Feldgruppe
1.000 Menschen an Bord: „Wir müssen uns Wege durch die Massen bahnen und werden permanent gebraucht“

Seit Anfang des Jahres ist Heidi Anguria für uns als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs. Ihr Einsatz neigt sich langsam dem Ende entgegen.

Seit Anfang des Jahres ist Heidi Anguria für uns als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs. Ihr Einsatz neigt sich langsam dem Ende entgegen. Bis dahin berichtet sie uns noch von ihren unglaublichen Erlebnissen.

Montagnacht treffen wir im Suchgebiet ein. Wir erwarten nicht, ein Boot zu sichten, denn die Wettervorhersage ist nicht gut genug. Am Morgen sind wir dann wieder etwa 20 Meilen von der libyschen Küste entfernt.

Mann über Bord – und andere Übungen

Auch die Tage, an denen nicht viel zu tun ist, wollen wir mit Programm füllen. Heute fangen  wir deshalb mit Theorie und Praxis zu Rückenmarksverletzungen an. Nachmittags werden dann die Rettungsboote zu Wasser gelassen und Übungen trainiert. Ich durfte auch mit rausfahren und bei einem Mann-über-Bord-Manöver mithelfen.

Habe ich euch eigentlich schon von unseren männlichen „Mitarbeitern“ erzählt?  Da gibt es Paul, den Wasserspender, Patrick, den Trainingsanzug für die Gäste, Henry, unseren Dummie für Reanimationsübungen und zuletzt noch Oscar, eine lebensgroße, ausgestopfte und schwere Figur. Er wird entweder als „Mann über Bord“ benutzt oder als „Patient“ bei Übungen auf der Trage transportiert werden muss.

Übung mit dem Fernglas

„Wäre das Boot noch draußen gewesen, wären diese Menschen alle ertrunken“

Am Dienstag gibt es dann etwas zu tun: Um 9.10 Uhr wird ein Boot auf dem Radar gesehen und kurz danach auch durch die Ferngläser. Um 9.35 Uhr haben wir das Boot erreicht, drei Minuten später sind unsere Rettungsboote im Wasser. Um 10.16 Uhr haben wir 85 neue Gäste an Bord. Allerdings nicht sehr lange, denn wir übergeben sie an ein anderes Schiff, das die Menschen dann nach Italien bringt, sodass wir vor Ort bleiben können.

Innerhalb weniger Stunden hat sich das Wetter sehr verschlechtert und wir haben fünf Meter hohe Wellen – wäre das Boot noch draußen gewesen, wären diese Menschen alle ertrunken. Der Wellengang macht alle etwas müde.

Wellen und Schaukeln – „Ob ich zu Hause ohne all das noch schlafen kann?“

Mittwoch haben wir ein volles Programm: Nach der täglichen allgemeinen Besprechung gibt es eine Fortbildung zur Wiederbelebung von Neugeborenen. Anschließend machen wir eine praktische Übung zur Bergung von möglichen Rückenmarksverletzten. Ein Fotograf, der diese Woche mitreist, zeigt uns Bilder von den Anfängen der Aquarius vom letzten Jahr. Danach gibt es noch einen Kurs in Knotentechniken und abends gibt der Kapitän einen kurzen Grundkurs über Navigation.

Am Donnerstag wache ich vom Geräusch der Wellen und dem Schaukeln des Schiffes auf – ob ich zu Hause ohne all das überhaupt noch schlafen kann?

Heute starten wir mit dem Kurs zu Aspiration und möglicher Erstickung. Dann gibt es wieder einen Videovortrag von einem der Journalisten über seine Zeit mit den Boatpeople in Vietnam. Anschließend zeige ich nochmal meinen Vortrag über meine Einsätze mit Ärzte ohne Grenzen, denn es sind viele Neue an Bord, die ihn noch nicht gesehen haben. Abends geht der Navigationskurs von gestern weiter. Wir haben ordentlich Wellen – bis zu sechs Meter hoch – und der vom Chef gekochte Ingwertee findet reißenden Absatz.

Medizinisches Training an Deck

Mehrere Rettungsschiffe in der Umgebung

Am Samstag wird das Wetter besser, wir befinden uns etwa 20 Seemeilen vor der libyschen Küste, wo aber laut Vorhersagen noch zu viele Wellen sind und wir deshalb keine Boote erwarten. Stattdessen gehe ich mit zwei Kollegen auf die Brücke, wo der Kapitän sich viel Zeit nimmt, um uns Dinge aus dem Navigationskurs zu zeigen. Das was sehr interessant.

Später gibt es eine Fortbildung über Ertrinkungsunfälle. Es befinden sich jetzt noch mehr Rettungsschiffe in der weiteren Umgebung, sodass ein größeres Gebiet abgedeckt werden kann. Unser Doktor ist ganz aus dem Häuschen, denn Irland schlägt England im Rugby – und er kann diesen historischen Moment, wenn auch in schlechter Qualität miterleben.

Das Team feiert St. Patrick’s Day

„Schwierig, überhaupt noch einen Schlafplatz zu finden“

Ab Sonntag geht es rund! Um 3.00 Uhr heißt es Aufstehen und ab dann wieder nonstop Arbeiten. Am Ende haben wir fast 1.000 Menschen an Bord! Es ist schwer, dass alles zu beschreiben, aber unser Schiff ist natürlich völlig überfüllt. Wir müssen uns Wege durch die Massen bahnen und werden permanent gebraucht. Wir versorgen wie immer die dringendsten Fälle zuerst und dann so viele, wie wir schaffen. Dieses Mal haben wir viele Patienten mit Verbrennungen durch das ausgelaufene Benzin. Sie brauchen Verbandswechsel und Schmerzbekämpfung.

Für die Gäste, die nicht schnell genug sind, ist es schwierig, überhaupt noch einen Schlafplatz zu finden. Abends sind wir alle erschöpft, aber wir müssen ja mit unseren Wachdiensten in der Nacht weitermachen.

Mehr Menschen geht nicht

1.000 Mal „How are you?“ oder „Ça va bien?“

Montag kämpfen wir uns alle mit großem Einsatz durch den Tag. Alleine die Frühstücksverteilung dauert Stunden. In der Zwischenzeit versorgen wir Patienten, trösten sie und hören ihnen zu. Die Wasserspender müssen halbstündlich aufgefüllt und die Toiletten so sauber wie möglich gehalten werden. Immer wieder müssen wir Müll einsammeln und aufpassen, dass wir keinen Menschen übersehen, der vielleicht zu schwach in der Ecke liegt.

Die Vorbereitungen für das warme Abendessen beginnen schon am frühen Nachmittag. Wie immer bei der Essensverteilung stellen sich dann alle an, was viel Logistik und "crowd control"! erfordert. Ich sehe mir jeden einzelnen Menschen kurz an, um zu sehen, wie es ihnen geht. Das bedeutet also 1.000 Mal: „How are you?“ oder „Ça va bien?“.

Essensausgabe

Letztes Mal haben wir einen ganz tollen Einkauf getätigt: Zwei sogenannte „Djembes“, oder Trommeln. Sie werden mit Begeisterung von den verschiedenen Gruppen angenommen. Die Trommeln und Gesang zu hören war eine neue Erfahrung für uns – und sicher ein gutes Ventil für die Menschen. Inzwischen wissen wir auch, dass an diesem Wochenende 3300 Menschen gerettet wurden.

Die kleine Mercy kommt zur Welt

Am Dienstagmorgen kommt dann die Krönung dieses Einsatzes: Ein Baby wollte nicht mehr warten und wurde nach vier Stunden gerade beim Einlaufen in Catania geboren! Die kleine Mercy ist wohlauf. Wir waren alle sehr glücklich und wünschen ihr das Beste!

Der Ausschiffungsprozess beginnt um 8 Uhr morgens und geht bis 18 Uhr! Wir beobachten, dass der Letzte um 23.30 Uhr noch beim Registrieren ist. Zum Glück haben sich die Behörden hier alle Mühe gegeben und auch bis zum Ende weitergemacht. Wir haben uns einen wohlverdienten Drink und ein Abendessen an Land erlaubt.

Die kleine Mercy mit ihren Eltern

„Ich werde das alles hier sehr vermissen!“

Mittwoch schaffen wir etwa 20 Kubikmeter Müll von Bord und nehmen neuen Nachschub an Lebensmittel und anderem Material in Empfang, bevor wir dann um 11.00 Uhr wieder ablegen. Wir sind alle k.o., aber das Schiff  und unsere Klinik muss dringend sauber gemacht werden, Daten müssen eingegeben werden… Heute Nacht werde ich sicher sehr gut schlafen!

Dies ist jetzt meine letzte Fahrt, denn nächste Woche geht meine unglaubliche Zeit hier an Bord zu Ende. Ich mag noch gar nicht daran denken, ich werde das alles hier sehr vermissen! Bis dahin werde ich aber noch weiter berichten und ich hoffe ihr bleibt auch dabei!

Heidi während einer Rettungsaktion