arm über eine Metallstange im Bauch bis hin zu einem Toten werden wir die Mitarbeiter fordern.

Wenn einen die Vergangenheit einholt

Ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass wir uns auch um die seelischen Bedürfnisse der Menschen kümmern. Um die schwierige Gegenwart: Leben auf engstem Raum, Sorge um genügend Essen, nicht genügend Schulen für alle Kinder und Angst um die eigene Sicherheit. Es gibt Entführungen, Ausbeutung oder Missbrauch.

Auch Probleme der Vergangenheit werden jetzt deutlich: Frauen, die letztes Jahr im August auf dem Höhepunkt des Konflikts in Myanmar vergewaltigt wurden, bekommen jetzt die Kinder, die daraus entstanden sind. Wir haben ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die psychologische Hilfe leisten. Zudem gibt es die Hebammen, die für solche Fälle geschult wurden.

Vier von fünf Müttern entbinden übrigens „Zuhause“ – ein Zuhause, das aus Bambus, Plastikplanen und rauer Erde besteht. Wenn dabei Probleme auftreten, bedeutet das grosse Gefahr für Mutter und Kind. Im Camp geborene Kinder bekommen keine Geburtsurkunde, haben keine Staatsangehörigkeit, erhalten keinen Flüchtlingsstatus. Dabei wollen Mütter hier das gleiche für ihre Kinder wie alle Mütter dieser Welt: Essen, Kleidung, Sicherheit und ein Zuhause.

Ich glaube, ihr habt erstmal wieder genug zum Nachdenken.

Mir geht es sehr gut, das Einzige, was ich mir wirklich wünsche, wäre ein Augenblick der Ruhe – ich meine, was Geräusche betrifft… Aber da muss ich noch warten.