Feldgruppe
16.10.07, Unser Therapiezelt wird eingeweiht

Liebe Freunde,

Liebe Freunde,

ausgerechnet in Afrika hat mich eine banale aber üble Erkältung befallen. Besser als was Tropenmedizinisches aber auch nicht so richtig angenehm. Gleich am Anfang schlapp zu machen erlaubt mein Stolz nicht, also mühe ich mich hustend und schniefend durch die Tage. Mein Immunsystem, wie es scheint, hat leichte Schwierigkeiten, meine Entscheidung zu akzeptieren.

Einen Tag lang erlaubte ich mir, im Hauptquartier zu bleiben und unter anderem einen Vortrag auszuarbeiten zum Thema „Wie erkennt man psychische Probleme“, für unsere medizinischen Mitarbeiter. Patienten, die über körperliche Probleme klagen – diffuse Schmerzen oder ähnliches – bekommen fast immer ein paar Tabletten, werden aber nur selten zur Beratung geschickt werden, obwohl es vielleicht genau das ist, was sie brauchen könnten. Das hiesige Verständnis für Zusammenhänge, die wir als psychosomatisch bezeichnen würden, scheint eher begrenzt und es ist eine meiner Aufgaben, es zu erweitern.

Wenn am Wochenende in die nächste Stadt fährt, kann man, wegen der Ausgangssperre ab 18.00 Uhr, nicht am Abend zurückkehren, das heisst, man übernachtet im Hotel. Meines in Kitale bietet warmes Wasser nur manchmal und tröpfchenweise, dafür aber, im ersten Stock, den direkten Ausblick auf eine Baumkrone voller riesiger Vögel mit ueberlangen Schnaebeln, die ich, in Erinnerung an die Zoobesuche meiner Kindheit, als Marabus identifiziere. Ich beobachte sie lange, auch wenn sie, außer eindrucksvoll herumzustehen, eigentlich nicht viel machen.

Was kann man noch tun in Kitale, einem Ort, den man sich in der Größenordnung von Städten wie Schwäbisch Hall oder Brandenburg vorstellen kann, allerdings gänzlich ohne Parks, gemuetliche Biergaerten oder andere Orte, wo man sich einfach nur zum urbanen Vergnügen hinbegeben würde? Auf jeden Fall Einkaufen: in mehreren riesigen Supermärkten gibt es alles, sogar Weingummis von Haribo. Erfreulich gutes Bier kann man trinken in der semi-gemütlichen, etwas düsteren Hotelbar, wo die Gäste, wenige Wochen vor der Wahl, über Politik diskutieren, in der hier üblichen Mischung aus Englisch und Suaheli; als einziger Europäer rufe ich keine besondere Aufmerksamkeit hervor.

Montag fühle ich mit fit genug, um erstmals hoch hinauf in die Berge mitzufahren. Am Vorabend hat es wieder mal heftig geregnet und tatsächlich, wie von den erfahrenen Mitarbeitern befürchtet, bleibt der Jeep in der berüchtigten Bamboo-Kurve im Schlamm stecken, es geht weder vor noch zurück. Schieben führt lediglich dazu, dass wir von Kopf bis Fuß mit Schlamm bespritzt werden. Ich maule ein bisschen und werde belehrt: das ist noch gar nichts! You call that dirty? That’s nothing. Mit dem Wagenheber wird das Fahrzeug am Heck angehoben; unter die Räder legen wir Äste und Steine, um die Haftung zu verbessern. Es funktioniert. Wenig später, an der Elefantenbrücke, sehen wir die ziemlich großen Haufen, die die Tiere hinterlassen haben; sie selbst haben – verständlicherweise – wenig Lust, einem lärmenden stinkenden Jeep zu begegnen.

Der Gipfel der Anhöhe ist zum größten Teil bewaldet, urzeitliche Riesenbäume (deren Namen ich nicht kenne), recken gewaltige Äste in den spärlich bewölkten afrikanischen Himmel. Es ist sehr ruhig hier, und deutlich frischer als in unserem Quartier 1500 Meter weiter unten. Wenn man hinunterschaut über die grüngewellte Landschaft und die Tukuls ausblendet, könnte man sich im Schwarzwald wähnen. In dieser Szenerie fällt es schwer, an die Realität von Mord und Vertreibung zu glauben. Solange jedenfalls, bis sich die Frauen versammeln, um davon zu berichten. Vor einem Jahr hatte hier oben kaum jemand gelebt; die Menschen hier sind aus den Tälern in die relative Sicherheit der Berghöhen geflohen. Der Preis dafür ist Hunger: für Ackerbau ist es zu kalt und um Vieh zu verkaufen, müssen sie in Gebiete durchqueren, die derzeit lebensgefährlich sind. Man wartet auf das Rote Kreuz, das Nahrungslieferungen zugesagt hat (und sie im Laufe der Woche auch durchführen wird).

Die Kinder freuen sich über eine Neuerung, die ich eingeführt habe: das Therapiezelt. Begeistert sehen sie zu, wie ein ungeschickter Deutscher und ein camperisch ahnungsloser Kenianer sich mit einem kleinen blauen Zelt abmühen. Es ist dasselbe Modell wie mein Wohnzimmerzelt, aber hier weht ein kräftiger Wind, der das Befestigen der Planen zum Erlebnis macht, für uns und für die Zuschauer.

Die Mediziner sind Dauercamper: für sie gibt es ein größeres und robusteres Zelt, in dem man sogar stehen und herumgehen kann. Tatsächlich und nicht besonders überraschend fängt es am Nachmittag wieder an zu regnen: unsere Therapiezelt wird eingeweiht von einer intelligenten jungen Frau, die berichtet, wie der Konflikt ihr die Zukunft versperrt. Statt ein Studium zu beginnen, wie sie es mit ihrer Familie geplant hatte, sitzt sie in ihrer kalten Berghütte, zur Untätigkeit verdammt, hat nicht mehr die Mittel für ein Studium (das meiste Vieh mussten sie auf der Flucht zurücklassen), hat keine Ahnung, wie es weitergeht.

Viele Gruesse

Markus