Feldgruppe
„Wir sind am Limit unserer Kräfte“

Seit Anfang des Jahres ist Heidi Anguria für uns als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs. Ihr Einsatz neigt sich langsam dem Ende entgegen. Bis dahin berichtet sie uns noch von ihren unglaublichen Erlebnissen.

Diese Woche bin ich lange nicht zum Schreiben gekommen – gleich versteht ihr warum:

Es ist Donnerstag und wir sind immer noch müde von den anstrengenden Tagen zuvor. Dennoch halten wir wie immer unsere De-Briefings ab. Das heißt, wir besprechen, wie alles gelaufen ist bei der letzten Rettung und was wir vielleicht noch besser machen könnten.

Am Nachmittag passiert etwas Besonderes: Wir übergeben die Plazenta von der Geburt der kleinen Mercy (ich habe euch letzte Woche davon berichtet) den Wellen. Denn auch im Heimatland der Mutter würde man etwas Besonderes damit machen. Unsere ghanaische Marinecrew hat sogar einen Lied dazu gesungen! Dann habe ich mit all den anderen nicht professionellen Seefahrern das „Sea Woolf“-Zertifikat Level 3 der Aquarius bekommen. Um es zu erhalten, muss man mindestens sechs Wochen an Bord gewesen sein, sechs bis acht Meter hohe Wellen erlebt haben – und man muss zurückkommen wollen!

Heidis "Sea Woolf"-Zertifikat

„Es gibt so viele interessante Menschen hier an Bord!“

Am Freitag ist das Wetter zwar gut, aber es gibt zu viele Wellen, als dass Boote in Libyen ins Wasser gelassen würden. Wir nehmen wieder unser Programm mit Fortbildungen und Präsentationen auf – es gibt ja so viele interessante Menschen hier an Bord! Ich habe außerdem die Gelegenheit, mir mit einer kleinen Gruppe den Maschinenraum anzuschauen. Das ist eine ganz andere Welt da unten im Bauch des Schiffes. Es war sehr interessant! Am meisten hat mich die Anlage interessiert, mit der aus Salzwasser normales Wasser gemacht wird. Wir haben vom russischen Chefingenieur erfahren, dass sie täglich 15 Tonnen Wasser generiert. Am Samstag steht neben den anderen Tätigkeiten das monatliche Zählen aller Medikamente an. Das macht besonders Spaß bei 995 ganz kleinen Tabletten…

Schwierige Rettung kurz nach Mitternacht

„Mehr Menschen auf den Booten, als wir aufnehmen können“

Sonntag - Gleich nach Mitternacht ist es dann mit der Ruhe wieder vorbei: Die nächsten sieben Stunden arbeiten wir durch. Leider ist es eine schwierige Rettung. Es ist Nacht und es gibt relativ hohe Wellen. Viele Menschen sind total geschwächt, dehydriert und haben Untertemperatur. Das Schlimmste ist eine Frau, die reanimiert werden muss. Trotz aller Bemühungen stirbt sie. Es kommen uns noch andere Schiffe zur Hilfe, da mehr Menschen auf den Boote sind, als wir aufnehmen können. Am Ende retten wir 650 Menschen.

Viele der Geretteten sind sehr geschwächt

„Am Limit unserer Kräfte“

Unsere Gäste werden wie immer versorgt, sowohl mit Essen als auch medizinisch. Aber wir sind selber alle auch am Limit unserer Kräfte durch den Schlafmangel und die vielen schrecklichen Geschichten, die hinter all diesen Menschen stehen. Montag geht die Arbeit weiter, dabei wäre ich heute Morgen so gerne liegen geblieben. Ich habe starke Rückenschmerzen und meine Stimme ist fast weg. Mit heißem Tee mit Zitrone und Honig und Lutschtabletten vom ersten Offizier bessert sich das zum Glück im Laufe des Tages.

Heidi kümmert sich um die Gäste an Bord

Auch heute hören wir wieder viele Geschichten von Gewalt und Horror. Vor allem gibt es auch wieder viele unbegleitete Minderjährige – und damit meine ich Kinder im Alter von 13, 14, 15 Jahren. Morgen früh sind wir wieder in Sizilien und ich darf jetzt bis 5.30 Uhr schlafen, da ein netter Kollege von SOS Méditeranée mir angeboten hat, meine Mitternachtswache zu übernehmen. Da sage ich doch nicht Nein!

Einmal melde ich mich noch und dann ist auch dieses Abenteuer wieder vorbei.