Feldgruppe
23.10.07, „Mzungu, Mzungu“ – weißer Mann

Liebe Freunde,

Liebe Freunde,

ich suche die örtliche Klinik auf, um dem Direktor ein Seminar für die in dieser Gegend arbeitenden Krankenschwestern und –pfleger anzubieten. Thema: Erkennen psychischer Störungen und einfache Beratungstechniken. Die Klinik ist nur einen Kilometer entfernt und ich beschließe, zu Fuß zu gehen. Es ist das erste Mal, dass ich hier ohne Auto unterwegs bin. Sämtliche Kinder rennen an den Straßenrand und kreischen Mzungu, Mzungu, was so viel heisst wie weißer Mann. Tatsächlich bin ich wohl, wenn nicht gerade Besuch aus Nairobi da ist, der einzige im ganzen Ort. Ich fühle mich wie das Kalb mit den zwei Köpfen. Natürlich weiß ich, dass die Kinder einfach nur neugierig sind (dafür sollte gerade ich Verständnis haben!) und ich lächele mit verkniffenen Mundwinkeln.

Erfreuliche Überraschung in der Klinik. Ich hatte Schwierigkeiten erwartet, Hinhalten, aber nein, ich renne offene Türen ein. Als ich nach einer Stunde gehe, ist ein zweitägiges Training für die nächste Woche vereinbart: Mitarbeiter aus allen Ambulanzen der Region sollen daran teilnehmen, insgesamt etwa 20 Leute. Meine Freude ist allerdings gemischt, denn ich weiß, für mich wird es anstrengend, angefangen schon mit der Frage, welche Themen ich in diese kurzen zwei Tage hineinpacken soll. Im Grunde sind zwei Tage viel zu kurz für Menschen ohne solide Vorkenntnisse, aber es war das Beste, was sich aushandeln ließ: länger will man die Leute nicht von ihrer regulären Arbeit abziehen. So ist das hier mit allem: einerseits zu wenig, andererseits besser als gar nichts.

Am Abend spreche ich mit unseren Mitarbeitern über Burnout. Dieser Begriff bezeichnet eine Erschöpfungsdepression, die überforderte oder sich selbst überfordernde Helfer heimsucht, und zwar besonders gern unter Umständen wie den hiesigen, wo der Drang zu helfen weit größer ist als die Möglichkeit dazu, und man in seiner Freizeit ganz auf die eigenen Ressourcen geworfen ist. Selbst finde ich meinen Vortrag etwas lahm, doch man klebt an meinen Lippen und die Diskussion ist lebhaft. Mehrere Teilnehmer erkennen Warnzeichen. Besonders schwierig ist die Trennung von Arbeit und Freizeit: seit in paar Tagen ist sogar das Wohnzimmer mit Medikamentenkisten halb vollgestellt (dort, wo zuvor mein Zelt stand). Unübersehbar ragt die Arbeit in den Feierabend hinein.

Man steht früh auf, erfüllt auf den Dörfern seine Pflicht, kommt erschöpft und verdreckt zurück, wäscht sich kalt oder mit auf der Gasflamme gewärmtem Wasser (eine Dusche gibt es nicht), schaufelt in irgendeiner Ecke ohne großes Zeremoniell das Abendessen in sich hinein – Bohnen, Reis, Gemüse, Fleisch mit viel Knochen, manchmal Spaghetti - und geht früh ins Bett.

Selbst ich tue das, früh heisst bei mir: so gegen elf, nicht wie die anderen um neun. Was mache ich von neun bis elf? Ich lese natürlich, wie ich es schon immer getan habe, wenn mich niemand daran gehindert hat.

Viele Gruesse

Markus