Feldgruppe
Hoffnung und Tapferkeit

In meinem Land gibt es ein gutes Gesundheitssystem. In meinem Land scheinen die Ressourcen endlos zu sein. Ich bin hier an einen Ort gekommen, an dem nichts sicher und alles kompliziert ist. Um hier zu arbeiten, musste ich mich unglaublich anpassen.

In meinem Land gibt es ein gutes Gesundheitssystem. In meinem Land scheinen die Ressourcen endlos zu sein. Ich bin hier an einen Ort gekommen, an dem nichts sicher und alles kompliziert ist. Um hier zu arbeiten, musste ich mich unglaublich anpassen. Die Arbeit in Boguila lehrt mich endlose Lektionen in Flexibilität, Kreativität und Einfallsreichtum. Ich musste auch meine Erwartungen anpassen. Die Arbeit, die wir hier leisten, ist erstaunlich. Und wenn man bedenkt, wer wir sind und womit wir arbeiten, ist es meiner Ansicht nach noch erstaunlicher.

Täglich müssen wir uns den Herausforderungen bei der Behandlung stellen. Zu wissen, dass es durchaus Behandlungsmöglichkeiten gibt, allerdings nicht in diesem Teil der Welt, kann sehr frustrierend sein. In einer Hinsicht erleichtert es unsere Vorgehensweise, da die medikamentöse Therapie, die Behandlungsmöglichkeiten, die diagnostischen Mittel begrenzt sind. In anderer Hinsicht stellt es eine riesige Herausforderung dabei dar, Lösungen zu finden, einfallsreich zu sein und unsere Erwartungen anzupassen. Zugleich sind die Geschichten, die wir von den Patienten hören, ähnlich herausfordernd. Es sind unzählige Geschichten voller Leid. Mit der Zeit jedoch entdeckt man die kleinen Wunder hinter diesen Geschichten. Eine zweite Chance. Hoffnung. Stärke. Unterstützung. Engagement. Glaube.

Hier sind ein paar dieser Geschichten.

Ein junger Mann. Ein Motorradunfall. Bewusstlos wird er Stunden nach dem Unfall ins Krankenhaus gebracht. Freunde und Dorfbewohner brachten ihn nachts zu Fuß ins Krankenhaus. Ohne Röntgenaufnahmen war es unmöglich, die Details seiner Kopfverletzung zu erfahren, geschweige denn irgendeine Behandlung einzuleiten. Wir vertrauten auf einfache und häufige medizinische Einschätzungen, auf die Beobachtung von Veränderungen und darauf, ihn zu unterstützen. Die Familie war Tag und Nacht bei dem bewusstlosen Patienten. Sie versuchten, ihn aufzuwecken. Sie versuchten, ihn zu füttern. Sie machten all die normalen Dinge, die Eltern tun, damit es dem Sohn möglichst besser geht. Es war herzzerreißend, dies anzusehen. Aber sie konnten nicht verstehen, warum er nicht wach werden konnte. Wir versuchten ihnen zu erklären, wie komplex das Gehirn und Hirnverletzungen sind. Aber sie verstanden es nicht. Sie wollten ihn mit nach Hause nehmen, ihn zu einem traditionellen Heiler bringen. Medizinisch gesehen konnten wir den Patienten nicht entlassen, da er nicht stabil genug war. Aber gleichzeitig können wir einer Familie hier nicht verbieten, ihren Sohn mit nach Hause zu nehmen. Die Familie hofft, dass traditionelle Heilmethoden dem Sohn helfen werden. Manchmal können wir nicht mehr als Hoffnung geben. Also ließen wir es zu, dass die Familie ihren Sohn nach Hause brachte.

Ein Baby. Ein dickes, gesund aussehendes Baby. Frühmorgens wurde es von seiner Mutter und seinem Vater ins Krankenhaus gebracht. Das Baby hatte wirklich hohes Fieber und bekam langsam Atemprobleme. Wir diagnostizieren Malaria. Dies ist bei Kindern unter fünf Jahren einer der häufigsten Gründe für die Aufnahme ins Krankenhaus. Wir beginnen sofort mit der Behandlung und geben ihm eine Infusion, um ihm Flüssigkeit zuzuführen. Den ganzen Morgen lang sitzen die Eltern am Rand des Bettes. Die Atmung des Kindes verbessert sich nicht, der Säugling reagiert nicht auf die Behandlung. Das Fieber hält an. Was können wir noch tun? Hoffen, dass die Behandlung bald anschlägt und dem Baby jegliche Unterstützung geben. Die Eltern warten geduldig neben ihrem Säugling. Ein paar Stunden später höre ich das herzzerreißende Wehklagen der Mutter und des Vaters. Sie verlassen das Krankenhaus, ihren kleinen geliebten Sohn in Tücher gewickelt. Er war nicht stark genug, um die Malaria zu bekämpfen.

Eine Mutter mit einer unbehandelten epileptischen Störung. Sie hatte einen Krampfanfall, als sie an der Feuerstelle kochte. Sie hielt in dem Moment ihre sechs Monate alte Tochter. Der Säugling fiel ins Feuer. Das rechte Bein des Babys erlitt dabei schwere und tiefe Verbrennungen, von den Zehen bis zur Hüfte. Die Mutter erlitt leichtere Verbrennungen an ihrem Arm. Die Mutter brachte den Säugling in das nahegelegene Krankenhaus, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird. Die Wunden wurden täglich untersucht, gesäubert und erneut verbunden. Aber die Verbrennungen waren so tief, dass der Fuß verbrannt war. Das Bein war nur noch eine große offene Wunde. Da es hier in der Zentralafrikanischen Republik keine Möglichkeit zur Hauttransplantation gibt, stellte diese Wunde ein enormes Infektionsrisiko dar. Ohne eine einschneidende Behandlung würde das Baby schließlich den Entzündungen erliegen. Die Frage lautete daher: Wie können wir das Baby mit unseren begrenzten Ressourcen retten? Die Kollegen in der anderen Klinik von Ärzte ohne Grenzen fragten bei uns an, ob unser Chirurg eine Amputation durchführen könnte.

Das Baby und seine Mutter wurden für den chirurgischen Eingriff in unser Krankenhaus gebracht. Am nächsten Tag traf unser chirurgisches Team die schwerwiegende Entscheidung, das Bein oberhalb des Knies zu amputieren. Das ist die einzige Überlebenschance für das Baby.

Nach dem chirurgischen Eingriff. Das Baby lebt noch. Täglich braucht die Kleine frische Verbände und medizinische Versorgung. Aber ganz langsam heilt und erholt sich ihr kleiner Körper. Und ganz langsam kehrt auch ihr Lächeln zurück. Sie hat jetzt eine gute Chance, ihren nächsten Geburtstag zu erleben. Es ist vielleicht nicht alles perfekt. Aber es gibt Hoffnung, und sie hat eine zweite Chance.

Geschichten dieser Art gibt es unzählige. Wenn ich die Geschichten höre, wundere ich mich, wie diese Menschen noch lachen können. Jeden Morgen stehen sie auf, machen ein Feuer, kochen Essen, füttern ihre Babys, waschen ihre Kleidung , bereiten noch mehr Essen zu, arbeiten auf den Feldern, kümmern sich um die Kranken und finden einen Grund zu lachen. Das erstaunt mich. Die Menschen hier sind stark. Sie akzeptieren die Dinge, sie hoffen, sie glauben und gehen immer weiter. Das ist für mich Tapferkeit.