Feldgruppe
Das Ende wirft seine Schatten voraus

Seit April ist unsere Krankenschwester Heidi Anguria in Bangladesch und arbeitet im Süden des Landes in Cox's Bazar in einem Camp für geflüchtete Rohingya. Ihr Einsatz neigt sich langsam dem Ende entgegen. Bis dahin berichtet sie noch von den täglichen Herausforderungen rund ums Impfen.

Heidi Anguria

Jetzt holt mich die Büroarbeit doch noch ein: Ich stehe tatsächlich jeden Morgen um 5:30 Uhr auf, um Büroarbeit zu erledigen, bevor ich ins Camp fahre. Abends arbeite ich meistens nochmal anderthalb Stunden am Schreibtisch. Aber wir wissen ja alle: der frühe Vogel… :)

Unsere Hauptaufgabe sind weiterhin die täglichen Routineimpfungen. Wir versuchen immer neue Wege zu finden, um mehr Kinder zu erreichen. Deshalb haben wir jetzt zum Beispiel traditionelle Hebammen aus der Gruppe der Rohingya in unsere Teams geholt. Es geht aber nicht nur darum, möglichst viele Kinder und schwangere Frauen zu impfen, sondern auch möglichst wenig Impfstoff zu verschwenden – vor allem mit Blick auf den Masern- und den Tuberkuloseimpfstoff. Bei letzterem sind zum Beispiel 20 Dosen in einer Ampulle. Da wir bei einem Verbrauch von über 50 Prozent bleiben sollen, müssen also an einem Tag pro Team über zehn Kinder gefunden werden. Das klappt leider nicht immer, aber alle tun ihr Möglichstes.

Eine Grossstadt aus Planen und Bambus

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr die Lager einer eigentlichen, grossen Stadt gleichen. Alles ist da, wenn auch in sehr einfacher Form: Geschäfte, Restaurants (das Standardessen ist Reis mit Gemüse und Fleisch oder Fisch), Friseure und Barbiere (die Männer haben oft sehr gepflegte Bärte hier), Reparaturstände für alles (vom Schuh bis zum Regenschirm), Feuerholz-Verkauf, „Kinos“ (in den kleinen Restaurants laufen Filme, um Besucher anzulocken), Moscheen, Gesundheitsstationen, Apotheken, Schulen, Kinderbeschäftigung, Bolzplätze (Stoppelfelder) und mehr. Insbesondere die Möglichkeiten für Aktivitäten sind wichtig für die seelische Gesundung.

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Die Abteilung für humanitäre Angelegenheiten

Auch diese Woche möchte ich euch wieder eine neue Berufsgruppe vorstellen und zwar die Abteilung für „humanitäre Angelegenheiten“, in der zum Beispiel Salman arbeitet. Auch Salman und seine Kollegen sind täglich in den Camps unterwegs. Sie sammeln Informationen über die Situation der Menschen: Wie sicher fühlen sie sich in den Camps? Was wird dafür getan? Gibt es wichtige Themen, die angesprochen werden müssen? Bekommen die Menschen alles, was ihnen zusteht – also ausreichend sauberes Wasser, genügend Essen und Gegenstände fürs tägliche Leben? Wie oft finden wo Verteilungen von Nahrungsmitteln statt? Wie leben Menschen, nachdem sie innerhalb eines Lagers umgesiedelt wurden?

Manchmal möchten die Menschen darüber sprechen, was ihnen in Myanmar widerfahren ist. Wir haben speziell psychologisch trainierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür, die die Leute auch unterstützen können, wenn sie unter dem, was sie gesehen und erlebt haben, besonders leiden.

Témoinage ist übrigens eines der Grundprinzipien der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen. Die Informationen und Geschichten, die uns die Menschen erzählen, sind für uns eine Orientierung in unserer Kommunikations- und Lobbyarbeit mit Blick auf andere humanitäre Akteure, UN-Institutionen, Spendern, Regierungen und der Öffentlichkeit.

So viel es auch zu erzählen gäbe, langsam wird mir bewusst, dass ich nur noch zwölf Tage hier sein werde. Gestern kam bereits mein Rückflugticket. Der Abschied fällt mir diesmal echt schwer…