Feldgruppe
28.10.07, Das Leben als dauerndes Improvisieren

Liebe Freunde,

Liebe Freunde,

was ändert sich, wenn einer reist? Ist es schwieriger, sich zu verstecken, weil die Diplome, die zuhause an der Wand hängen, in der Ferne wenig zählen und man so gesehen wird, wie man sich zeigt? Oder macht der automatische Respekt, den der Fremde vielerorten genießt, die Sache leichter? Wahrscheinlich beides. Was sicher zutrifft, jedenfalls bei einem kurzen Einsatz wie diesem: man muss sich - jenseits verbindlicher Umgangsformen - weniger einlassen. In dem Wissen, man wird in wenigen Wochen wieder woanders sein, lassen sich die Macken der anderen leichter aushalten und die eigenen entfalten sich nicht zur vollen Blüte. Verglichen mit einem Arbeitsplatz, an dem man Jahre zu bleiben gedenkt, ist es unverbindlich. Darin liegt, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, ein nicht geringer Reiz.

Die Kehrseite ist eine gewisse Beliebigkeit und Vorläufigkeit: das Leben als dauerndes Improvisieren. Man kann es auf die positive Formel der Weg ist das Ziel bringen, aber auch, wie Kundera, auf die negative der unerträglichen Leichtigkeit des Seins. Unerträglich ist sie noch nicht - weit entfernt davon - aber ich sehe, dass man irgendwann an den Punkt kommen kann, wo unerquickliche Fragen aufsteigen: Warum gerade hier? Warum gerade dies? Wer führt die Regie? Bin ich es noch selbst oder treibe ich längst wie ein Stück Holz dahin im Ozean der Möglichkeiten? Kann man überall zuhause sein? Oder ist man es dann nirgends? Gedanken, wie sie einem abends im Zelt kommen, während im Dunklen die Hunde heulen und ein unbekannter Vogel seine fremde Melodie trillert.

Viele Gruesse
Markus