Feldgruppe
„Auf See stirbt ihr Körper, zu Hause stirbt ihre Seele“

Seit Anfang Januar ist Heidi Anguria als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs, das Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit der Organisation SOS MÉDITERRANÉE betreibt.

Seit Anfang Januar ist Heidi Anguria als Krankenschwester auf dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer unterwegs, das Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit der Organisation SOS MÉDITERRANÉE betreibt. Jede Woche berichtet sie uns von ihren Erfahrungen bei der Seenotrettung von Geflüchteten und Migranten.

Es kommt mir so vor, als wäre ich schon viel länger als neun Tage an Bord der Aquarius. Jeder Tag ist anders und eine neue Herausforderung! Eigentlich müsste ich einen Film drehen, damit Ihr Euch dieses Projekt besser vorstellen könnt, aber ich gehe einfach mal mit Euch durch die Woche.
 

MONTAG - Die Woche läuft langsam an

Aufgrund des schlechten Wetters können wir noch nicht auslaufen. Das gibt mir Zeit, unsere kleine Gesundheitsstation an Bord besser kennen zu lernen – zwei kleine enge Räume. Nachmittags mache ich noch einen Stadtbummel, am frühen Abend Sport in unserem Fitnessraum – und abends kann die Aquarius dann doch endlich auslaufen. Da wir immer auf der Brücke sein dürfen, stehe ich natürlich erst dort. Später bin ich dann auch draußen an Deck und genieße das Auslaufen des Schiffes sehr.
 

"The hospital" - Unser Behandlungszimmer an Bord
 
Schon für mich ist dieser Schiffseinsatz ein riesiges Abenteuer. Wie muss es erst für die Menschen sein, die sich in der sprichwörtlichen Nussschale auf das Meer begeben – wohlwissend, dass sie dabei den Tod finden können? Eine der Journalistinnen an Bord erzählte mir von einem Mann, den sie vor dem Beginn seiner Flucht getroffen hat und der ihr gesagt hat: „Auf See stirbt nur der Körper, aber zu Hause stirbt die Seele.“ 
Aus diesem Grund begeben sich Menschen aus vielen verschiedenen Ländern auf eine beschwerliche Reise, zum Beispiel nach Libyen. Dort drohen ihnen aber auch Gefahren: Gefängnis, Misshandlungen, Folter und immer wieder müssen sie Geld bezahlen. Darum haben die Menschen keine andere Wahl, als aus Libyen ebenfalls zu fliehen. Wenn sie es in ein Boot der Schleuser geschafft haben, sind sie fast immer in schlechtem körperlichen Zustand. Die Boote haben nie ausreichend Benzin im Tank, um wirklich weit zu kommen. Man geht von vornherein davon aus, dass sie irgendwann gefunden werden, was natürlich nicht immer der Fall ist. Trotzdem müssen die Menschen meist auch noch für wertlose Schwimmwesten bezahlen.
 

DIENSTAG - Wir proben den Ernstfall

Die See wird unruhiger, und das Schiff ist abwechselnd am Rollen oder Stampfen, aber zum Glück geht es mir gut damit. Heute steht Deck Säubern an – wir machen hier alles selbst. Außerdem haben wir ein Meeting dazu, wie man mit Menschen umgeht, die vergewaltigt oder gefoltert wurden. Auch der Umgang mit den vielen Minderjährigen ist Thema. Viele der Geretteten sind teilweise erst 14 oder 16 Jahre alt.
Nachmittags kommt dann der spaßige Teil: Das Schiff stoppt auf offener See, die beiden Rettungsboote werden zu Wasser gelassen und wir fahren abwechselnd mit, um die Abläufe einer Rettungsaktion zu üben. Auf den Booten ist es sehr eng und man muss sich gut festhalten.
 

Die Übung auf dem Rettungsboot

MITTWOCH - Wie findet man nun die Flüchtlingsboote?

Am Morgen sind wir vor der libyschen Küste, die noch rund 25 Kilometer entfernt ist. Es ist deutlich wärmer als auf offener See. Wir befinden uns jetzt in der sogenannten „Search and Rescue-Zone“. Wie findet man nun die Flüchtlingsboote?
Es gibt zwei Methoden: Zum einen leisten unsere Kollegen von SOS Méditerranée auf der Brücke Wachdienste und halten mit Ferngläsern Ausschau nach Booten. Oder wir bekommen Informationen vom Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom. Dieses wiederum sammelt Infos zu Booten in Seenot von der Marine, Hubschraubern, anderen Booten oder Drohnen. Das MRCC entscheidet auch, wohin gerettete Menschen gebracht werden.
 
Am Nachmittag übernehmen wir von einem italienischen Marineboot 26 Menschen. Alle, die zu uns an Bord kommen, werden zunächst anhand von kurzen Fragen registriert. Hierbei muss man dauernd zwischen Englisch und Französisch wechseln. Dann bekommen sie ein sogenanntes Rescue-Kit, das eine Decke, einen Trainingsanzug, ein T-Shirt, Socken, eine Mütze, ein kleines Handtuch, Wasser und Energiekekse enthält. 
 

Das Rescue-Kit, das jeder Gerettete sofort an Bord erhält
 
Alle müssen sofort ihre nasse Kleidung ausziehen und wir müssen „erschnüffeln“, ob sie Benzin auf der Haut haben. Denn in Verbindung mit Salzwasser verursacht das Hautverätzungen. Diejenigen, die Benzin auf der Haut haben, müssen sofort unter die Dusche. So bald wie möglich bekommen die Menschen heißen Tee und Weißbrot. Ihr könnt euch vorstellen, dass dabei alle Hände an Deck gebraucht werden – besonders, wenn es sich um große Gruppen Geretteter handelt.
 
Wenn Gäste an Bord sind, halten wir rund um die Uhr Wache – immer abwechselnd und jeweils ein Crew-Mitglied von Ärzte ohne Grenzen und von SOS Méditerranée. Ich hatte von 20 bis 22 Uhr Wache,  zu einer humanen Uhrzeit. Man schaut dabei, ob es allen gut geht, ob die Toiletten sauber und die Trinkwasserbehälter aufgefüllt sind.  

 

DONNERSTAG - Ein neuer Tag und schon geht es weiter

Heute nehmen wir 126 Menschen aus einem Boot auf, darunter 13 Frauen und ein Ehepaar. Wir haben mehr Patienten, aber zum Glück hat niemand etwas  Ernsthaftes. Es gibt leichte Unterkühlung, Schwäche, Wunden, Schmerzen am ganzen Körper und viel Skabies (Krätze).     
Zum Abendessen gibt es das sogenannte „Adventure food“, eine Trockenmasse in der Tüte, die mit Wasser angerührt wird. Bei der Essensverteilung stehen alle an und wir schauen jeden einzeln auf Skabies und andere mögliche Probleme an – das dauert nur Sekunden. Dann waschen sich alle die Hände mit Chlorin und es gibt Essen. Ansonsten laufen wir immer wieder herum, sprechen mit den Menschen und schauen, ob jemand medizinische Hilfe oder auch einfach Ansprache braucht . Tagsüber wechseln wir uns stündlich mit den Wachen ab.
 
Dann kommt plötzlich die Meldung, dass ein Marineboot nachts unsere Passagiere übernehmen und nach Italien bringen wird. Wir bleiben vor Ort. Alle müssen mit Schwimmwesten ausgestattet werden, sie brauchen Erklärungen und so weiter. Es wird eine halbe Nachtschicht bis alle Gäste von Bord sind.
 

FREITAG - Jetzt geht es Schlag auf Schlag

Am späten Vormittag stoßen wir auf ein Boot mit 195 Menschen. Noch nie zuvor wurde ein so kleines Boot mit einer so großen Anzahl an Passagieren gerettet. Die Menschen auf diesem Boot konnten nur stehen, dicht an dicht gedrängt. 
Bei einer Rettungsaktion fährt immer zuerst das kleine Rettungsboot an das Flüchtlingsboot heran, um mit den Menschen zu sprechen und ihnen zu versichern, dass sie alle gerettet werden. Es geht darum zu verhindern, dass eine Panik unter der Flüchtenden ausbricht, die das Boot schlimmstenfalls zum Kentern bringen könnte. Auf dem ersten Rettungsboot ist immer ein Mitglied des medizinischen Teams dabei, um die Lage einzuschätzen: Gibt es zum Beispiel Bewusstlose oder Verletzte? Dieses Mal war ich dafür zuständig.
Mit zwei Booten fahren wir an das Boot heran, verteilen Schwimmwesten an alle und im „Shuttleverkehr“  werden alle an Bord geholt. Die Menschen sind so voller Freude, dass die Männer anfangen zu tanzen und zu singen – ein sehr emotionaler Moment für mich. Leider sind auch zwei Tote auf dem Boot. Sie wurden wohl während einer Auseinandersetzung an Bord zu Tode getrampelt.
 
Wir sind vollauf mit der Versorgung all dieser Menschen beschäftigt, als die Nachricht kommt, dass die Marine uns weitere 109 Menschen übergeben will. Als auch das geschafft ist, bleibt ein bisschen Zeit zum Verschnaufen und Essen. Dann habe ich die Wache von 2 bis 4 Uhr morgens – keine besondere Zeit, aber auch das habe ich geschafft.
 
Überall auf dem Boden der Aquarius liegen jetzt Menschen und suchen Wärme, was jedoch schwierig ist. Noch dazu ist die See inzwischen sehr rau und wir werden es sicher mit viel Seekrankheit zu tun bekommen. Da die Reling an einer Stelle recht niedrig ist, kommt immer wieder eine Ladung Wasser rein – wir versuchen dagegen „anzuwischen“.
 

Plastiksäcke sollen gegen Wind und Kälte schützen

SAMSTAG -  Wir waren alle bis abends pausenlos beschäftigt

Es ist eine außerordentliche Situation, ich bin müde von der kurzen Nacht und doch voller Leben! Was auch sehr wichtig ist für das Folgende:
Wir sind gerade alle damit beschäftigt, Frühstück zu verteilen, als wir einen Notfall haben. Ein Mann ist einfach umgefallen. Er ist bewusstlos und hat zunächst nicht mehr geatmet. In einer Blitzaktion wurde er ins „Hospital“ gebracht, und wir haben zu viert an ihm gearbeitet. Noch von draußen kommend waren wir alle dick angezogen einschließlich Gummistiefel, aber es blieb keine Zeit zum Ausziehen.
Kaum haben wir den Mann halbwegs stabilisiert, kommt ein zweiter Notfall. Diesen müssen wir auf dem Boden lagern, denn es gibt nur eine Liege im Behandlungszimmer. Wir kümmern uns jetzt um beide. Zugleich fordern die Kollegen aber einen Helikopter an, der den ersten Patienten letztlich evakuiert und an Land bringt, wo er in einem Krankenhaus in Malta behandelt werden kann.
Nach diesen beiden Notfällen haben wir alle 300 Gäste an Bord noch einmal angeschaut und alle wackeligen Kandidaten – es waren 34 – in einen warmen Raum gebracht. Viele waren zu kühl, schwach und haben dauernd erbrochen. Also hieß es Spucktüten verteilen, Ansprache und Mitgefühl geben, kurze Untersuchungen, Blutzucker messen und ausgleichen sowie Spritzen gegen das Erbrechen verabreichen. Wir waren alle bis abends pausenlos beschäftigt. Dann gab es ein schnelles Essen, und von 19 bis 20 Uhr hatte ich wieder Wache.

SONNTAG - Wie geht es weiter?

Ich habe von 4 bis 6 Uhr Wache, das Aufstehen fällt mir echt schwer…Um diese Zeit ist aber auch eine ganz besondere Stimmung an Bord. Die Küste Siziliens ist schon in Sicht, als die Sonne aufgeht. Die Gäste sind sehr aufgeregt. Als wir uns dem Hafen nähern, fangen die Männer wieder an, ausgelassen zu tanzen und zu singen. Das ist wunderbar – und doch macht man sich Gedanken, was aus ihnen wohl werden wird. Ihre Chancen sind nicht gut…
Wir laufen in den Hafen von Messina ein, wo schon eine Armada an Polizei, Behörden, Mitarbeitern des Roten Kreuz und anderen bereit steht. Leider arbeitet die Polizei SEHR langsam, so dass wir am Ende noch 80 Menschen bis zum Morgen an Bord behalten müssen. 
 
Wie geht es weiter? Morgen werden wir die restlichen Gäste ausschiffen und Nachschub an Material und Lebensmitteln an Bord nehmen. Je nach Wetter wird entschieden, wann wir wieder fahren.