Feldgruppe
Lübeck – Rotterdam – Sizilien – Mittelmeer: Ein ganz anderer Einsatz beginnt

Seit Anfang Januar ist Heidi Anguria als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs, das Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit der Organisation SOS MÉDITERRANÉE betreibt. Jede Woche berichtet sie uns von ihren Erfahrungen bei der Seenotrettung von Geflüchteten und Migranten.

Dieses Mal ist alles anders als sonst. Ich bin freudig aufgeregt, und es erfrischt meinen Kopf ungemein! Ich bin für Ärzte ohne Grenzen an Bord eines Rettungsschiffes im Mittelmeer. Teilweise haben wir bis zu sechs Meter hohe Wellen. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich früher Angst vor Kreuzfahrten hatte, bin ich ganz schön weit gekommen. Aber ich fühle mich sicher, und meinem Magen geht es auch gut. Doch von vorn.

Anfang Januar bin ich von Lübeck nach Amsterdam geflogen – wie immer vor einem neuen Projekteinsatz für Ärzte ohne Grenzen. In Amsterdam bekomme ich in der Regel die ersten Briefings. Von Amsterdam ging es dieses Mal aber nicht, wie in all den letzten Jahren, nach Afrika, sondern nach Rotterdam. Dort fand der nautische Kurs statt, den alle Seeleute machen müssen – und als Vorbereitung auf meinen neuen Einsatz eben auch ich. Bei dem Kurs geht es um das Verhalten und die Sicherheit an Bord eines Schiffes.

Wir haben vier Tage lang viel Theorie gehört, aber auch praktische Übungen gemacht. An meine physischen Grenzen haben mich die Übungen im Pool gebracht, mit Überlebensanzug und Schwimmweste darüber. Zum Beispiel an einer Strickleiter hochklettern oder in die Rettungsinsel hinein. Ja Leute, es hört sich leichter an als getan!

Feuer war natürlich auch ein großes Thema, und wir mussten mit voller Montur und mit Atemgeräten in einen dunklen, verqualmten Container hineingehen, um Feuer zu löschen. Ich bin jetzt voller Respekt für die Arbeit aller Feuerwehrleute!

Nach dem Kurs bin ich dann über Rom nach Catania auf Sizilien geflogen und abends auf unser Schiff gegangen: die Aquarius. Hier liegt sie im Hafen von Catania. 

Es gab ein nettes Willkommen vom Team, das aus drei Gruppen besteht. Die eine Gruppe ist das nautische Personal unter Leitung eines weißrussischen Kapitäns. Dann gibt es ein Team von SOS Méditerranée, das vor allem für die sogenannten „Search and Rescue-Aktionen“ zuständig ist, also die Rettung der Menschen von den Booten. Und dann gibt es natürlich das Team von Ärzte ohne Grenzen für die medizinische Versorgung der Menschen, die wir retten. Wieder einmal ein bunt gemischtes Team aus aller Welt!

An meinem ersten Tag an Bord, an dem wir noch im Hafen von Catania lagen, haben alle neuen Team-Mitglieder das Schiff erklärt bekommen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich einen Überblick darüber hatte, was an welchem Ende des Schiffes zu finden ist, denn es ist ganz schön verwinkelt. Aber das Wichtigste hatte ich schnell gefunden: Die Crewmesse (wir haben gerade einen neuen, polnischen Koch bekommen), die Waschmaschinen, die Brücke (man darf fast jederzeit dorthin) oder unseren Fitnessraum. Der ist sehr einfach und klein, aber immerhin gibt es ein Fahrrad und eine Rudermaschine, für die ich mich interessiere. Für mich ist es natürlich außerdem besonders wichtig, unser Behandlungszimmer an Bord gut zu kennen.

Wir haben außerdem viel Zeit mit Übungen verbracht: Wie läuft eine Rettungsaktion ab? Wie geht man mit Patienten mit leichter bis schwerer Unterkühlung um? Auch eine Reanimation haben wir wieder einmal geübt. Da wir ja nur vier medizinische Mitarbeiter an Bord sind, trainieren wir auch alle anderen in Hilfsarbeiten, damit sie uns im Notfall unterstützen können. Das Beste war, als wir mit einem unserer kleinen Schlauchboote rausgefahren sind. Es ist neu und musste getestet werden. Es können bis zu 18 Personen darin sitzen, davon drei Besatzungsmitglieder.

Nachmittags hatte ich noch zwei Stunden frei und habe ein bisschen Catania erkundet. Auch das ist so völlig anders als bei all meinen früheren Einsätzen im Südsudan, wo es nichts gibt, was man sich ansehen könnte. Am ersten Abend sind wir alle zusammen ausgegangen in eine kleine, afrikanische Bar mit Live Musik. Das war ein netter Einstand.