Feldgruppe
Notfall-Transport

Wenn die Staubstürme aus dem Tschad nach Süden ziehen, werden wir mit einer feinen Schicht Staub bedeckt. Die Luft ist heiß und staubig, die Sichtweite sehr gering.

Wenn die Staubstürme aus dem Tschad nach Süden ziehen, werden wir mit einer feinen Schicht Staub bedeckt. Die Luft ist heiß und staubig, die Sichtweite sehr gering.

Ich sitze über meinen Schreibtisch gebeugt und überarbeite ein weiteres Mal den Einsatzplan des Personals. Heute wird die Monotonie dieser Aufgabe allerdings durch ein wenig Hektik unterbrochen.

Mein Kollege ruft mir zu: "Bist du fertig? Kannst du JETZT losfahren?" Ich schaue blinzelnd zu ihm rüber, meine Augen müssen sich nach so langer Zeit am Bildschirm an die Umgebung anpassen. "Klar, aber wohin? Was ist los?"

Ein Notfall. Ein medizinischer Notfall-Transport. Es geht um eine Frau in den Wehen, die 70 Kilometer nördlich von Boguila in einem anderen Projekt von Ärzte ohne Grenzen ist. Die werdende Mutter benötigt dringend einen Kaiserschnitt, damit ihr Kind auf die Welt kommt.

Ich denke innerlich: "Super, ein geburtshilflicher Notfall". Mein Herz beginnt sofort zu rasen. Ich stelle mir vor, wie ich im hinteren Teil des Landcruisers das Kind entbinden muss, irgendwo im Nirgendwo, ganz allein. (Ja, manchmal galoppiert meine Fantasie einfach davon!)

Mein Kollege ruft mir erneut etwas zu und bringt mich in die Wirklichkeit zurück. "Die Fahrer sind in fünf Minuten fertig. Beeil dich!"

Ich springe auf. Suche alles zusammen, was ich für den Einsatz brauche. Als ich die zwei riesigen Erste-Hilfe-Koffer zum Auto schleppe, hoffe ich inständig, dass ich sie nicht wirklich benötigen werde. Ich ziehe mir ein T-Shirt von Ärzte ohne Grenzen über, schnappe mir die Funkgeräte und Satellitentelefone, Ersatzbatterien, Papierkram und Wasser. Ich springe ins Auto, mein Herz rast noch immer. "Los geht´s!"

Der erste Stopp ist bei den lokalen Behörden. Ich informiere sie über unsere Fahrt und sammele Sicherheitsinformationen für die Strecke ein. Alles ist gut, wir fahren weiter.

Beide Teams von Ärzte ohne Grenzen sind jetzt unterwegs. Jedes Team fährt aus Sicherheitsgründen mit zwei Autos. Wir treffen uns in der Mitte der Strecke, übergeben die Patientin von einem Team ans andere, dann fahren alle den selben Weg zu ihrem Herkunftsort zurück. Wir nennen das einen "Kuss".

Als wir langsam über die staubige Erdpiste rumpeln, wird mir bewusst, was es heißt, irgendwo im Nirgendwo zu arbeiten. Das Wort "Notfall" bedeutet hier nicht dasselbe wie bei uns zuhause. Es ist unmöglich, schnell zu fahren. Wir durchqueren kleine Dörfer, langsam, um die über die Straße laufenden Ferkel und Hühner vorbei zu lassen, und winken den Kindern zu. Ich unterhalte mich mit dem Fahrer, um mich abzulenken von den zahllosen geburtshilflichen Notfall-Szenarien, die durch meinen Kopf rasen.

Das Funkgerät knackt. Ich spreche regelmäßig mit dem Team in der Provinzhauptstadt, um es über die Lage und unsere Fahrtposition zu informieren. Ich stammele ein wenig wegen der kodierten Funksprache. "Wie verstehst du mich? Wir sind bei Kilo Mike 1-8 ... Kilo Mike 1-8." 30 Minuten später: "Wie verstehst du mich? Wir sind bei Kilo Mike 2-5, Kilo Mike 2-5." Es geht schrecklich langsam voran.

Eine Stunde und 45 Minuten später kommen wir an der "Kuss"-Stelle an. Das andere Team ist schon da. Wir übergeben die Schwangere auf einer Matratze, tragen sie von einem Auto ins andere. Ich untersuche sie schnell. Sie fühlt sich unwohl und erschöpft, aber ihr Zustand ist im Moment stabil. Ich erhalte einen schnellen medizinischen Bericht von meinen Kollegen. Und einen schnellen Einblick in das Leben im anderen Projekt. Dann springen wir alle wieder in unsere Autos und fahren zurück zu unserer Basis.

Die Rückfahrt geht noch langsamer. Jeder Huckel auf der Piste lässt die werdende Mutter vor Schmerzen aufstöhnen. Sie fühlt sich unwohl ... und alles, was sie uns sagt, ist: "Beeilt euch, haltet nicht an!" Ich spreche mit ihr, der Fahrer übersetzt alles. "Hast du viele Wehen? Spürst du noch, wie das Baby sich bewegt?" Der arme Fahrer stellt nur widerwillig all meine medizinischen Fragen und übersetzt dann ihre Antworten für mich. Ich bin dankbar.

Während wir über alle Huckel auf der Straße fahren, lehne ich mich über den Vordersitz, um nach der Mutter zu schauen. Sie greift nach meinen Händen und hält sie fest. Mein Arm ist total verdreht, als ich mich wieder auf meinen Vordersitz winde. Sie drückt meine Hand immer stärker und stärker, während wir über die Huckel fahren. Es tut weh, und mein ganzer Arm ist gefühllos. Aber ich sage kein Wort. Ich hoffe nur, dass wir bald ankommen - für uns beide!

Über Funk informiere ich unser chirurgisches Team über unsere Ankunft, in zehn Minuten werden wir da sein.

Endlich kommen wir an. Die werdende Mutter lässt meine Hand los, und ich klettere aus dem Autor und helfe, sie auf die Trage zu legen. Erst da bemerke ich, wie erleichtert ich bin, dass wir das Krankenhaus erreicht haben ... und wie erleichtert die Schwangere wohl erst sein mag. Wir bringen sie sofort in den Operationssaal.

Ich gehe zum Büro zurück. Ich setze mich an den Computer, um meine Einsatzplanung fertig zu stellen. Eine Stunde später werde ich zum Operationssaal gerufen, sie brauchen mehr Fäden zum Nähen. Langweilig ist es hier nie. Ich laufe rüber, um ihnen zu bringen, was sie brauchen. Als ich in den OP gehe, kommt gerade die Hebamme raus mit einem kleinen schreienden Mädchen in ihren Armen.

Ich denke bei mir: Dieses Mal haben wir es geschafft... Wir haben beide gerettet, die Mutter und das Baby. Das sind die Momente, die zählen.

Ich gehe wieder zum Büro zurück. Dieses Mal stört mich der Gedanke kaum, dass ich den Einsatzplan erneut überarbeiten muss.