Feldgruppe
Das Kind, das nicht zunahm

Die Mango-Saison neigt sich dem Ende, aber die Hitze bleibt. Im Büro sind es 35°C! Schweiß tropft von meinem Gesicht, meinen Armen, meinem Rücken. Nirgendwo kann man der Hitze entkommen. Also wechsel ich zwischen Tippen, Wasser trinken, Denken und dem Abwischen des Schweißes von meiner Stirn.

Die Mango-Saison neigt sich dem Ende, aber die Hitze bleibt. Im Büro sind es 35°C! Schweiß tropft von meinem Gesicht, meinen Armen, meinem Rücken. Nirgendwo kann man der Hitze entkommen. Also wechsel ich zwischen Tippen, Wasser trinken, Denken und dem Abwischen des Schweißes von meiner Stirn. Das versprochene kühlere Wetter und der Regen sind noch nicht eingetroffen.

Wieder arbeite ich an endlosen Berichten, der Einteilung für das Krankenhaus und der Vorbereitung von Unterrichtsstunden. Die Arbeit ist interessant, dennoch fühle ich mich jeden Tag sehr erschöpft. Multitasking und Unterbrechungen haben ein neues Niveau erreicht.

„Kannst du mir helfen meine Ferien zu buchen?“, „Meinem Stift ist die Tinte ausgegangen, kann ich ihn gegen einen neuen tauschen?“, „Ich muss mit Dir über meinen Arbeitsplan sprechen.“ Das Funkgerät ruft meinen Namen. „Wir sind heute in der ambulanten Klinik sehr beschäftigt und unterbesetzt. Kannst du eine weitere Krankenschwester für uns finden?“, „ Meine Großmutter ist gestorben. Ich muss in ihr 200 Kilometer entferntes Dorf fahren. Wie viele Tage kann ich frei bekommen?“. „Uns sind die Aufnahmeformulare ausgegangen. Das Lager hat die Bestellung nicht rausgegeben. Kannst Du sie anrufen und die Formulare für uns besorgen? Da warten schon fünf Patienten, um dran zu kommen.“ „Kannst du das Chirurgie-Team suchen? Wir müssen sofort einen Not-Kaiserschnitt machen!“, „ Nur zu Deiner Information, uns sind in der Apotheke die Moskitonetze ausgegangen. Ach ja, und das Paracetamol auch.“, „Kannst Du mir helfen, die Unterrichtsstunde fertigzumachen, die ich begonnen habe vorzubereiten?“, „Kannst du mal ins Geburtszentrum kommen? Die Beatmungsmaschine will nicht angehen.“, „Kannst du die Ernährungsverschreibung unterschreiben?“

Wieder knistert das Funkgerät meinen Namen. Im Hintergrund kann ich ein Baby schreien hören. „Ich habe hier in der Ambulanz ein vier Jahre altes Kind für Dich. Schwer mangelernährt. Kannst Du kommen, es untersuchen und die notwendigen Verschreibungen ausfüllen?“ Alle diese Anfragen benötigen Zeit, Energie, Kraft, Kreativität, Multitasking, Problemlösungen und Geduld. Die Tage sind nicht einfach. Beschäftigt beschreibt nicht annähernd meine Arbeit, aber es wird definitiv nie langweilig!

Ich schnappe mir mein Funkgerät und mache mich auf den Weg in die Ambulanz, um mir das Kind anzusehen. Zwei Kinder sitzen auf dem Schoß der Mutter. Ein gesund aussehendes, mit Pausbacken, das lächelt und herumplappert. Das andere ist älter, dünn, ernst, hat Schorf überall auf der Haut und dünne rotbraune Haare. Ich grüße alle im Raum. Ich hebe das Kind auf den Behandlungstisch. Er starrt mich mit großen Augen an. Scheint, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er panisch oder neugierig sein soll. Ich schüttele erneut seine Hand und lächle ihn an. Langsam wird sein Blick weicher und verändert sich in ein Lächeln. Er entspannt sich und beschließt, dass ich trotz meiner weißen Haut, meiner großen Nase und meinen glatten braunen Haare gar nicht so schrecklich bin.

Ich beginne mit der physischen Beurteilung. Dazu untersuche ich seinen kleinen dünnen Körper, horche mit meinem Stethoskop seine Lungen, das Herz und das Bäuchlein ab. Für einen vier Jahre alten Jungen ist er kooperativ. Sein Name ist Mathias. Es macht mich jedes mal wieder neugierig, wie Kinder aus der gleichen Familie komplett unterschiedliche Ernährungszustände haben können. Seine kleine Schwester bekommt sicher noch Muttermilch, daher die Pausbäckchen, die Energy und Abwehrkräfte. Der ältere muss alleine zurechtkommen. Wird er vernachlässigt? Hat er zusätzlich noch eine Krankheit, wie TB oder HIV? Oder reicht das Essen einfach nicht für die ganze Familie?

Die vollständige Geschichte eines Patienten und dessen Familie zu bekommen, ist immer eine Herausforderung. Mit einer Krankenschwester zu meiner Unterstützung, begebe ich mich auf die Suche nach Informationen und Hinweisen, warum Mathias so dünn ist.

„Seit wann verliert das Kind Gewicht?“ – Seit drei Monaten.

„Haben Sie zuhause Genug Essen?“ – starrer Blick.

„Hat das Kind Interesse an Essen?“ – Nein

„Was geben Sie ihm zu Essen?“ – starrer Blick

„Hat das Kind Durchfall?“ – Nein „Bricht es?“ – Nein

„Hat er zuhause Fieber?“ – Nein

„Interagiert oder spielt er mit anderen Kindern?“ – starrer Blick

Ich wiederhole die Frage – starrer Blick

„Hustet er?“ – starrer Blick

„Ist noch jemand aus der Familie krank?“ – Nein

„Hustet sonst jemand in der Familie?“ – Ja „Seit wann?“ – starrer Blick

„Wo wohnen Sie?“ – starrer Blick. Ich frage erneut – In einem Dorf, 25 km entfernt.

„Wenn ich Sie bitte in einer Woche wiederzukommen, werden Sie mit dem Kind kommen?“ – Ja

„Versprochen?“ – Ja

„Ich gebe Ihrem Kind etwas Energienahrung und Medikamente, die ihm helfen an Gewicht zuzulegen und sich besser zu fühlen. Die Medikamente und das Essen sind nur für Mathias, nicht für die ganze Familie. Ich will, dass Sie in einer Woche wieder zu mir kommen. Dann werden wir Mathias wiegen und sehen wie es ihm geht. Verstehen Sie mich?“ – starrer Blick. Wir wiederholen alles dreimal. Dann bitten wir die Frau, dass sie es uns wiederholt. Sie scheint schlussendlich zu verstehen, worum wir sie bitten.

Ich fülle das Rezept über Medikamente, Plumpy Nut (eine kalorienreiche therapeutische Nahrung aus Erdnusspaste) und ein Stück Seife für gute Hygiene, aus. Ich registriere das Kind im ambulanten Ernährungsprogramm und hoffe, dass er zur Nachfolgeuntersuchung wiederkommt. Auf dem Weg nach draußen lächelt mich Mathias erneut an und schüttelt meine Hand.

Mathias kam eine Woche später wieder. Seine Mutter sagte mir, er hätte das ganze Essen gegessen. Ich konnte keine Gewichtszunahme feststellen. Meine Überlegungen: Hat sie das Essen ihrem kranken Kind gegeben? Oder hat sie es verkauft? Oder haben sie es unter der Familie aufgeteilt? Mochte er das Essen? Hat er nach mehr gefragt? Sie war nicht in der Lage, mir diese Fragen zu beantworten – starrer Blick.

Mathias hatte in der Woche nachgelassen. Wir überwiesen ihn in das stationäre Ernährungsprogramm, um seine Ernährung besser überwachen zu können. Im Verlauf der Woche begann er langsam zu Essen. Aber er nahm kaum zu. Er lag den ganzen Tag im Bett,  sah traurig und unglücklich aus. Wenn ich ins Zimmer kam, setzte er sich in seinem Bett auf und schüttelte langsam meine Hand, aber ich konnte sehen, dass dies eine große Anstrengung für ihn darstellte. Mathias’ Gewichtszunahme war sehr langsam für einen Jungen, der aß. Er bekam nachts Fieber und begann zu husten. Wir bekamen den Verdacht auf Tuberkulose. Nach mehreren Wochen stationärer Behandlung mit nur geringfügiger Verbesserung und einer minimalen Gewichtszunahme, begannen wir mit der Untersuchung auf Tuberkulose. Unsere Hauptansatzpunkte waren, dass er kaum auf das Ernährungsprogramm ansprach und sein Husten sich trotz Antibiotika nicht verbesserte.

Wir schickten die Mutter zu einer Beratung, um herauszufinden, ob sie in der Lage wäre, das Kind über den Zeitraum der Behandlung zu unterstützen. Die Behandlung würde sechs Monate dauern. Am nächsten Tag begannen wir mit damit. Innerhalb weniger Wochen konnten wir die Verbesserungen sehen. Mathias nahm an Gewicht zu, sein Appetit wurde größer, er lächelte mehr und er begann mit den Menschen in seiner Umgebung zu interagieren. Jeden Tag sah Mathias mehr aus, wie ein vier Jahre alter Junge und weniger wie ein trauriger, deprimierter und kranker Junge.

Tuberkulose ist in dieser Gegend weit verbreitet. Kinder sind besonders anfällig, da ihre Immunsysteme noch nicht ganz ausgebildet sind. Das schwerste an der Behandlung ist, die Patienten davon zu überzeugen, dass sie die ersten zwei Monate in der Klinik bleiben. Oft werden die Mütter aber von ihren Männern nach Hause gerufen. Oft verspüren die Mütter aber auch einen Druck, nach Hause zurückzukehren, um ihre anderen Kinder zu versorgen, ihre Felder für die Aussaat vorzubereiten, zu Kochen und sich um den Haushalt oder ihre Ehemänner zu kümmern. Das Beratungsteam in Bougila investiert viel Zeit, die Mütter darüber aufzuklären, wie wichtig es ist, die Behandlung im Krankenhaus bis zum Ende durchzuführen. Gleichzeitig ermutigen sie die Mütter bei ihren Kindern zu bleiben und sie während dieser schweren Zeit zu unterstützen.

Nach zwei Monaten intensiver Behandlung war Mathias endlich soweit, nach Hause zu gehen. Er war zu einem glücklichen Kind geworden, liebte es zu essen, zu spielen und er liebte die Aufmerksamkeit, die er im Krankenhaus erhielt. Am Tag seiner Entlassung erzählte er mir, dass er die Erlaubnis erhalten hatte, nach Hause zu gehen. Ich entließ ihn mit einem Paket Lebensmittel, Medikamenten und einem Termin für die Folgeuntersuchung in einem Monat. Als er ging, lächelte er und balancierte das Paket mit seiner Habe auf seinem Kopf. Seine Mutter trug noch ein breiteres Lächeln und auch ein breiteres Paket aus Medikamenten und Nahrung auf ihrem Kopf, während ihr anderes Kind auf ihren Rücken gebunden war. Beide winkten, als sie den roten staubigen Weg in Richtung ihres Dorfes liefen.