Feldgruppe
Ernährungsprogramm: ein glücklicher neuer Teilnehmer!

Mit zunehmender Hitze scheint auch der Druck bei der Arbeit zuzunehmen. Ich hatte in der vergangenen Woche ein Wochenende frei, in Bangui.

Mit zunehmender Hitze scheint auch der Druck bei der Arbeit zuzunehmen. Ich hatte in der vergangenen Woche ein Wochenende frei, in Bangui. Das sollte eigentlich der Entspannung dienen, aber es fühlte sich dann eher an wie ein paar hektische Minuten Kontakt zur Außenwelt über Internet und Telefon. Als ich wieder nach Boguila zurückkam, fühlte es sich an wie nach Hause kommen. Ich hab mich hier in einer Routine eingefunden, hier ist jetzt erstmal mein Zuhause, und es fühlte sich gut an, in den vertrauten Krater meiner Matratze zurückzukriechen.

Nachdem ich über's Wochenende weg war, hat es nicht lange gedauert bis mir klar wurde, dass ich die Arbeit vielleicht ein paar Tage vergessen hatte, aber umgekehrt die Arbeit mich nicht! Mir blieb keine Wahl, ich musste sofort wieder loslegen: Mitarbeiter managen, Personalprobleme lösen, Reports fertig stellen, die Fortschritte der Patienten überwachen, unterrichten und an endlosen Meetings teilnehmen. Der Wahnsinn geht weiter.

Als Teil meiner Routine nehme ich mir die Zeit, die Entwicklung der mangelernährten Kinder im Krankenhaus zu beobachten. Es ist gerade Erntesaison, entsprechend sind die Zahlen in der Ernährungsstation niedrig. Trotzdem gibt es immer Kinder, die Hilfe brauchen, um Gewicht zuzulegen und dafür stationär behandelt werden. Für die Mütter ist es ein Vollzeitjob, ihre Kinder zu füttern. Es kann mühsam und frustrierend sein, quengelige, kranke oder desinteressierte Kinder drei bis sechs Mal am Tag zu füttern und sie zusätzlich zu stillen. Man braucht sehr viel Geduld, Hingabe und Zeit, um Kindern zu helfen zuzunehmen, langsam, langsam, langsam. Die Kinder bekommen verschiedene Arten von Milch, angereicherte Milch und "Plumpy Nut" eine/n hochkalorien- und hochproteinhaltigen Snack/Mahlzeit. Hier, im Krankenhaus von Boguila, haben wir ein erfolgreiches Programm zur Gewichtszunahme!

Junior kam vor drei Wochen an. Ich bemerkte ihn, weil er draußen auf der Bank vor dem Büro der Krankenschwestern- und pfleger saß. Er war schmutzig, hatte ein geschwollenes Gesicht, geschwollene Arme und Beine, und sein Gesicht war voller Schorf, Kratzer und Infektionen. Seine dunklen Augen guckten aus seinem unglücklichen aufgedunsenen Gesicht. Er wurde mit schwerer Mangelernährung vom Typ Kwashiorkor (einem Proteinmangel) ins Krankenhaus eingewiesen. Klinische Anzeichen von Kwashiorkor sind Ödeme (Schwellungen) im Gesicht sowie in den Armen und Beinen. Das Kind wirkt aufgebläht und pummelig, aber in Wirklichkeit mangelt es dem Körper an der richtigen Nahrung. Das ist eine schwere Form der Mangelernährung. Kwashiorkor-Fälle sind zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich, da Erdnüsse und Sesam geerntet werden - proteinreiche Nahrungsmittel sind also vorhanden. Aber da war er: zwei Jahre alt, aufgedunsen, schmutzig und unglücklich.

Das erste Behandlungsziel für Kwashiorkor-Fälle ist es, den Gewichtsverlust zu stoppen und die Ödeme zum Verschwinden zu bringen. Das Kind erhält kalorienarme Milch, um dem Köper zu helfen sich an diese Nahrung zu gewöhnen und den Stoffwechsel anzuregen. Junior nahm das Milchtrinken gut an. Einige Tage nach der Rückgewöhnung an Milch machte er Fortschritte beim Gewichtszunahmeprogramm, bei der hochkalorienhaltige Mahlzeiten auf dem Speiseplan stehen damit das Kind zunimmt. Nachdem sich sein Ernährungszustand langsam verbessert hatte, begann auch sein Immunsystem wieder zu arbeiten. Der Schorf in seinem Gesicht löste sich, die Infektionen gingen zurück, die Ödeme begannen zu "zerrinnen", und er begann, im Krankenhaus herumzutapsen.

Daniela und Junior

Daniela und Junior

Jetzt läuft er umher, entweder nackt oder mit einem überdimensionalen gelben T-Shirt,
das ihm bis über die Knöchel hängt. Er hat wieder Interesse an seiner Umgebung bekommen und begleitet das medizinische Team bei den Morgenrunden. Er greift nach meinem Finger und tapst neben mir her, immer mit einem ernsten Ausdruck im Gesicht.

Er sieht mich schon von weitem und kommt mir über das halbe Krankenhausgelände  entgegengelaufen, dann schnappt er meinen Finger. Wir laufen zusammen durch das Krankenhaus. Manchmal will er getragen werden. Ich nehme ihn auf dem Arm, wohl wissend, dass er keine Windeln oder Unterhosen trägt. Babykacka auf meinem Shirt! Junior sitzt auf meiner Hüfte und legt seine kleinen Beine um meine Taille - ich muss ihn kaum halten. Er sitzt da einfach, glücklich auf meiner Hüfte während ich meine Arbeit mache. Die Mütter im Krankenhaus lachen herzhaft darüber...darüber, dass ich Junior trage, dass er hier, dort und überall herumtapst? Auf jeden Fall ist es gut, sie alle lachen zu hören. Ich muss nur darauf achten, dass ich mein Shirt später in die Wäsche gebe.

Vor zwei Tagen fing Junior schließlich an zu lächeln. Er sah, wie ich ins Krankenhaus lief und fing an, mit seinen Armen zu wedeln und in meine Richtung zu tapsen. Ich nahm ihn auf dem Arm und warf ihn in die Luft - und er lachte. Es hat fast drei Wochen gebraucht, aber vielleicht fühlt er sich jetzt besser und mehr wie ein zwölf Monate alter Junge. Er lacht, spielt und heftet sich an die Leute um ihn. Was das Gewicht-Zulegen angeht: Das wird noch eine Weile dauern. Das viele Herumlaufen mit dem Team ist dafür wahrscheinlich nicht besonders hilfreich, es ist zuviel Bewegung! Aber es ist so schön zu sehen, dass er die Chance bekommen hat, wieder Kind zu sein, und keine hungrige unglückliche kleine Person. Eine kleine Erfolgsgeschichte nach der anderen ... das Ernährungsprogramm hat einen neuen glücklichen Teilnehmer!