Feldgruppe
Ist es nun gut oder schlecht, wenn man keine Boote sichtet?

" 2016 sind 4600 Menschen ertrunken und dieses Jahr waren es auch schon über 200. Außerdem gibt es sicher noch eine hohe Dunkelziffer."

Seit Anfang Januar ist Heidi Anguria als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs, das Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit der Organisation SOS MÉDITERRANÉE betreibt. Jede Woche berichtet sie uns von ihren Erfahrungen bei der Seenotrettung von Geflüchteten und Migranten.

Dieses Mal wird mein Bericht kürzer und nicht ganz so spektakulär. Aber das liegt eben in der Natur unserer Arbeit. Aber wie immer der Reihe nach:
 
Letzten Sonntag waren wir ja in Messina angekommen. Dort konnten wir aber nicht alle unsere Gäste von Bord bringen. Denn die Behörden waren etwas langsam. Insgesamt 85 Menschen mussten noch eine Nacht länger auf dem Schiff bleiben. Am Montag Morgen haben dann auch sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Wir verabschieden jeden persönlich mit Handschlag oder einer Umarmung und wünschen ihnen viel Glück - sie werden es brauchen! Alle sind in freudiger Erregung auf das neue Leben, gemischt mit Nervosität vor dem, was kommen wird.

Ankunft der Geretteten im Hafen

Was brauchen die Menschen an Bord?

Die Menschen brauchen gar nicht so viel, wenn sie bei uns an Bord sind: natürlich zunächst mal trockene Kleidung, Essen und medizinische Versorgung. Aber sie brauchen vor allem auch ein paar nette Worte oder eine Umarmung. Das Erste was alle tun, nachdem sie mit trockener Kleidung, heißem Tee und Essen versorgt sind: Sie schlafen ganz viel. Am nächsten Tag sind sie dann schon etwas euphorischer. Sie erkunden das Boot, sprechen miteinander und manchmal singen und tanzen sie, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Sie fühlen sich endlich sicher und sehen, dass wir uns um sie kümmern.
 

Je näher wir ihrem Ziel kommen, umso mehr verändert sich die Stimmung an Bord: Sie haben Angst vor dem Unbekannten.

 
Wenn sie wollen, erzählen sie uns ihre Geschichten, die immer bewegend sind und sehr fern von dem, wie unser Leben zuhause verläuft. Wir sammeln diese Geschichten auch, um auf das Leid der Menschen und auf Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen. Je näher wir ihrem Ziel kommen, umso mehr verändert sich die Stimmung an Bord: Sie haben Angst vor dem Unbekannten. Unser Schiff, die Aquarius, ist ja nur ein kleiner (wenn auch sehr wichtiger) Schritt auf ihrer gesamten Reise. Sie haben ihre Familien zurück gelassen, waren wochenlang unterwegs. Viele haben die Wüste durchquert, sind in Libyen misshandelt und ausgenutzt worden. Sie haben eine lebensgefährliche Seereise überstanden und hoffen jetzt darauf in Europa willkommen geheißen zu werden - und haben keine Ahnung was auf sie zukommt.
 

Wenn das Wetter dem Team einen Strich durch die Rechnung macht...

Am Montag wird dann erstmal neue Ladung an Bord genommen – Lebensmittel, medizinisches Material und neue Rescue Kits zur Versorgung der Geretteten. Am Nachmittag haben wir dann alle frei. Abends bin ich mit meinen Kollegen zum Essen verabredet und natürlich probieren wir den sizilianischen Wein!
 
Am Dienstag laufen wir wieder aus, um möglichst schnell wieder in der „Suchzone“ anzugelangen. Denn im Winter gibt es ja kaum Rettungsboote, die nach Flüchtlingen suchen. Nun beginnt aber auch schon unser Problem: das Wetter! Wir haben Wellen von etwa drei Meter Höhe (bis zu sechs Meter Höhe ist angesagt) und deshalb fahren wir so lange wie möglich im Schutz der Küste. So kommen wir aber auch nicht so schnell voran. Es schaukelt ordentlich und man eiert dauernd von rechts nach links. Ich will es ja nicht beschreien, aber bisher habe ich keine Probleme mit der Seekrankheit! Wir beschäftigen uns mit administrativen Dingen und machen eine Schlussbesprechung der letzten Rettungsaktionen. Außerdem steht Sport jetzt als Pflichtprogramm bei mir an!

War wirklich niemand draußen auf der See?  

Die Nacht ist sehr bewegt, ich bin froh am Morgen wie jeden Tag erstmal an Deck zu gehen. Ich genieße diese Momente.  Heute ist die ganze Crew müde und hängt etwas durch. Beim Essen in der Messe fühle ich mich wie vor einer Waschmaschine, ständig spült das Wasser die Bullaugen durch! Am Donnerstag sind wir in der „Suchzone“ vor Libyens Küste angekommen. Die See ist ruhig. Der Tag verläuft ebenfalls sehr ruhig. Trotzdem haben wir eine leichte innerliche Anspannung. Es kann ja jederzeit ein Boot gesichtet werden. Und mit dem Gedanken gehen wir dann auch ins Bett. In der Nacht dürfen wir dann aber durchschlafen. War wirklich niemand draußen auf der See?  2016 sind 4600 Menschen ertrunken und dieses Jahr waren es auch schon über 200. Außerdem gibt es sicher noch eine hohe Dunkelziffer.
 

Es kann ja jederzeit ein Boot gesichtet werden. Und mit dem Gedanken gehen wir dann auch ins Bett.

Unser Problem ist weiterhin das Wetter, es bleibt sehr schlecht. Wir gehen davon aus, dass keine Boote zu Wasser gelassen werden. Unser Schiff "versteckt" sich in einem ruhigen Winkel vor der tunesischen Küste. Wir können aber auch nicht zurück nach Sizilien, denn da kommt das schlechte Wetter her. Also beschäftigt sich jeder mit irgendwas. Wir haben jetzt unseren täglichen Fitclub: erst Cardio-Training draußen an Deck (habt ihr schon mal versucht auf einem sich bewegenden Schiff Seilzuspringen??) und dann drinnen weitere Übungen.
 
Am Samstag ist die See relativ ruhig, dort wo wir uns befinden. Aber wir werden wohl keine Boote mehr finden. Einerseits ist das natürlich gut, aber andererseits wollen wir ja auch etwas tun. Am Sonntag befinden uns dann auf dem Rückweg nach Catania. Wir müssen dringend zurück, um Nachschub an allem an Bord zu nehmen. Raue See um Malta ist die Vorhersage....