Feldgruppe
Impfen im Riesencamp – Was man braucht, ist ein starkes Team

Nach Jahren im Südsudan und einem intensiven Einsatz auf dem Mittelmeer ist Heidi Anguria nun in Bangladesch. Im Megacamp in Cox’s Bazar, das Zufluchtsort für Hundertausende Rohingya wurde, erwarten die erfahrene Krankenschwester neue Menschen, besondere Erlebnisse und große Herausforderungen ...  

Regen, Elefanten und noch mehr Regen

Willkommen im Neuen Jahr! – Zumindest, wenn man in Bangladesch lebt. Denn kürzlich wurde hier Neujahr gefeiert und zwar das Jahr 1425. Mit bis zu 38 Grad sind die ersten Tage des neuen Jahres sehr heiß und schwül. Es hat auch zwei Mal kurz geregnet. Das sind aber erst die Vorboten für die bevorstehende Monsunzeit, die Überschwemmungen und Zyklone mit sich bringen wird. Wir und alle anderen Organisationen hier machen uns Sorgen um die Menschen in den Lagern. Es werden große Anstrengungen unternommen, um die Camps sicherer zu machen. So wurde zum Beispiel schon ein Teil der Bewohner in einen anderen Bereich umgesiedelt. Dort ist aber die Versorgung mit Latrinen und Wasser sehr schlecht.

Bei der kommenden Monsunzeit könnte es zu Überschwemmungen und Erdrutschen kommen.

Und es gibt jedoch noch ganz andere Probleme: Dort, wo jetzt das Megacamp ist, war vorher ein Wald, in dem Elefanten lebten. Für das Lager musste gerodet werden. Manchmal kommen die Elefanten noch her und richten dabei Schäden an oder verletzen Menschen. Und natürlich ist die einheimische Bevölkerung nicht glücklich über den Verlust des Waldgebietes. Für sie hat sich durch die ankommenden Geflüchteten viel verändert. Zum Beispiel sind die Preise für viele Waren enorm gestiegen.

Ich bin jeden Tag wieder erstaunt, was es auf den Märkten alles zu kaufen gibt – Obst, Gemüse und besonders die Berge an Wassermelonen! Auch die Betelnuss wird hier gekaut. Sie wird in kleine grüne Blätter gewickelt und wegen des bitteren Geschmacks oft Gewürzen untergemischt. Sie macht roten Speichel und Lippen und hat eine aufputschende Wirkung. Doch das Angebot auf den Märkten nützt den geflüchteten Rohingya erstmal nichts. Denn sie haben kaum Geld und dürfen nicht arbeiten. Sie werden mit Nahrungsmitteln versorgt, die sie z.B. von der Welternährungsorganisation bekommen. Um sich etwas anderes kaufen zu können, veräußern sie entweder ihren spärlichen Besitz oder diese Nahrungsmittel.

Unterwegs auf dem Markt. U.a. die Betelnuss gibt es hier zu kaufen.

„Die Community Outreach Worker kennen im Lager jeden Stein!“

Der Verkehr hier ist unglaublich! Alle fahren, als gebe es kein Morgen, alle überholen sich ununterbrochen mit Minimalabstand und Fahrspuren werden zur Nebensache. Manchmal halte ich da schon den Atem an, vertraue aber auf unsere Fahrer. Noch nie habe ich mein Diensthandy so oft gebraucht wie hier: Wenn ich irgendwohin fahren will, muss ich mich per SMS ab und auch bei der Rückkehr wieder anmelden, damit unsere beiden zuständigen Mitarbeiter immer wissen, wo unsere Autos mit den jeweiligen Kollegen sind.

Jeden Morgen hole ich mit einem Mitarbeiter den Impfstoff für den Tag vom Gesundheitsministerium ab. Dann treffe ich meine 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einer kurzen Besprechung, und anschließend machen sich die Teams auf den Weg zu ihren jeweiligen Impfstationen. Im Moment impfen sie hauptsächlich Menschen, die Kontakt mit Diphtheriefällen hatten. Jeder von ihnen braucht drei Impfungen. Um diese Menschen alle zu finden, helfen uns unsere „Community Outreach Worker“. Die kennen im Lager jeden Bewohner, jeden Stein und jede Hütte. Insgesamt arbeiten wir mit fast 400 solcher Community Outreach Worker.

Ich bin telefonisch mit meinen Teams in Verbindung, gehe aber auch oft selbst zu ihnen. Im Lager unterwegs zu sein, macht mir am meisten Spaß – auch, wenn es anstrengend ist. Ich mag mir noch gar nicht vorstellen, wie das dann während der Regenzeit mit Gummistiefeln im Matsch sein wird …

Zu meinen Aufgaben gehört es auch, Meetings zu besuchen. (Das ist allerdings nicht meine große Leidenschaft.:-)) Diese Woche hatte ich z.B.  ein Treffen mit dem Leiter des örtlichen Gesundheitsamtes, um über den Start der Cholera-Impfkampagne zu sprechen. Wichtig ist uns, dass sie vor dem 16. Mai, also dem Beginn des Ramadans, startet. Wir stehen sozusagen in den Startlöchern.

Auf gute Zusammenarbeit! Ein Foto von einem der Impfteams und mir.

Unvorstellbare Erfahrungen

Über die Impfkampagne hinaus kümmern wir uns zudem auch um die seelische Gesundheit unserer Patienten. Die Rohingya haben Unvorstellbares erlebt in der Region Rakhine in Myanmar: Menschenhandel, Misshandlungen, Vergewaltigungen und Mord. Jetzt müssen sie sich zudem mit den extrem schwierigen Bedingungen in Bangladesch auseinandersetzen, was sich zusätzlich auf ihre psychische Gesundheit auswirkt.

So, ich denke, dass ist erstmal genug Stoff zum Lesen und Nachdenken. Ich werde jetzt noch ein bisschen meinen freien Tag nutzen, um mich zu entspannen.

Denn morgen früh wird mich wieder der Muezzin wecken, dann geht es weiter mit der Arbeit!