Feldgruppe
Klarheit
Impression vom Klinkgelände
Impression vom Klinkgelände

Impression vom Klinkgelände

An einigen Tagen ist es windig. Es wird Staub aufgewirbelt, ein dichter Dunstschleier entsteht und Nebelschleier sind am Horizont. Der Sonnenaufgang scheint verspätet zu sein, der Staub brennt in den Lungen, die Sonne sieht wie ein blasser orangefarbener Ball aus, der am westlichen Horizont aufgehängt ist.

Wenn der Tag von Staub und den Herausforderungen verdunkelt ist, ist es manchmal schwierig, sich daran zu erinnern, warum wir hier sind? Warum arbeiten wir mitten in Afrika? Warum sind wir so weit weg von unseren Familien? Warum arbeiten wir so viele Stunden? Warum besteht unser Essen überwiegend aus Kohlehydraten?

Wenn ich den ganzen Tag im Büro bin und versuche, die Planungs- und Personalprobleme zu lösen, wenn ich versuche, den Patienten zu erklären, dass sie noch ein weitere Woche warten müssen, um nach Hause zu kommen, 100 Kilometer entfernt, wenn ich Medikamente zähle und herauszufinden versuche, wo sie gebraucht wurden, wenn ich Mitarbeitern zum vierten Mal in der gleichen Woche versuche zu erklären, dass es wichtig ist, mangelernährte Kinder jeden Tag genau zu wiegen … Manchmal bin ich frustriert. Und ich beginne mich zu fragen warum?

Ich funktioniere bei all den Aktivitäten gerade wie im Schlaf, als ich mich im Entbindungsraum wiederfinde. Auf der Entbindungstrage liegt eine Frau und versucht, ihr Baby herauszupressen. Sie ist erschöpft. Sie bekommt bereits intravenöse Flüssigkeit und benötigt Sauerstoff. Die Generatorstunden sind bereits vorbei, so dass wir mit den Logistikern sprechen, damit sie den Generator nicht ausschalten. Die Mutter arbeitet weiterhin hart, schweigend, während die Wehen sich einzeln durch sie hindurchbewegen. Die Hebamme und die Pflegerin ermutigen sie, es ist fast geschafft, press weiter … press, press, press … Die Wehen kommen alle zwei Minuten, und das Baby ist fast da. Wir können sehen, wie der Kopf versucht, herauszukommen. Wehe, pressen, warten, atmen. Wehe, pressen, warten, atmen.

Schließlich, Wehe, pressen … der Kopf kommt heraus. Die Hebamme versucht eine Sekunde später verzweifelt die Nabelschnur vom Hals des Babies abzuwickeln. Beeilung, Beeilung. Das Baby ist glitschig, wir schaffen es aber, die Nabelschnur durchzuschneiden und das Baby von dem Gewirr zu befreien. Das Baby schreit aber nicht. Er ist schlapp, er ist blau, er atmet nicht. Alle im Raum arbeiten. Wiederbelebung des Babies. Brustmassage, Flüssigkeit und Sekrete kommen aus den Atemwegen, Brustmassage, Sauerstoff, mehr Sekrete müssen abgewaschen werden, mehr Brustmassage … Ich dachte nur: Halte durch kleiner Kumpel! Das Baby hat Flüssigkeiten eingeatmet, als es den Mutterbauch verlassen hat, und die Lungen haben sich mit der Flüssigkeit gefüllt, dadurch fällt das Atmen schwer und es entsteht das Risiko, dass er sich infiziert. Ein Baby, vier Mitarbeiter, ein Ziel. Wir machen weiter. Wir finden ein System, es waren nur wenige Worte nötig, wir arbeiten alle zusammen. Wir wissen alle, dass das Baby bald anfangen muss, alleine zu atmen. Wir legen einen intravenösen Zugang, um ihm Flüssigkeit und Medikamente zukommen zu lassen. Es ist schwierig. Seine Venen sind so dünn. Ich massiere seine Brust, ermutige ihn, kleine Atemzüge zu machen. Das Baby strengt sich an zu atmen, aber es klingt hoffnungslos und flach. Der Arzt rennt zur Apotheke, um mehr Medizin zu holen. Er kommt mit einer Nadel für eine intraossäre Infusion wieder (eine dicke Nadel, die direkt in einen großen Knochen gestochen wird, um die Medizin über das Blut/das Knochenmark zu verabreichen). Sie ist ein eher schrecklich aussehendes Gerät, das durch die Haut direkt in den Knochen gestochen wird, aber sie kann Leben retten. Wir sind an dem Punkt, an dem etwas passieren muss. Wir atmen tief durch, der Arzt platziert die Nadel und wir schaffen es, etwas von der benötigten Medizin zu verabreichen. Es gab einen kurzen Moment der Erleichterung und des Triumphes. Aber er hat nicht lange angehalten. Die Nadel hat sich bewegt und ist aus dem Knochen herausgesprungen. Mist! Es gibt für die Medizin keinen Zugang mehr.

Das Baby beginnt, unabhängiger zu atmen, aber es hört sich noch immer hoffnungslos an. Wir konnten zu dem Zeitpunkt nicht mehr tun, außer zu hoffen, dass es die Kraft findet, weiterzuatmen. Ich habe ihn eingewickelt, warm gehalten und ihn festgehalten. Ich habe sichergestellt, dass die kleine Sauerstoffmaske auf seinem Gesicht geblieben ist.

In dieser besonderen Nacht schien die Zeit auf unserer Seite zu sein. Seine Farbe wurde langsam besser. Sein Atem hat sich beruhigt und hörte sich weniger angestrengt an. Er hat angefangen, seine kleinen Hände und Füße zu bewegen und startete einen schwachen Versuch zu schreien … langsam aber sicher wurde er munterer! Schließlich konnten wir ihn zu seiner Mutter bringen. Wir haben sie dazu ermutigt, ihn eng am Körper zu halten, damit er es warm hat, und dass sie ihn regelmäßig füttert. Er wird die Kraft brauchen. Er hatte einen schweren Start ins Leben.

 

Ich bin in der Nacht nachdenklich nach Hause gegangen … es gibt einen Grund, warum wir hier sind. Wir arbeiten mitten in Afrika, weil es sonst niemanden gibt, der medizinische Hilfe anbietet. Wir sind so weit weg von unseren Familien, weil wir wissen, dass es andere Familien gibt, die unsere Hilfe brauchen. Und wir essen viele Kohlenhydrate, damit wir viele, viele Stunden arbeiten können.
Am nächsten Morgen habe ich gehört, dass das Baby die ganze Nacht die Muttermilch getrunken hat und ohne zusätzlichen Sauerstoff gut geatmet hat. Erfolg!