Feldgruppe
Ihre Körper erzählen von den schrecklichen Erlebnissen

Seit Anfang des Jahres ist Heidi Anguria für uns als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs.

Seit Anfang des Jahres ist Heidi Anguria für uns als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs. Auch diesmal hat sie wieder zahlreiche traurige Geschichten von den Geflüchteten gehört.

Es ist schon wieder Sonntag – vergehen die Wochen wirklich so schnell? Wir sind auf See und nichts Spannendes passiert. Aber auch damit muss man lernen umzugehen, – einfach mal nichts zu tun zu haben.

Am Dienstag sind wir schon wieder in der der sogenannten SAR Zone, der Search and Rescue Zone. Und prompt werden wir um 6 Uhr früh aus den Kojen geschmissen. Ein Boot ist in Sicht. Wir sind auch alle ruck zuck mit unseren Vorbereitungen fertig. Doch dann kommt die Nachricht, dass die italienische Küstenwache die Rettung übernimmt. Also sitzen wir heute alle sehr früh beim Frühstück! Den Rest des Tages passiert trotz guten Wetters nichts.

Diesmal sind auch zwei Kinder an Bord

Am Mittwoch geht es dann wieder rund. Zusätzlich haben wir vielen neuen Kollegen an Bord, die zwar aufgeregt, aber auch hoch motiviert sind.  Letztendlich stoßen wir auf vier Boote und nehmen 400 Menschen an Bord, darunter auch 2 Kinder.  Auch diesmal war ich wieder im Wechsel mit den anderen dafür zuständig, auf dem Rettungsboot mitzufahren, um die medizinische Lage der Menschen auf den Booten einzuschätzen. Eine Aufgabe, die mir Spaß macht!

Eine Gruppe von glücklichen Gästen an Board

Es sind überraschend viele Menschen aus Bangladesch an Bord, was uns vor neue sprachliche Herausforderungen stellt. Wir finden aber schnell jemanden, der auch Englisch spricht und gerne bereit ist zu übersetzen. Wir haben auch einige Männer, die Verbrennungen durch ausgelaufenes Benzin erlitten haben. Ihr erinnert euch vielleicht: Benzin gemischt mit Salzwasser und Sonne führt zu Verbrennungen. In dieser Nacht bin ich in Rufbereitschaft, muss aber nur einmal aufstehen, da eins der Kinder Fieber hat.

Am Donnerstag nach der Frühstücksverteilung von Tee und Weißbrot, starten wir unsere Klinik. Es ist immer schwierig, den Leuten zu erklären, dass wir natürlich nicht alle untersuchen können. Wir sehen die üblichen Erkrankungen, wie Unterkühlung, Austrocknung oder Hauterkrankungen. Wir haben auch wieder viele Patienten, die körperliche Symptome vorweisen, denen jedoch psychische Ursachen, entstanden durch die schrecklichen Erlebnisse, zugrunde liegen. So sitzt zum Beispiel ein Mann vor mir, der über Schmerzen am ganzen Körper klagt. Aber auf einmal fängt er an zu weinen und schildert mir seine Erfahrungen auf der Reise nach Libyen: Sein Bruder wurde in Tripolis vor seinen Augen erschossen. Er selbst wurde anschließend geschlagen, weil er dabei geweint hat.

Zusammen gucken unsere Gäste aufs Meer

„Wir können ihnen nicht viel helfen, außer dass wir ihnen zuhören“

Wir haben auch wieder einen Mann, der eine Panikattacke erleidet. Er erzählt, dass er seit Wochen nicht mehr schlafen kann. Immer wieder holen ihn die schrecklichen Erlebnisse in Libyen ein. Außerdem sehen wir wie immer eine nicht endende Reihe an vergewaltigten Frauen, die durch ihr Kind (das durch die Vergewaltigung entstanden ist) ein Leben lang daran erinnert werden. Wir können ihnen nicht viel helfen, außer dass wir ihnen zuhören und diese Fälle bei der Ankunft in Italien weiterleiten, damit sie psychologisch betreut werden.

Am Freitag dann die Ankunft in Trapani, eine Hafenstadt im Südwesten von Sizilien. Am Morgen findet die Ausschiffung unserer Gäste statt, wieder mit vielen Umarmungen und Hände schütteln. Ein Mann sagt zu mir: „Thank you so, so much, you have saved my life!“ Das war sehr emotional.

Nachmittags schauen wir uns die Stadt an, sehr sauber, sehr hübsch. Abends treffen wir uns alle zusammen zum Essen. Es ist wirklich eine wunderbare Gemeinschaft hier an Bord und ich freue mich sehr, dass ich das miterleben darf! Es wird ein lustiger Abend.

„Auch Lebensretter brauchen mal Pause!“

Am Samstag laufen wir um 14 Uhr wieder aus. Das Wetter ist nicht so toll. Abends versuchen einige der Männer einem wichtigen Rugbyspiel im Internet zu folgen, was bei der schlechten Internetverbindung natürlich nicht so toll ist. Aber auch Lebensretter brauchen mal Pause!

Der Versuch, das Rugby-Spiel zu schauen

Wir haben einen neuen Verantwortlichen im Team von SOS Méditerranée. Jeden Morgen beim täglichen Wetter-Update macht er jetzt auch Wetterkunde mit uns, was ich sehr spannend finde. Die Vorhersage sieht nicht so gut aus. Wir rechnen damit, morgen noch nicht auf weitere Boote zu treffen. Trotzdem können wir uns in der SAR Zone aufhalten. Es ist zwar grau heute, die Temperatur ist kühler und die Wellen sind anderthalb bis drei Meter hoch. Aber unsere alte Dame (die Aquarius ist immerhin schon 40 Jahre alt) bahnt sich unermüdlich ihren Weg. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben auf ihr.

Obwohl wir nicht mit Booten rechnen, ist für uns heute ein Arbeitstag. Das Schiff wird gesäubert. Und wir halten medizinische Trainings für drei neu angekommene Journalisten ab. Auch sie müssen im Notfall wissen, wie eine Herzmassage geht oder wo welche wichtigen Hilfsmittel stehen. Unser medizinisches 4-er Team spricht verschiedene Szenarios wie Ertrinken, Unterzuckerung usw. durch, um immer gut vorbereitet zu sein. Trotz der Arbeit bleibt dennoch genügend Zeit mit einem Geburtstagskind Kuchen zu essen, den unser tolles Küchenteam zu jedem Geburtstag bäckt!

Heidi an Bord der Aquarius

Das war es wieder für diese Woche. Durch euer zahlreiches Feedback weiß ich, dass viele von euch die Berichte mit Spannung verfolgen und sie auch anderen zu lesen geben, so dass ich auch Antworten von Fremden bekomme. Danke, ich freue mich sehr über eure Anteilnahme!