Feldgruppe
Drama

Drei Wochen lang hat sich alles um den Africa Cup gedreht, ein Event, das alle zwei Jahre stattfindet. Es ist DER Sport-Event für Menschen auf dem afrikanischen Kontinent.

Drei Wochen lang hat sich alles um den Africa Cup gedreht, ein Event, das alle zwei Jahre stattfindet. Es ist DER Sport-Event für Menschen auf dem afrikanischen Kontinent.

Der Sound von Fußballspielen bildete die abendliche Geräuschkulisse der letzten zwei Wochen. Die Leute liefen mit kleinen Handradios über das Krankenhausgelände – fest ans Ohr gedrückt, die Antennen zum großen blauen Himmel gerichtet – und lauschten gespannt den Spielen in Angola.

 Das „Kino“ in Boguila, eine Backsteinhütte mit Grasdach und Lehmboden, ist mit einem Generator und Satellitenfernseher ausgestattet. Es ist die einzige Möglichkeit, die Spiele tatsächlich zu SEHEN und DER Treffpunkt während des Turniers. Leute aus dem Dorf und der Umgebung versammeln sich hier, um das Spiel anzusehen. Alle sitzen dicht zusammengedrängt auf den harten Holzbänken und müssen die Augen zusammenkneifen, um den Ball auf dem kleinen Bildschirm auch tatsächlich zu sehen (scheinbar gibt es eine Verzögerung mit dem Satellitenbild; mache verfolgen das Spiel deshalb mit dem tragbaren Radio am Ohr und erfahren so schon einige Sekunden vor dem Rest der Menge im Kino, wenn ein Tor fällt).

 Heute war der lang erwartete Tag. Das Endspiel. Ghana gegen Ägypten. Alle waren aufgeregt und bereit, ein paar Cents zu investieren, um das Spiel im „Kino“ anzusehen. Es war DER Gesprächsstoff im Dorf. All die, die nicht im „Kino“ waren, hatten ihre Radios eingeschaltet und die Stimmen französischsprachiger Kommentatoren erfüllten die Luft. 

Mitten im Spiel fingen auf einmal unsere Funkgeräte an zu knistern. Zu hören war eine panische Stimme „Infirmier, infirmier!!! Une urgence, une urgence!!!“ (Krankenschwester, Krankenschwester! Ein Notfall!). Ein paar Sekunden später: „Docteur. Docteur!! Une urgence!” Das waren eindeutig nicht die normalen Funksprüche, die wir sonst erhalten.

Ich erreichte das Krankenhaus nur wenige Minuten nach dem Anruf...schon von weitem konnte ich die Menschenmenge am Tor des Krankenhauses sehen. Ich lief schneller. Ich drängte mich durch die Menge und betrat das Krankenhaus. Drinnen war alles voller Leute! Das war nicht normal. Ich sah mehrere Männer am Boden liegen, sie weinten, schrien und schlugen um sich. Freunde versuchten sie ruhig zu halten. Es war das totale Chaos! Und ich wusste immer noch nicht, was eigentlich passiert war. Als ich mich durch die Menge drängte, konnte ich Alkohol riechen. Für gewöhnlich sind große Gruppen alkoholisierter Menschen nicht gerade angenehm, aber ich behielt einen klaren Kopf. Ich ging durch die Türen der Notaufnahme (eigentlich ein ganz einfacher Raum mit einer Glühbirne). Zwei Männer lagen auf den Bahren, einer auf dem Boden und jeweils drei Krankenschwestern standen um sie herum. Ich schaute mich kurz um, alle Patienten waren bei Bewusstsein, redeten, weinten... alle machten ein großes Aufheben. Noch immer konnte ich keine schwereren Verletzungen erkennen, die diese Panik und das ganze Chaos rechtfertigen würden. Ich wandte mich an den Arzt und fragte, was passiert sei. Ich dachte, vielleicht gab es einen Kampf? Einen Motorradunfall?

„Ein Haus ist eingestürzt“, war die Antwort, die ich bekam. Okay. Ich schaute ein bisschen genauer hin, sah leichte Fleischwunden am Kopf, Schnitte, Blutergüsse, viel Drama und eine Menge Panik! Die Energie im Raum war surreal! Ich glaube, jeder einzelne unserer Mitarbeiter drängte sich in den Raum und versuchte loszulegen. Ich wusste immer noch nicht, warum dieses ganze Aufhebens? Die Verletzungen passten nicht mit dem Drama zusammen. Ein Haus war zusammengestürzt – warum all der Alkohol, warum die ganzen Leute? Es sah aus als wäre das ganze Dorf zum Krankenhaus gepilgert – warum waren alle Patienten junge Männer?

Dann kam endlich die Erklärung: „Das ‚Kino’ ist eingestürzt!“ Alle waren dort, um sich das Endspiel anzusehen, als das Dach und die Wände einstürzten! Das ergab einen Sinn.

Ich schnappte mir einen Kollegen der den Lokaldialekt Sango sprach und versuchte, ein Triage-System aufzubauen. Wer war noch verletzt? Wir fanden ein paar Leute, die noch nicht behandelt worden waren und trugen sie ins Behandlungszimmer. Nachdem alle Verletzten in der Menge identifiziert waren, stellten wir sicher, dass alle Verletzten zum Krankenhaus gebracht und niemand am Unglücksort zurückgeblieben war. Schnell wurde mir klar, dass die meisten Patienten nicht ernsthaft verletzt waren. Es war einfach zu viel Personal da, zu viele Leute, die herumstanden. Der Versuch, Ordnung in die Menge zu bringen, scheiterte. Ich sprach französisch, sie verstanden zum größten Teil nur Sango (die einzigen Ausdrücke die ich auf Sango kenne sind „danke“ und „bis bald“ – beide nicht sehr hilfreich in dieser Situation). Also versuchte ich, mich anders nützlich zu machen: Tetanusimpfungen für alle! Wir sausten durchs Krankenhaus, suchten alle Patienten mit offenen Wunden, Kratzern und Schnitten und gaben ihnen eine Tetanusimpfung. Eine Mini-Impfkampagne! Keine Röntgenaufnahmen, erst recht kein CT, kein Trauma-Team. Wir taten, was wir konnten, mit dem, was wir haben. Wir hatten Glück: Niemand war ernsthaft verletzt worden.

Das Endergebnis des Spiels...weiß ich nicht so genau. Ich wurde ein bisschen abgelenkt! Ich werde das morgen herausfinden.