Feldgruppe
31.10.07, Die Menschen schlafen nachts in den Feldern

Liebe Freunde,

mein erstes Seminar an diesem Ort. Nicht eine der leichtesten Übungen. Zwei Tage am Stück habe ich so etwas noch nie gemacht, immer nur in kleineren Portionen von maximal einem Vor- oder Nachmittag. Also bereite ich mich vor. Gründlich.

Liebe Freunde,

mein erstes Seminar an diesem Ort. Nicht eine der leichtesten Übungen. Zwei Tage am Stück habe ich so etwas noch nie gemacht, immer nur in kleineren Portionen von maximal einem Vor- oder Nachmittag. Also bereite ich mich vor. Gründlich.

Tagelang bastle ich an einer grandiosen Powerpoint-Präsentation, die mir faktentriefend über die befürchteten Hänger hinweghelfen soll. Endlich ist der große Tag gekommen; mit sehr gemischten Gefühlen fahre ich zum Ort des Geschehens, einer vierstöckigen Baracke, von der nur das Erdgeschoss ausgebaut ist; die anderen Stockwerke sind rostige Pfeiler und unverputzter Stein. Der Konferenzraum ist mit dünnen Brettern von der Küche getrennt, im Hof feilt und hämmert einer ohrenbetäubend an irgendwelchen Blechteilen. Um neun Uhr, der offiziellen Anfangszeit, sind von zwanzig Teilnehmern drei gekommen. Ein Spezialist mit Schraubenzieher versucht, die einzige Steckdose zur Mitarbeit zu überreden. In mir kriecht leise Panik empor. Zwanzig Minuten später ist immer noch nicht einmal die Hälfte aller Teilnehmer gekommen. Der Strom will nicht fließen, der Schraubkünstler hat aufgegeben. Oh Powerpoint, mein Stecken und Stab, Du bist mir entrissen! Was bleibt, ist der Klassiker: Tafel und Stift.

Fliehen oder Kämpfen? Fliehen geht nicht, also werde ich mit der Tafel arbeiten und auf das vertrauen, was ich im Laufe der Jahre als Psychotherapeut gelernt habe. Um halb zehn sind endlich die meisten Teilnehmer da; zaghaft stecke ich den Kopf aus dem Sumpf der Selbstzweifel und fange an. Nach wenigen Minuten merke ich, es funktioniert, es funktioniert sogar sehr gut. Während Powerpoint eine starre Struktur vorgibt und dazu verführt, einen Haufen hübsch verpackten Schrott mitzuschleppen, zwingt mich die Tafel, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Zugleich lädt sie ein, ständig Kontakt zu halten mit den Teilnehmern, ihre Fragen und Kommentare sofort aufzunehmen und einzuarbeiten. Ich fühle mich wach und konzentriert und merke mit Erstaunen, dass mir die Sache mehr und mehr Spaß macht. Auch die Teilnehmer, Krankenschwestern und -pfleger aus fast allen Ambulanzen im Krisengebiet, sind mit Eifer dabei. Beim Mittagessen, einer etwas fettigen Angelegenheit, sage ich zu Evans, dem Berater, der mir assistierend zur Seite steht: nie mehr Powerpoint! Die vermeintliche Katastrophe hat sich als Glücksfall erwiesen.

Heute wieder mal eine Fahrt zu einer Klinik in den Bergen. In der Gegend ist wieder geschossen worden, Menschen wurden verletzt, Menschen wurden getötet, viele sind geflohen. Nur wenige Patienten tauchen auf, wir haben kaum etwas zu tun. Elvis und ich machen einen Rundgang durchs Dorf: es ist fast ausgestorben. Die wenigen Menschen, die wir treffen, berichten, dass sie nachts in den Feldern schlafen, um nicht in ihren Häusern überfallen zu werden. Wer erkältet ist, wird gemieden, damit er die anderen nicht mit seinem Husten verrät.

Viele Gruesse
Markus