Feldgruppe
16.03.09 Dadiras Stärken

Ich habe einen Anruf von einer Kollegin von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland bekommen, dass sie für ihren Jahresbericht eine kurze Geschichte über jemanden benötigen, dem Ärzte ohne Grenzen helfen konnte.

Ich habe einen Anruf von einer Kollegin von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland bekommen, dass sie für ihren Jahresbericht eine kurze Geschichte über jemanden benötigen, dem Ärzte ohne Grenzen helfen konnte. Ich habe so vielen getroffen, so viele Geschichten gehört, über so viele von ihnen geschrieben, dass ich entschieden habe, in unser am nächsten liegendes Projekt zu fahren und jemand Neues zu treffen. Außerdem fahre ich gerne nach Epworth.

Epworth liegt 30 Autominuten östlich von Harare. Ein sonniger Wind weht durch die Fenster während wir fahren. Als wir uns dem Township nähern, sehe ich die hellbraunen Felsbrocken, für die der Ort bekannt ist. Die Felsbrocken balancieren unglaublich aufeinander, so dass es oft scheint, als würden sie die Gravitationskräfte außer Kraft setzen. Ich habe sie schon so oft gesehen, sie sind sogar auf den mittlerweile wertlosen simbabwischen Geldnoten abgedruckt. Die Aussicht begeistert mich nach wie vor - sie sind wie Simbabwe selber, so labil und doch unbewegt, irgendwie beständig - und wunderschön.

Wir erreichen die Klinik von Ärzte ohne Grenzen und treffen Stef, die Projektkoordinatorin, die ich vorher bereits angerufen hatte. Sie hat ein begeistertes Funkeln in ihren Augen. "Ich habe gerade eine Frau für dich gefunden", sagt sie. "Sie ist großartig." Wir gehen zum Eingang der Klinik, wo eine endlose Reihe von Patienten wartet; sie wurden in Rollstühlen sitzend oder liegend von ihren Verwandten hierhergebracht. "Heute ist ein ruhiger Tag", sagt Stef. Was, wenn man sich umschaut, ironisch erscheinen mag. Was es aber nicht ist, wenn man andere Tage erlebt hat. Das Projekt von Ärzte ohne Grenzen in Epworth behandelt über 10.000 HIV-positive Menschen, die in der Gegend leben.

low_47495-webEine große, stolze Frau in einer lila Schürze sammelt in der Anmeldung die Daten der wartenden Patienten. Stef fragt sie, ob sie bereit wäre, als Begünstigte von Ärzte ohne Grenzen auszusagen und sie stimmt begeistert zu. Stef verlässt uns und ich unterhalte mich mit Dadirai.

Ich bin sofort von Dadirai begeistert. Sie strahlt Stärke aus. Sie ist voller Tatendrang, überzeugend, unstillbar.

Sie ist gerade heraus. Zuerst erzählt sie mir, wie ihr Ehemann krank wurde, aber jede Behandlung abgelehnt hat. Sogar als er im Krankenhaus im Sterben lag, hat er alle Medikamente verweigert - und ist gestorben. Dann wurde ihre kleine Tochter krank und es stellte sich heraus, dass das Kind HIV-positiv war. Kurz darauf wurde sie selber krank, und als sie sich hat testen lassen, wurde ihre Befürchtung wahr, dass sie ebenfalls HIV-positiv ist. "Es war eine harte Zeit", sagt sie nüchtern und ohne Selbstmitleid. Sie konnte nicht gehen, essen und sich um sich selber kümmern, geschweige denn um ihre beiden HIV-positiven Töchter. Ihre ältere Tochter, die jetzt 11 Jahre alt ist, war zwar nicht krank, wurde aber ebenfalls positiv getestet. Dadirai hat aber nicht aufgegeben und mit der Hilfe von antiretroviralen Medikamenten geht es ihr und ihrer kleinen Tochter besser.

"Ich möchte vielen Menschen helfen", sagt sie bestimmt mit dem Kopf nickend und sich selber wiederholend. "Genau, VIELEN Menschen. Ich möchte, dass es kein HIV mehr in Simbabwe gibt. Ich möchte, dass es niemanden mehr mit HIV gibt." Sie spricht leidenschaftlich und mit Überzeugung. "Ich möchte helfen, anderen Menschen beizubringen, wie sie sich vor HIV schützen können, wie sie sich um sich selber kümmern müssen - das ist es, was ich tun möchte."

Dadirai ist jetzt 32 und bekommt seit 2007 antiretrovirale Medikamente im Programm von Ärzte ohne Grenzen in Epworth. Als sie das Programm angefangen hat, hat sie ein Jahr freiwillig Aufklärung betrieben, indem sie andere HIV-positive Menschen ermutigt hat, ihren Status zu akzeptieren und die Medikamente zu nehmen.

Nachdem sie ein Jahr lang als Freiwillige gearbeitet hat und hat sie sich mit der Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen entschieden, wieder zur Schule zu gehen. Sie musste jeden Tag zwei Stunden laufen - "bergauf und bergab jeden Tag" - um die Schule zu erreichen. Am Abend und am Wochenende hat sie Gemüse verkauft, um sich und die beiden Kinder zu ernähren. "Es war eine schwere Zeit", sagt sie, aber sie hat nicht aufgegeben. Sie hat ihren Abschluss gemacht und arbeitet jetzt als stolze Schwesternhelferin bei Ärzte ohne Grenzen. Sie hofft, eines Tages Beraterin zu werden.

Zwischenzeitlich erzieht sie ihre Kinder dahingehend, sich nicht dafür zu schämen, dass sie HIV-positiv sind. Sie ermutigt sie vielmehr, offen und ohne Angst mit den Klassenkameraden und Lehrern darüber zu reden. Sie selber redet mit jedem und überall über ihren Status und wie wichtig es ist, sich testen zu lassen. Manchmal predigt sie es anderen Menschen, die mit ihr auf den Bus warten, erzählt sie mir lachend. Wenn sie ihr nicht glauben, dass sie HIV-positiv ist, holt sie ihre Dose mit den antiretroviralen Medikamenten raus und schüttelt sie. "Ich erzähle ihnen - sei dir deines Status bewusst, lass dich testen, lass dich behandeln", sagt sie mit Begeisterung. Wie kann man dieser Kraft widerstehen?