Feldgruppe
So etwas Ähnliches wie Routine

So sehr ich mein längeres freies Wochenende genossen habe, hat es auch Verwirrung in mir ausgelöst: Ich, hier in diesem netten Hotel. Und eine Stunde entfernt: dieses gigantische Flüchtlingslager, Lebensraum für fast eine Million Menschen und mein Arbeitsplatz.

​​​​​​​Das gigantische Flüchtlingslager ist immer wieder überwältigend und lässt einen sprachlos zurück.

Seit April ist unsere Krankenschwester Heidi Anguria in Bangladesch und arbeitet im Süden des Landes in Cox's Bazar in einem Camp für geflüchtete Rohingya. Ihr Einsatz neigt sich langsam dem Ende entgegen. Bis dahin berichtet sie noch von den täglichen Herausforderungen rund ums Impfen.

Einmal durchatmen und wieder frisch ans Werk

Letztens hatte ich ein längeres freies Wochenende. Das bedeutete für mich: zwei Nächte in einem Hotel in der Stadt Cox und einfach mal ganz raus sein. Am Meer spazieren gehen, leckeres Essen und Ausschlafen – Dinge, die die meisten von uns wollen. So sehr ich das Ganze auch genossen habe, hat es doch auch Verwirrung in mir ausgelöst: Ich, hier in diesem netten Hotel. Und eine Stunde entfernt: dieses gigantische Flüchtlingslager, Lebensraum für fast eine Million Menschen und mein Arbeitsplatz...

Meine Teams und ich sind seit Montag wieder im Einsatz für die regulären Impfungen, aber es braucht seine Zeit, bis es richtig läuft. Ein Problem ist zum Beispiel, dass Frauen oft ihre Kinder impfen lassen wollen, aber dafür die Erlaubnis ihrer Ehemänner brauchen. Ich versuche deshalb mich mit den Imamen und den Blockleitern der Camps zu treffen, um mit ihnen darüber zu sprechen.

„Jeder braucht Erfolgserlebnisse“

Ich habe diese Woche auch ein Training für Hebammen gegeben, die Schwangere und Neugeborene impfen und werdende Mütter über Impfungen aufklären, damit sie nach der Geburt zu uns kommen. Es ist zum Beispiel sehr wichtig, schwangere Frauen gegen Tetanus zu impfen. Denn viele Frauen entbinden zu Hause und wenn die Nabelschnur nicht mit einer sauberen Klinge durchtrennt wird, kann das Neugeborene an Tetanus sterben.

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Das gigantische Flüchtlingslager ist immer wieder überwältigend und lässt einen sprachlos zurück.
Beim Impfen sind wir inzwischen total routiniert, doch kommen täglich immer wieder kleine Herausforderungen auf uns zu.

Wir haben uns inzwischen an unsere neuen Aufgaben gewöhnt, aber es gibt jeden Tag kleine Probleme zu lösen. Das Schwierigste ist, die Menschen dazu zu bewegen, zu uns zu kommen. Die Imame und Blockleiter, mit denen ich mich schon getroffen habe, stehen den Impfungen positiv gegenüber. Unsere Zahlen gehen nach oben – die Menschen kommen also, was uns alle freut. Denn jeder braucht ja Erfolgserlebnisse.

Epidemiologen sind besonders wichtig in einem Riesencamp

Auch diese Woche möchte ich Euch eine Berufsgruppe bei uns vorstellen und zwar die Epidemiologen. Wir haben sie oft in unseren Projekten und sie sind ganz besonders wichtig in einer Situation wie in diesem Riesencamp. Sie sammeln kontinuierlich demographische Daten: Geburten, Sterbefälle, Altersgruppen, Geschlechterverteilung und Bewegungen der Bevölkerung. Sie identifizieren besonders gefährdete Gruppen wie Ältere, Kinder unter fünf Jahren oder schwangere Frauen.

Zudem beobachten sie die Entwicklung von Erkrankungen, die sich schnell verbreiten können, wie Masern oder Durchfallerkrankungen. Das ist besonders wichtig, um im Ernstfall schnell reagieren zu können. Denn gerade Durchfallerkrankungen sind in einer Regenzeit häufig und verbreiten sich schnell.

Darum arbeiten die Epidemiologen auch eng mit den Wasser- und Sanitär-/Hygiene-Spezialisten (WATSANs) zusammen. Mithilfe ihrer gesammelten Daten können sie den Wasserexperten sagen, wo zum Beispiel mehr sauberes Wasser benötigt wird. Ihr seht also, auch dies ein spannender Beruf und vor allem: Jeder Beruf ist wichtig für das gesamte Gefüge.