Feldgruppe
In welcher Situation müssen sie sich befunden haben, um sich auf diese gefährliche Reise zu begeben?

Seit Anfang des Jahres ist Heidi Anguria für uns als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs. Hier berichtet sie von ihren Erlebnissen.

Launching the rib

Dann wollen wir mal sehen, was in dieser Woche so los war, denn es hat sich wieder einiges ereignet:

Am Montag befinden wir uns mal wieder in der Suchzone. Aber die Wellen sind zu hoch, als dass Boote mit Migranten und Flüchtlingen losfahren würden. Unsere Kollegen von SOS Méditerranée halten trotzdem auf der Brücke Wache. Das heißt sie suchen über spezielle Ferngläser die Umgebung ab. Es ist aber sehr schwierig, in höheren Wellen mit weißer Gischt kleine Boote zu sehen.

Die Kollegen von SOS Méditeranée halten Ausschau nach Booten

„Wir arbeiten alle gut zusammen und jeder weiß, was er zu tun hat“

Wir beschäftigen uns trotz des hohen Wellengangs, indem wir mehrere medizinische Notfallszenarios durchspielen: Zum Beispiel wie es ist, wenn jemand ganz vorne auf dem Schiffsdeck leblos aufgefunden wird. Wir Mediziner rennen los, um zu sehen was mit dem Patienten ist: Atmet er, hat er einen Puls, müssen wir an Ort und Stelle wiederbeleben, ist er sehr unterkühlt? Dann transportieren wir den Patienten so schnell wie möglich in unsere Klinikräume. Das Ganze findet mit echten Menschen statt. Auf einem schaukelnden Schiff tragen wir ihn über steile Schiffstreppen und durch enge Korridore. Da kommt man schon mal ins Schwitzen.

Am Dienstag gibt es dann ein weiteres Notfalltraining, aber diesmal ohne Vorankündigung. Das Üben macht sich bezahlt – wir arbeiten alle gut zusammen und jeder weiß, was er zu tun hat. Was wir natürlich nicht nachstellen können, ist die Situation, wenn wir hunderte von Menschen an Bord haben und kaum Platz zum Agieren ist. Übrigens haben wir auch immer Journalisten mit an Bord, die ebenfalls bei den Wachen oder allem, was gerade ansteht, mithelfen müssen. Gerade haben wir ein französisches Fernsehteam und einen Reporter der „Times“ an Bord. Es ist uns wichtig, dass die Menschen durch die Medien von den Rettungsaktionen und den Geschichten der Geretteten erfahren.

Um 6 Uhr morgens ist es vorbei mit der Ruhe

Obwohl am nächsten Tag schönes Wetter ist, finden wir keine Boote. Am Donnerstag um 6 Uhr ist es dann vorbei mit der Ruhe. Wir retten 100 Menschen, alles Männer. Der Großteil von ihnen kommt aus Bangladesch, was uns vor neue Sprachprobleme stellt. Aber wir finden schnell einen Übersetzer, der uns in den nächsten Tagen sehr viel helfen wird. Diese Menschen leben zum Teil schon Jahre lang in Libyen, um Geld zu verdienen. Erst jetzt sind sie von dort weggegangen, weil die Situation so schwierig und gefährlich für sie geworden ist. Ihre Pässe mussten sie zumeist ihren Arbeitgebern oder – wie sie sie selber nennen – ihren Besitzern (!) geben.

Nachdem alle Geretteten versorgt sind, behandeln wir wie immer die Patienten unter ihnen. Damit sind wir den Nachmittag über beschäftigt. Abends bei der Essensverteilung kommt es zu einer kuriosen Situation. Unsere Gäste aus Bangladesch wollen selbst das Essen verteilen und so sind wir fast arbeitslos. Das war ein sehr lustiger Moment!

Nach einer Rettungsaktion

Flüchtlings- oder Fischerboot?

Donnerstag – Ich habe diese Nacht Rufdienst und will eigentlich ein bisschen schlafen. Aber um 1 Uhr nachts geht es schon wieder raus dem Bett und von da an auch rund: Ein mögliches Boot wird gesichtet. Nachts ist es schwierig zu erkennen, ob es sich um ein Gummiboot mit Flüchtlingen handelt oder ob es vielleicht doch ein Fischerboot ist. Die machen aus Angst vor Überfällen manchmal ihre Lichter nicht an. Es gibt Entwarnung und wir gehen alle wieder zurück in unsere Kabinen. Doch nur für zehn Minuten, denn dann stellt sich heraus, dass es doch ein Boot für uns ist.

Diesmal bin ich wieder an der Reihe, auf dem Rettungsboot mitzufahren. Es handelt sich um ein hölzernes Boot. Die Menschen sitzen sehr tief im Boot und sind nicht so einfach zu erkennen.  Ganz wichtig ist es, alle zu beruhigen und zu vermeiden, dass sie alle auf eine Seite des Bootes gehen. Denn dann könnte ihr Boot kentern und es wäre eine Katastrophe, wenn sie alle im Wasser liegen bevor wir sie mit Schwimmwesten versorgen konnten.

Das Rettungsboot wird zu Wasser gelassen

„Welche Ängste müssen sie durchgestanden haben?“

Ein Mann, der eventuell bewusstlos sein könnte, ist zwar schwach, aber reagiert auf mich. Alle sehen erschöpft aus, aber es ist nichts Schwerwiegendes zu erkennen. Wieder einmal denke ich, in welcher Situation sich diese Menschen befunden haben müssen, dass sie sich auf diese gefährliche Reise begeben haben. Welche Ängste müssen sie durchgestanden haben?

Es sind zehn Menschen, unterkühlt und sehr geschwächt. Wir müssen sie medizinisch behandeln und vor allem aufwärmen. Letztendlich legen wir sie alle in den Raum, wo sonst die Frauen untergebracht werden. Ich arbeite bis sieben Uhr weiter, während die anderen wenigsten ein paar Stunden schlafen können. Im Laufe des Tages stoßen wir auf drei weitere Boote.  Eins der Boote verliert schon Luft und unsere Kollegen von SOS Méditeranée müssen sich beeilen.  Die Menschen sind wieder völlig erschöpft und verängstigt.

Syrische Familien, viele junge Frauen aus Nigeria, ein Mann aus Myanmar

Wir haben am Ende über 500 Gäste an Bord, davon sind 90 Frauen und 20 Kinder. Es sind mehrere syrische Familien, wieder viele junge Frauen aus Nigeria, aber auch ein Mann aus Myanmar. Überall herrscht Chaos, besonders in dem Raum der Frauen und Kinder, da es viel zu eng für alle ist. Trotzdem schaffen wir es, dass am Ende des Tages wieder alle eine warme Mahlzeit haben.

Die Vorbereitung der Portionen für das Abendessen

Am Freitag werde ich sehr früh vom Hämmern der Wellen gegen unser Schiff geweckt. Schon bald muss dann auch wieder Frühstück vorbereitet werden. Danach starten wir mit den Behandlungen.

Leben in moderner Sklaverei in Libyen

Und es kommen wieder Geschichten zum Vorschein, die hinter den körperlichen Schmerzen stecken: Ein Nigerianer zeigt mir, dass ihm mit einem Gewehrkolben Zähne ausgeschlagen wurden. Ein anderer erzählt mir, dass er nichts von den Zuständen in Libyen gewusst hätte. Er hatte nur gehofft, dort Geld verdienen zu können, um seine Familie zu Hause durchzubringen. Er wurde immer wieder geschlagen – zum Beispiel mit Gummischläuchen – bis er sich mit ca. 250 Euro freikaufen konnte.

Viele haben uns erzählt, dass sie gezwungen wurden, ihre Verwandten anzurufen, um nach Geld zu fragen. Während des Telefonats wurden sie gefoltert, damit die Familien es am Telefon hören konnten. In Libyen gibt es keine Gesetze für sie. Sie leben dort in moderner Sklaverei, denn sie werden verkauft.

Heid und ihr Kollege Pablo, der für SOS Méditeranée die Rettungsaktionen durchführt

Der Samstag vergeht mit Essensverteilungen und Behandlungen bis spät abends. Am Sonntag kommen wir im Hafen von Pozalla an. Bis zum Mittag sind alle von Bord. Anstrengende Tage liegen hinter uns und wir atmen alle auf und freuen uns auf einen netten Abend mit Pizza und Wein!