Feldgruppe
Ein unglaublicher Kraftakt für Retter und Gerettete - Fast 800 Menschen an einem Tag

"Viele Frauen sind körperlich, aber auch mental, zu Tode erschöpft. Sie können kaum laufen."

Seit Anfang Januar ist Heidi Anguria für uns als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs. Diesmal berichtet sie davon, wie das Team an einem Tag fast 800 Menschen rettete.

Die vergangene Woche hat uns allen viel abverlangt, und ich bin nicht zum Schreiben gekommen. Aber jetzt geht´s los:

Am Montag sind wir alle noch etwas müde von 22 Stunden Arbeit am Stück. Solange wir Gäste an Bord haben, geht es ja immer weiter. Auch heute gab es wieder ein Notfall: Eine schwangere Frau hatte eine sogenannte Präeklampsie*. Das stellt zumindest dann einen Notfall da, wenn man sich auf einem Schiff befindet. Denn dieser Art der Schwangerschaftskomplikation kann für Mutter und Kind lebensbedrohlich werden. Um das zu verhindern, muss die Mutter im Krankenhaus überwacht werden und wird daher von einem Boot der Küstenwache nach Lampedusa evakuiert.

Die schwangere Frau wird von der Küstenwache in ein Krankenhaus gebracht.

"Ich habe wieder das Gefühl, schon sehr lange hier zu sein. Vielleicht, weil alles so intensiv ist."

Dienstag – Ausschiffung aller unserer 210 Gäste in Augusta, einem weiteren Hafen in Sizilien.  Es waren wieder viele Nigerianer unter den Flüchtlingen. Meine wenigen Kenntnisse in Haussa (eine der Hauptsprachen Nigerias) verschaffen mir gleich Zugang zu ihnen. Unter den 30 Frauen sind auch diesmal wieder zehn, die vergewaltigt wurden - und das sind nur die, die uns davon erzählt haben. Es trifft aber nicht nur Frauen, wir haben auch ein Ehepaar an Bord - beide wurden vergewaltigt. Die Vergewaltigungen passieren auf der langen Reise und viele auch in den Internierungslagern in Libyen.

Beim Abschied schütteln wir wieder allen die Hände, es gibt Umarmungen und herzliche Dankesworte der Gäste. Und doch sehen wir sie mit Sorge gehen. Denn für viele wird das, was sie sich wünschen, nicht in Erfüllung gehen. Ich habe wieder das Gefühl, schon sehr lange hier zu sein. Vielleicht, weil alles so intensiv ist: Das Leben an Bord mit den Teams – nirgendwo habe ich Zusammenleben so unmittelbar erlebt wie hier – und dann natürlich die Begegnungen mit den Menschen und ihren Schicksalen.

Um 13 Uhr machen wir uns auch schon wieder auf den Rückweg in die Such- und Rettungszone, um möglichst schnell wieder einsatzbereit  zu sein. Nachdem wir alle zusammen die gesamten Decks geschrubbt haben, genieße ich mit zwei Kolleginnen den Sonnenschein auf dem höchsten Punkt des Schiffes!  Mir hängt die Anstrengung der letzten beide Tage noch nach und ich freue mich auf eine ungestörte Nacht.

In einer freien Minute schrubben alle zusammen das Deck.

Die Tage, an denen wir auf dem Meer zum nächsten Einsatz unterwegs sind, verbringt jeder wie er möchte. Ich beschäftige mich dann auch oft mit Fortbildungs-Trainings, im Moment ACLS  – Advanced Cardiac Life Support.  Es ist aber auch wichtig, dass wir Ruhephasen haben. Wenn viel los ist, verliert man tatsächlich den Überblick darüber, welcher Tag gerade ist.

"Diesmal sind auch viele Frauen dabei und – zum ersten Mal für mich – Kinder ab dem Babyalter."

Am Donnerstag werden wir um 5.30 Uhr geweckt. Ein Boot mit 100 Menschen wurde gesichtet. Das ist für uns eine sehr überschaubare Zahl. Deshalb können wir alle problemlos mit trockener Kleidung und heißem Tee versorgen. Alle Geretteten sind in halbwegs gutem Zustand. Wir haben auch mehr Zeit für Gespräche und Zuwendung.

Am Nachmittag sichten wir dann das nächste Boot mit 120 Menschen. Diesmal sind auch viele Frauen dabei und – zum ersten Mal für mich – Kinder ab dem Babyalter. Was mich besonders erschreckt: Ein 12-jähriger Junge ist alleine unterwegs. Viele Frauen sind körperlich, aber auch mental, zu Tode erschöpft. Sie können kaum laufen. Es gibt aber auch überschwängliche Freude über die Rettung. Es ist sehr emotional für uns alle! Die Geretteten, die bereits bei uns an Bord sind, helfen übrigens immer mit den Neuankömmlingen. Wir geben ihnen bestimmte Jobs. Sie helfen sehr gerne, denn es gibt ihnen eine kleine Aufgabe und das Gefühl, dass sie nützlich sind.

In der Nacht habe ich Wache. Ich finde Mütter, die an Seekrankheit leiden und andauernd spucken. Sie haben keine Kraft mehr, um sich um ihre Babys zu kümmern. Aber da helfen die anderen Mütter zum Glück aus. Ein Mann hat plötzlich eine Panikattacke: Er hat davon geträumt, was er in Libyen erleben musste und hat große Schwierigkeiten, dies zu verkraften. Als ich endlich ins Bett komme, sollte ich eigentlich schlafen. Aber es dauert lange, bis ich zumindest zur Ruhe komme.

"Wir treffen an diesem Tag auf ganze fünf Boote und haben am Ende fast 800 Menschen an Bord."

Das wird sich bald rächen. Denn um 3 Uhr morgens müssen wir schon wieder raus aus den Kojen und dann geht es rund: Wir treffen an diesem Tag auf ganze fünf Boote und haben am Ende fast 800 Menschen an Bord! Jede einzelne Ecke des Schiffes ist voll. Alle brauchen heißen Tee und später auch etwas zu essen. Medizinisch versorgt werden nur die dringlichsten Fälle. Uns selbst bleiben nur fünf Minuten, um zu essen, und am Ende sind wir 36 Stunden im Dauereinsatz!

Eingehüllt in Decken liegen die Geretteten auf dem Deck des vollen Schiffes.

Wir haben auch einige Syrer an Bord, die ganz aufgeregt sind, weil ihre Tasche mit den Pässen im Schlauchboot geblieben ist. Am Ende sind auch sie wieder glücklich: Das Rettungs-Team hat ihre Tasche geholt.  Ein Sudanese fängt an zu weinen, als ihm klar wird, was er alles durchlebt hat. Wir versuchen so gut wie möglich, für ihn da zu sein. Bei dem überfüllten Schiff kommt es auch zu Streitigkeiten. Aber es gelingt uns zu schlichten.

Nach einer kurzen Nacht brauchen wir am Samstag vier Stunden, um an alle Frühstück zu verteilen. Es bedarf einer guten Logistik, um der Lage Herr zu werden. Als das geschafft ist, schreiben wir weitere Geschichten der Geretteten auf. Wir möchten den Menschen eine Stimme verleihen und Nachweise für die Menschenrechtsverletzungen sammeln, die sie erfahren mussten. Ein weiteres Problem tritt auf: Bei einer Schwangeren fangen die Wehen an. Das kann auf einem Schiff zu einem Notfall werden. Wir bitten die Küstenwache ein Boot zu schicken, um sie zu evakuieren – diesmal nach Malta.

Blick in eine ungewisse Zukunft

In der Nacht zum Sonntag habe ich von 24 bis 2 Uhr Wache. Die Nacht ist also wieder kurz, denn am Morgen sind wir im Hafen von Augusta und die Ausschiffung der Gäste steht an. Das dauert natürlich ein bisschen bei so vielen Menschen. So kommt zwischendurch auch mal Unruhe auf, was sich aber schnell klären lässt. Und da gehen sie wieder von Bord und hin in
ihre sehr ungewisse Zukunft. Wir sind froh, dass wir ihnen helfen konnten.

Wir laden noch Nachschub an Bord. Dann sind wir alle sehr froh, dass wir ausruhen können. Es waren SEHR anstrengende Tage, sowohl körperlich als auch mental. Aber ich fühle mich auch gut mit dem, was wir geschafft haben.

*Präeklampsie ist eine Erkrankung, die ab der zweiten Schwangerschaftshälfte auftreten kann. Sie zeichnet sich durch das Zusammenkommen von erhöhtem Blutdruck, Wassereinlagerungen sowie Eiweißausscheidungen im Urin aus.