Feldgruppe
Angekommen

Am 29.05.2010 landete meine Airfrance 559 um 21:55 in N'Djamena. Beim Landeanflug schien der leuchtende Vollmond ein wenig die gelbliche Farbe der Wüste anzunehmen.

Am 29.05.2010 landete meine Airfrance 559 um 21:55 in N'Djamena. Beim Landeanflug schien der leuchtende Vollmond ein wenig die gelbliche Farbe der Wüste anzunehmen. Für eine Landeshauptstadt wirkte N'Djamena recht dunkel und diesig im Vergleich zu den europäischen lichtdurchfluteten Städten, in denen ich bisher gelandet war.

Als sich der volle Flieger langsam leerte und ich schließlich an die Schwelle zur Treppe kam, schlug mir die staubig trockene 36 Grad Luft ins Gesicht.

Um mich blickend konnte ich in dem etwas gelblichen Dunkel die Umrisse eines überschaubaren Flughafens sehen. Am Boden stand bereits Militär. Nun stand ich also das erste Mal in meinem Leben auf zentralafrikanischem Boden und muss zugeben, dass mir etwas mulmig zumute war, wenngleich ich auch sehr gespannt auf mein Projekt im Tschad war. Nachdem meine Papiere kontrolliert waren, trat ich in die mit dem nötigsten ausgestattete Gepäckhalle, die nicht viel größer war, als ein durchschnittlicher Aldi. Als ich aus dem Flughafengebäude trat, erkannte ich drei Ärzte ohne Grenzen-T-shirtträger und auch ich in meinem entsprechenden neuen T-shirt war unschwer zu erkennen. Von der britischen Katie und zwei nationalen Mitarbeitern begleitet gingen wir zum Ärzte ohne Grenzen-Geländewagen, wie ich sie nun schon oft auf Bildern in diversen Vorträgen gesehen hatte.

Vom N'Djamena-Team wurde ich herzlich begrüßt und ich hatte einige Tage zum Akklimatisieren an die hier durchschnittlichen 45 Grad. Dann ging es per Flugzeug weiter nach Kerfi, wo das Projekt ist. Kerfi ist eine südöstlich gelegene Stadt 45 km von der nächsten größeren Stadt Goz Beida und nicht weit von der sudanesischen Grenze entfernt. Ärzte ohne Grenzen betreibt hier seit ein paar Jahren ein kleines Gesundheitszentrum, dass den rund 10,000 Einwohnern und etwa noch mal so vielen Vertriebenen in der Region eine kostenlose medizinische Grundversorgung bietet. Es lag wahrscheinlich an beidem, meiner Nervosität und der etwas holprigen kleinen 2-Motorenmaschine, dass mir übel war.

Angekommen im eigenen Tukul

Angekommen im eigenen Tukul

Im Landeanflug auf Kerfi konnte ich es kaum glauben, als ich diese Stadt übersäht mit Tukuls und Strohumzäunungen sah, und das alles mehr oder weniger in den gelblichbraunen Farben der Trockensavanne, die sich über das Land erstreckt. Irgendwo auf dem Sand setzte dann das Flugzeug auf. Vom Logistiker Kevin wurde ich dann empfangen. Wir bekamen innerhalb von Sekunden Gesellschaft von einigen Kindern, die aus dem Nichts zu kommen schienen und nicht viel mehr als zerfetzte Kleider am Körper trugen. Wir bekamen zum Abschied ein Kinderlächeln und fuhren durch ausgetrocknete Wadis, vorbei an buntbekleideten Nomaden auf Eseln oder zu Fuß mit Kamelen. Dann erschien vor uns die Stadt. Einigen schien nach dem Grundbau eines halben Tukul wohl das Material ausgegangen zu sein, so dass ruinenartig angefangene Tukuls hier und da herumstanden. Die Strohumzäunung gab die sonst fehlende Struktur und Abgrenzung zwischen all den Tukuls. Nach kurzer Zeit erreichten wir das Ärzte ohne Grenzen-Gelände, wo ich auf eine lächelnde Serena (Projektkoordinatorin) stieß. Bald darauf lernte ich die 72 jährige Krankenschwester Christa kennen, damit war das internationale Team komplett.

Sicherheit ist hier ein bedeutsames Thema, worüber ich genau informiert wurde. Kerfi selbst gehört zur Dar Sila Provinz im Südosten des Tschad, wo es immer wieder Rebellenkonfrontationen gibt. In Kerfi selbst gibt es weniger Rebellenaktivität, als dass Rebellen Kerfi als Durchgangsort nutzten. Dennoch gibt es in hier immer wieder ethnische Konflikte und Kämpfe zwischen verschiedenen Volksgruppen. Auch die Ärzte ohne Grenzen Klinik ist in der Vergangenheit schon einmal zwischen die Fronten geraten, 2008 wurde dort randaliert, Patienten und Mitarbeiter zusammengeschlagen. Nachdem Ärzte ohne Grenzen daraufhin das gesamte Projekt evakuierte, erklärten sich die 'Bürgermeister'/Dorfältesten der einzelnen Gruppen nach langen Verhandlungen dazu bereit, die Sicherheit für Ärzte ohne Grenzen zu gewährleisten und die Organisation aus lokalen Konflikten herauszuhalten.

Im August 2009 wurden im Zusammenhang mit einem Raubüberfall im rund 120km entfernten Ade zwei Ärzte ohne Grenzen-Mitarbeiter entführt. Während der nationale Mitarbeiter nach einem Tag wieder freigelassen wurde, konnte der internationale Mitarbeiter erst nach 29 Tagen freikommen. Als Reaktion darauf wurde auch das Projekt in Kerfi zunächst geschlossen. Mit der Wiederaufnahme des Projektes im Oktober 2009, was seitens der Bewohner Kerfis sehr geschätzt wurde, gelang eine Vereinbarung, dass Informationen über die Sicherheitssituation und Bürgerbewegungen an Ärzte ohne Grenzen herangetragen würden. Momentan ist Ärzte ohne Grenzen die einzige internationale Hilfsorganisation oder Nichtregierungsorganisation (NGO) in Kerfi. Hauptgrund für unsere Präsenz ist die medizinische Versorgung für die unter andrem durch ethnische Konflikte bedingten Vertriebenen, die in und um Kerfi in Lagern leben.

Mit vielen Informationen und einem vollen Kopf meinerseits ging der erste Tag in Kerfi zu Ende und ich schlief das erste Mal in (m)einem Tukul.