Feldgruppe
Gleichgewicht

Alles ist ein Balanceakt. Fahrradfahren, Zwiebeln auf dem Markt abwiegen, einen Wasserbehälter auf dem Kopf tragen, Gesundheit, Leben und Tod.

Am letzten Tag im Jahr 2009 erlebte ich das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod mit...

Alles ist ein Balanceakt. Fahrradfahren, Zwiebeln auf dem Markt abwiegen, einen Wasserbehälter auf dem Kopf tragen, Gesundheit, Leben und Tod.

Am letzten Tag im Jahr 2009 erlebte ich das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod mit...

Eine Frau in den Wehen auf dem Geburtstisch. Zwei Hebammen. Keine Familie, keine Unterstützung, keine Geräusche. Die Frau arbeitete sich ruhig durch jede Wehe. Das einzige Zeichen des Unbehagens war gelegentlich eine Grimasse. Ich beobachtete ihr Gesicht und ihren Bauch genau, um zu sehen, wann sie eine Wehe haben würde. Der Fötus war bereit herauszukommen, aber das Baby lag in der Steißlage. Der Po zuerst. Das führt manchmal zu schweren und möglicherweise gefährlichen Wehen. Die Hebammen aber blieben ruhig und zuversichtlich. Es geschah alles ganz schnell. Erst der Po, dann die Beine, Arme, Schultern und zuletzt der Kopf. Wie schaffte es die Frau nur, dass es so leicht aussah? Die Hebamme kam ins Schwitzen, um das Baby herauszuholen... doch die Mutter blieb ganz ruhig.

Das Baby erhielt eine schnelle Brustmassage. Dann nahm es seinen ersten Atemzug und der erste laute Schrei ertönte. Noch ein kleines Wunder. Wir lächelten alle und waren froh, einen kleinen gesunden Jungen zu sehen. Fünf Finger an jeder Hand, fünf Zehen an jedem Fuß und ein gutes Paar Lungen. Willkommen in der wirklichen Welt, mein Kleiner!

Ein neues Leben. Heute ging es schnell, ohne große Probleme.

Ein paar Stunden später, noch immer am letzten Tag des Jahres 2009. Ich ging in die Notaufnahme. Auf der Krankentrage lag ein kleines einjähriges Mädchen. Eine winzige Sauerstoffmaske um ihr Gesicht geschnallt. Ein kleiner Abflussschlauch ragte aus ihrem geschwollenen Bauch heraus, um die Flüssigkeit abzuführen, die sich angesammelt hatte. Ein Infusionsschlauch war an ihrem winzigen Arm befestigt. Die Mutter saß, in Tränen aufgelöst, an ihrer Seite. Das kleine Mädchen hatte Mühe zu atmen: Ihr Bauch war so geschwollen, dass es den Lungen schwerfiel, gut zu funktionieren. Sie war sehr krank. Ich ging in den Raum. Ich hörte ihr kleines Herz, das sich bemühte, richtig zu schlagen. Ich blieb. Ich setzte mich zu ihrer Mutter. Wir hielten die Hände des kleinen Mädchens, während wir sie um jeden Atemzug ringen sahen. Es war herzzerreißend, aber wir konnten nichts anderes für sie tun. Langsam wurden ihre Atemzüge seltener, dann glitt sie hinüber in eine andere Welt. Der Raum lud sich auf mit Schreien, Brusttrommeln, Gekreische und Wehklagen. Herzzerreißende Laute der Trauer. Ich saß dort überwältigt, ein Leben war gerade erloschen, während ich ihre winzige Hand hielt.

Wie konnte das so schnell geschehen? Wieso konnte ich nichts anderes tun? Ich weiß, dass der Tod Teil des Lebens ist, aber wenn ein Leben kurz ist, erscheint es so ungerecht. Das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod ist sensibel, vor allem hier.

Alles ist ein Balanceakt. Essen, Schlafen, Lachen, Weinen – ebenso wie Leben und Tod. Ich schätze mich glücklich, dass ich einen der sensibelsten Balanceakte des Lebens miterleben durfte.